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Die Zeichen der Zeit

Für das heutige Spiel in Cottbus appelliert Dynamo an die Fans und streicht Mickael Poté und Zlatko Dedic aus der Mannschaft.

© Robert Michael

Von Tino Meyer

Normal ist das nicht. Doch Thorsten Schulz hat Verständnis für diese Reaktion der Fans, auch für manches derbe Wort. Es sei definitiv die richtige Entscheidung gewesen, nach der Nullnummer gegen Sandhausen vorm K-Block anzutreten, wo eine halbe Stunde nach Abpfiff ein paar Hundert ihren Unmut über Dynamo Dresdens sportliche Lage ausdrückten.

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Die Art und Weise hat den 29-Jährigen trotzdem überrascht. Keine schönen Szenen seien das vor einer Woche gewesen, die große Emotionalität habe er nicht erwartet. „Das zeigt aber auch, was Dynamo den Fans bedeutet und welchen Stellenwert der Verein in Dresden hat“, sagt Schulz, der zwar nicht mal ein Jahr für die Schwarz-Gelben spielt, sich jedoch schon mehr mit dem Klub identifiziert als mit allen anderen Vereinen zuvor, also beispielsweise Bayern München und Unterhaching. Auch nach Cottbus, wo er zwei Jahre spielte, ist die Verbindung abgebrochen. Nur den Stadionsprecher kennt er noch. Zusammen haben sie am Sportgymnasium das Abitur gemacht.

Wie das Dynamo-Gefühl bei seinen Mitspielern ausgeprägt ist, vermag Schulz allerdings nicht zu sagen. Eines aber trifft für alle zu, meint er: „Wir haben Verträge. Viele sind mit der Familie in Dresden, die Kinder gehen hier in die Schule oder den Kindergarten. Keiner von uns will freiwillig absteigen. Und es ist auch nicht so, dass die Spieler dann keine Einbußen hätten.“

Schulz’ Worte kann man auch als Plädoyer verstehen. Sie sind ein Appell an die Fans, die Mannschaft auch zu unterstützen, wenn nach 70 Minuten keine Tore gefallen sind. „Solange wir die Chance haben, etwas mitzunehmen, darf die Stimmung nicht kippen. Es ist kein Geheimnis, dass gegnerische Trainer ihrer Mannschaft mitgeben, die Fans gegen uns aufzubringen“, erklärt Schulz. Ebenso klar sei, dass niemand absichtlich schlecht spielt, selbst wenn es von der Tribüne betrachtet den Anschein haben sollte.

Am Montag haben sich die Dresdner zusammen Energies 0:2-Niederlage bei Union Berlin angesehen und am Tag danach ausgewertet mit Olaf Janßen, der als Augenzeuge vor Ort gewesen ist. Schulz bezeichnet das als gute Aktion. Seine Schlussfolgerung für heute: Mit Kampf und Verstand ist beim Tabellenletzten, und Schulz wiederholt sich, „etwas mitzunehmen“. Konkreter drückt er sich nicht aus. Doch ein erneutes Remis hilft eben nur bedingt.

Normal ist ja auch diese Serie nicht. 15 Unentschieden in 28 Spielen – damit dürften die Dynamos ein Alleinstellungsmerkmal besitzen, auf das sie lieber verzichten würde. Janßen hat „Unentschieden“ gestern jedenfalls schon mal zum Unwort des Jahres gekürt. Und er hat erste Entscheidungen getroffen. Nach den Trainingseindrücken rücken Marvin Stefaniak und Robert Koch heute sehr wahrscheinlich in die Anfangself, sicher nicht dazugehören werden Mickael Poté und Zlatko Dedic. Also jene zwei Angreifer, die Janßen rückblickend auf Sandhausen noch einmal gezielt als „Ausfälle im Zentrum“ bezeichnete.

Damit setzt der Trainer das angekündigte Zeichen, auch wenn er die Personalien nicht bestätigen will. Die Kuscheltour, also vielleicht eine Kahnfahrt im Spreewald als Einstimmung fürs Spiel, hält Janßen momentan für total abwegig.

Was Schulz zuversichtlich stimmt, sind die vergangenen Partien, Sandhausen eingeschlossen. „Ich habe extra nachgeschaut: In zehn Spielen haben wir nur elf Gegentore bekommen, davon drei Elfmeter und zwei Standards“, sagt er und meint: „Normalerweise gewinnt man mit so einer Bilanz drei Spiele.“ Normalerweise, mag man entgegenhalten, schießt eine Mannschaft in zehn Spielen auch mehr als acht Tore. Doch was ist im Fußball schon normal?