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Dresden

Die Zahl der Pflegekinder steigt rasant

Hunderte Kinder werden aufgrund des Crystalkonsum oder Überforderung der Eltern aus den Familien geholt.

Immer mehr Mädchen und Jungen wachsen bei Pflegefamilien auf, da sich ihre leibliche Eltern nicht gut um sie kümmern können.
Immer mehr Mädchen und Jungen wachsen bei Pflegefamilien auf, da sich ihre leibliche Eltern nicht gut um sie kümmern können. © dpa

Immer wenn Paula das Geräusch des Föhnes hört, fängt sie an zu weinen. Lange rätselt ihre Pflegemutter, was der Ton bei der Vierjährigen auslöst. Dann wird klar: Der Föhn erinnert das Mädchen an ihre leibliche Mutter. Diese föhnte sich die Haare, schminkte sich und ließ Paula dann allein, während sie stunden- manchmal tagelang feiern ging. Paula ganz allein in der Wohnung. Nach vielen Versuchen des Jugendamtes und Gesprächen mit der Mutter ging es nicht mehr. Das Mädchen wurde aus der Familie geholt und lebt nun in einer Pflegefamilie.

Paulas Schicksal teilen immer mehr Kinder in Dresden. Die Zahl derer, die aus ihren Familien geholt werden müssen, steigt. Waren es im Jahr 2010 noch 376 Kinder, musste das Jugendamt 2018 dann 453 in Obhut nehmen. Mit diesen Werten erhöhen sich auch die Pflegekinder in der Stadt. Derzeit sind es rund 345 Minderjährige in 293 Familien, so die Stadt. Wenn es möglich ist, werden Geschwister in der gleichen Familie untergebracht. 2010 waren es noch 176 Kinder, 2005 insgesamt 154. Die Gründe, warum die Mädchen und Jungen nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben können, seien vielfältig, so das Sozialamt. Sie reichen von Überforderung, Krankheit, Gewalt bis hin zu Suchtproblemen. Besonders groß ist der Anstieg der crystalsüchtigen Eltern. Fällt eine abhängige Mutter in der Schwangerschaft auf, handelt das Jugendamt sofort und führt Gespräche mit Eltern und Ärzten. Nimmt ein Paar ein Pflegekind bei sich auf, bekommt es vom Jugendamt Pflegegeld dafür. Das Amt zahlt monatlich je nach Alter zwischen 560 und 709 Euro Sachkostenaufwand plus 245 Euro Pflegegeld. Dazu kommen noch andere Zuschüsse für Bekleidung, Fahrtkosten, Urlaub und Freizeit, Kitabeiträge und die Erstausstattung des Kindes.

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Bevor eine Familie oder eine Einzelperson ein Kind aufnehmen darf, müssen sie eine Prüfung des Jugendamtes durchlaufen. Vorher steht ein Vorbereitungsseminar an. Das bietet neben dem freien Träger Outlaw und dem Verein „Wegen uns“ auch die Pflegeelternberatungsstelle der Diakonie an. „Der Bedarf an Pflegeeltern ist sehr hoch, da immer mehr Kinder aus ihren Familien genommen werden müssen“, so Annette Seidel von der Diakonie. Auch sie sieht Crystalkonsum als eines der größten Probleme. Wenn sie künftige Pflegeltern berät und betreut, stehen Pädagogik, Bindungstheorie und Umgangsregelungen mit den Herkunftseltern auf dem Stundenplan. „Interessierte Eltern müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, einen Bogen mit persönlichen Fragen, einen ausführlichen Lebensbericht sowie einen Verdienstnachweis und ein Gesundheitsgutachten abgeben“, erklärt Annette Seidel vom Fachteam Pflegeelternberatung der Diakonie. Ist die Prüfung abgeschlossen, lernen die Eltern ihr Pflegekind kennen. „Sie sollten sich aber nicht scheuen, auch Nein zu sagen, wenn sie sich den Umgang mit den speziellen Verhaltensauffälligkeiten des Kindes nicht zutrauen“, so Seidel. Ein klares Nein zu Beginn sei für alle besser als ein nachträglicher Abbruch der Beziehung. Die Angst vor einem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten macht es Seidel immer schwerer, Pflegeeltern zu finden. „Viele Kinder haben tatsächlich Bindungsängste oder auch Auffälligkeiten wie ADHS oder verletzen sich selbst“, so Seidel. Dagegen helfe viel Liebe und Nähe.

Wenn sich Eltern einmal für ein Pflegerkind entschieden haben, haben sie tausend Fragen. Diese zu beantworten, aber auch den frischgebackenen Müttern und Vätern ein bisschen Last von den Schultern zu nehmen, hat sich der Verein „Wegen uns“ in Prohlis zum Ziel gesetzt. Der Verein bietet Schulungen und Beratungen für Pflegefamilien an, zum Umgangsrecht mit den leiblichen Eltern und möglichen psychischen Problemen der Kinder.

„Man muss von Fall zu Fall entscheiden, wie viel Kontakt mit den Herkunftseltern für das Kind gut ist“, so Vereins-Geschäftsführerin Maika Hochberger, die selbst Pflegekinder bei sich aufgenommen hat. Oft hätten die leiblichen Eltern gar keinen Bezug mehr zu ihrem Nachwuchs. „Wir raten aber dazu, dem Kind von Anfang zu sagen, wer die leiblichen und wer die Pflegekinder sind“, so Hochberger. Neben der Beratung bietet „Wegen uns“ auch eine Babysittervermittlung an für freie Abende oder gemeinsame Aktivitäten wie Ausflüge oder Grillnachmittage. 

Wer sich vorstellen kann, ein Pflegekind aufzunehmen, kann sich unter [email protected] oder [email protected] melden.

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