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Die Zeit als Gegner

Andreas Bretschneider gilt als Medaillenhoffnung bei Olympia. Doch die Schulter macht dem Turner große Sorgen.

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© Toni Söll

Von Michaela Widder

Wenn Andreas Bretschneider an Rio denkt, sind das zuerst gute Erinnerungen. Wie er sich im April mit den deutschen Turnern bei der finalen Chance noch einen Startplatz für die Sommerspiele erkämpfte – obwohl mancher munkelte, der Ausfall von Fabian Hambüchen könnte zu schwer wiegen. Versagen verboten war die Devise und das Team erleichtert, dass der Plan auch ohne den Vorturner aufging. Was diese letzte Qualifikationschance aber auch für ein wochenlanger Kraftakt war, darüber spricht kaum einer. Zu spüren bekamen es die Turner, natürlich. „Die Vorbereitung war hart“, sagt Bretschneider, „das macht einen schon körperlich fertig. Wir sind danach in ein tiefes Loch gefallen.“

Nach nur sieben Tagen Pause begann das Training wieder in Chemnitz. Und Bretschneider bemerkte zwar da schon, dass er seine „rechte Schulter mehr merkte als sonst“ – aber er verdrängte den Schmerz. Zähne zusammenbeißen, das machen sie doch alle. Beim Weltcup in Sao Paulo Ende Mai waren die Schulterschmerzen allerdings so stark geworden, dass er im Finale am Barren nicht antrat. Am Reck wurde er später trotzdem noch Vierter.

Bretschneider unterbrach daraufhin seine Rückreise in Frankfurt, reiste direkt weiter zum Mannschaftsarzt nach Bern, wo zu dem Zeitpunkt die EM stattfand. Eine MRT-Untersuchung gab schließlich Gewissheit: Zwei Drittel der Sehne seiner Rotatorenmanschette sind eingerissen. „Das ist eine schwierige Situation, weil es schon eine größere Verletzung ist, die ich mir da zugezogen habe. Es war sicher ein schleichender Prozess während der harten Vorbereitung auf die Olympia-Quali“, vermutet er nun rückblickend.

Die Frage, ob er die Verletzung irgendwie hätte verhindern können, stellt er sich nicht. Weil ihm die Antwort auch nicht weiterhelfen würde. Olympia ist in zwei Monaten, und noch nicht mal die Zeit bis dahin hat er für Therapie und einen langsamen Aufbau. Denn Bretschneider muss sich wie alle anderen Turner in einem nationalen Ausscheid für einen der fünf Startplätze erst noch qualifizieren – erst bei den deutschen Meisterschaften in zwei Wochen in Hamburg und dann am 7. Juli in Frankfurt.

Der WM-Fünfte bekommt keinen Bonus dafür, dass er einer von höchstens vier Medaillenkandidaten in Rio ist, dass er mit seinem „Bretschneider“ am Reck das schwierigste Element der Turn-Geschichte erfand und dass er beim Testwettkampf in Rio mit Silber die einzige Männer-Medaille gewann. Es ist kein Geheimnis, dass bei Bundestrainer Andreas Hirsch nichts so wenig wert ist wie der Erfolg von gestern. Sein System ist hart, aber transparent.

Dabei weiß selbst Hirsch: „Die Zeit ist unser größter Gegner.“ Mit Bretschneider und Hambüchen hat er gleich doppelt „Sorge um die Schulter Nation“. Die gute Nachricht beim Chemnitzer: Er kann weiterhin trainieren, und an seinem Spezialgerät hat er die wenigsten Probleme. Ein Spagat ist es dennoch, wie der 26-Jährige verdeutlicht: „So wenig machen, dass die Sehne nicht abreißt, aber so viel machen, um fit für Olympia zu sein.“

Täglich Stoßwellen und Mikrostrom

Was dies konkret bedeutet, hat er noch in Bern mit den Ärzten und Trainern besprochen. Die Mediziner verordneten ihm eine spezielle Röntgenbestrahlung für das entzündete Gewebe. In Chemnitz ist er nun täglich zwei Stunden in der Physiotherapie und bekommt abwechselnd Stoßwellentherapie und Mikrostrom.

Da er vor allem Probleme bei Elementen mit gebeugtem Arm hat, entschärfte er seine Übungen an den Ringen und am Barren. Damit ist der Ausgangswert etwas niedriger, aber Medaillenchancen hat er an diesen beiden Geräten ohnehin nicht. „Da gehe ich kein Risiko ein und trotzdem nicht unter, sondern schwimme national mit.“ Im Normalfall dürfte er sich allein mit seiner hochklassigen Reckübung locker fürs Olympiateam qualifizieren. Doch Bretschneider ist ein Rechner: „Wenn ich die durchturne, bin ich dabei. Aber wenn ich zweimal runterfalle, ist es vorbei.“ Deshalb will er nicht alles auf eine Karte setzen und deshalb turnt er auch im Mehrkampf.

Der Fokus liegt aber auf dem Reck, und seine spektakulären Flugelemente kann er trotz der Probleme trainieren. „Die sind so schwer. An den technischen Feinheiten muss ich Tag für Tag arbeiten, um sie zu präzisieren.“ Natürlich sei er im Training vorsichtiger. Jeder leichte Sturz könnte in seinem Zustand schlimme Folgen haben. „Aber wir können uns ja nicht in Watte packen“, findet sein Heimtrainer Sven Kwiatowski, der 2004 in Athen als vorerst letzter Turner aus Chemnitz bei Olympia war.

Die Durststrecke will Bretschneider, der ein Spätstarter ist, unbedingt beenden. Allein der olympische Geist, dabei sein ist alles, ist dem Sportsoldaten aber zu wenig. „Ich weiß jetzt, dass ich aus eigener Kraft eine Olympiamedaille holen kann und nicht auf Schützenhilfe durch Stürze anderer angewiesen bin“, betont er. Obwohl ihn seine Verletzung zur Unzeit traf, rückt er von diesem Ziel nicht ab. Dass er ein Kämpfer ist, hat Bretschneider öfters schon bewiesen, und er würde es wieder tun.