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Die Wut des Wessis

Rolf Schafstall kehrt in Dresden mit eisernem Besen – muss allerdings nach einem Interview schnell wieder gehen.

© Ronald Bonß

Von Sven Geisler

S ein Fazit fällt deftig aus: „Kein Anstand, lauter Ossis.“ Zitat Rolf Schafstall. Der Duisburger hatte zwei seiner insgesamt 14 Stationen als Fußball-Trainer im Osten, allerdings gerieten die besonders kurz: 1992 für 55 Tage bei Stahl Brandenburg und nur zwei Tage länger bei Dynamo.

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Er ist am 2. Februar 1999 als Feuerwehrmann geholt worden, viereinhalb Jahre zuvor hatte er bei Hannover 96 seinen letzten Job. Doch bei den Dresdnern brennt es nach der 1:3-Schlappe in Plauen lichterloh. Sie sind in der damals noch drittklassigen Regionalliga so weit abgerutscht, dass Präsident Endrik Wilhelm den Spielern dankenswerterweise sogar schon eine Nichtabstiegsprämie in Aussicht stellt. Man hat’s ja, auch wenn der Millionen-Deal mit Michael Kölmel und dessen Kinowelt, der den Verein noch schwer belasten sollte, erst zum Ende des Jahres abgeschlossen wird. Es ist bereits der zweite Trainertausch in der Saison. Im Dezember 1998 musste Werner „Piko“ Voigt gehen, der Berliner war ein Missverständnis. Damian Halata rückte vom Co- zum Cheftrainer auf, aber unter ihm wurde es keinen Deut besser. Nun soll es also Schafstall, damals 61, richten.

Darin, so verkündet Schafstall bei seinem Amtsantritt, sehe er den Reiz der Aufgabe: eine am Boden liegende Mannschaft aufzurichten. „Mich interessiert weder das Geld noch irgend ein Ansehen“, versichert er vollmundig. Kurz darauf erntet er bei einem Forum mit Fans Beifall für die ehrliche Antwort auf die Frage, weshalb er nach Dresden gekommen ist: „Da muss einen schon der Teufel reiten.“

Ein Mentalitätsproblem zwischen Ost und West gebe es nicht, beteuert Schafstall an seinem ersten Trainingstag bei Dynamo. Das liest sich dann im Nachrichtenmagazin Der Spiegel komplett anders. „Schokolade vom bösen Onkel“ lautet die Schlagzeile für den Bericht über die Zustände bei Traditionsklubs im Osten – und weiter im Text: „Die Sekretärin macht Überstunden und bringt Kaffee. Schafstall sagt: ,Na, dann bring’ ich beim nächsten Mal wieder ’ne schöne Schokolade mit.‘ So wie er redet, könnte es passieren, dass er der Sekretärin zu Weihnachten ein Päckchen schickt mit Jacobs Krönung, Kaloderma Bodylotion und Bellinda Feinstrumpfhosen.“

Schafstall mimt bei Dynamo den „Super-Besserwessi“, wie ihn Ex-Präsident Dieter Riedel charakterisiert: „Sportlich hat er nichts bewegt, aber in der Mannschaft, im ganzen Klub und im Umfeld für helle Empörung gesorgt mit einer Folge an schlimmsten Beleidigungen.“ So erklärt Schafstall zum Beispiel Torsten Gütschow – dreimal Torschützenkönig im Osten –, dass seine beste Zeit vorbei sei. Woraufhin der Stürmer konterte: „Das unterscheidet mich von Ihnen. Sie haben nie eine große Zeit gehabt.“

Außerdem beschwert sich der Coach bei einer Pressekonferenz, weil die Verantwortlichen angeblich nicht mit ihm reden. „Ich hatte schon befürchtet, das Sprechen zu verlernen“, motzt er. „Ich habe ein nagelneues Handy, aber das kann ich ungebraucht zurückgeben. Mich ruft sowieso niemand an. Ich werde mal ein paar Fotos von mir auf der Geschäftsstelle abgeben, damit im Präsidium auch alle wissen, wie der Trainer aussieht“, meint Schafstall bissig.

Dieser Wutausbruch reicht jedoch noch nicht für den vorzeitigen Abflug, auf den es das „Kind des Ruhrgebietes“, wie er sich bezeichnet, wohl angelegt hatte. Die Dynamo-Verantwortlichen, die 30 000 Mark vom Kinowelt-Darlehen für Schafstalls kurzes Gastspiel investiert hatten, reagieren beinahe reumütig. Man begrüße das Bemühen des Trainers, die Arbeit des Vereins in allen Bereichen weiter zu verbessern, hieß es in einer Pressemitteilung: „Das Präsidium wird die Äußerung von Herrn Schafstall zum Anlass nehmen, die Gespräche im Verein noch weiter zu intensivieren.“

Trotzdem war für Schafstall das Kapitel Dynamo bereits abgeschlossen. Ende Februar teilte er mit, seinen bis zum Saisonende laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Die Gründe waren einen Monat später im „Spiegel“ nachzulesen: „Dreck, wo du hinguckst. Denen hab ich erst mal den Marsch geblasen: Besen in die Hand nehmen, auskehren, Hygiene hereinbringen. Dem Zeugwart muss man in den Arsch treten, dass er seinen Job macht und nicht in den Tag reinquasselt und von alten Zeiten erzählt. Das sind lauter Spinner hier. Da stehen die Galoschen im Regal, voller Mist. Da hab ich gesagt: Jetzt kauft euch zehn Behälter mit Wasser drin und zehn Wurstelbürsten und macht die Schuhe draußen sauber, ja? Die sehen keinen Dreck hier. Das haben die früher nicht sehen müssen. Die sind nicht zur Arbeit, nicht zur Ordnung, zu nichts erzogen worden hier. Das stinkt zum Himmel.“

Einmal in Rage legt Schafstall, der übrigens als Wiederholungstäter wegen Alkohol am Steuer vier Monate im Gefängnis verbringen musste, noch mal nach: „Soll ich dafür Sorge tragen, dass die im richtigen Moment nicht den Tritt in den Arsch bekommen haben?“

Nach diesem Rundumschlag trennen sich beide Seiten „im gegenseitigen Einvernehmen“, wie es heißt. Schafstall darf in der Pressemitteilung des Vereins sogar noch erklären, dass er „in keinster Weise beabsichtigte, die Menschen in den neuen Bundesländern in irgendeiner Weise zu diffamieren oder zu verunglimpfen“. Wirklich entschuldigt hat er sich nie, bestenfalls gerechtfertigt: „Ich lege großen Wert auf Ordnung, Disziplin und Sauberkeit. Was ich in Dresden erlebt habe, brachte das Fass zum Überlaufen.“

Späteren Nachfragen wich er aus, seine Frau antwortete nach einigen vergeblichen Versuchen am Telefon: „Ich glaube nicht, dass er dieses Gespräch will. Was soll er Ihnen denn erzählen? Das war für ihn keine schöne Zeit.“ Rolf Schafstall starb am 30. Januar 2018.

Noch mehr rund um das Vereinsjubiläum lesen Sie in unserem Dossier „65 Jahre Dynamo“