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Die Zigarre als Unesco-Weltkulturerbe?

Die SZ erzählt Geschichten aus dem alten Rödertal. Heute: Über die Rauchgewohnheiten in Radeberg vor 100 Jahren.

Von Hans-Werner Gebauer

Es ist kein Scherz. Am 24. März dieses Jahres sagte der Leiter des Politischen Ressorts des Club de Fumadores, Stefan Buchholz, im Rahmen eines Parlamentarischen Abends mit Mitgliedern des Deutschen Bundestages, Mitgliedern des Europaparlaments und Botschaftern: „Die Bedeutung des Kulturgutes Zigarre auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene halten wir für unabdingbar förderungswürdig.“ Und das in einer realen Welt, die das Nichtrauchen vorantreibt.

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Im Radeberg des frühen 20. Jahrhunderts spielte das Rauchen im öffentlichen Milieu eine weitaus größere Rolle als heute. Radeberg hatte mindestens zwanzig Raucherklubs, die allesamt vom Verfassungsausschuss der Stadt zugelassen waren. Jüngstes Kind der Szene war vor 100 Jahren der Raucherklub „Fidelitas“. Dieser hatte den französischen Aufklärer Moliere zu seinem Gründungsvater gemacht, hatte doch dieser geäußert: „Rauchen ist die Leidenschaft der ehrenwerten Leute. Wer ohne Tabak lebt, ist nicht würdig zu leben. Der Tabak erheitert und reinigt das Gehirn und spornt die Geister an, zu rechtschaffendem Denken.“ Und so wurde der Raucher-Klubabend ein durchaus geistiger Abend. Ein Vorsager musste sich zunächst über das Rauchen auslassen. So hatte Gustav Vogelsang sich mit den schon damals öffentlichen Kritiken am Rauchen befasst. Seine Erkenntnis „Was nützt mir die beste Gesundheit, wenn ich dumm und dämlich bin!“ war Motto des Monats Februar 1914. Und so konnte man in diesem Monat praktisch alles Dämliche dieser Welt im Raucherklub „Fidelitas“ loslassen. Im Folgemonat war Wilhelm Busch dran. Von ihm stammt der Vers: „So geht es mit Tabak und Rum, erst bist Du froh, dann fällst Du um!“ Man sinnierte über Rauch und Alkohol, holte sich sogar einen puritanischen, abstinenten Arzt aus Berlin, der gegen Tabak und Alkohol wetterte, um ihn im Nachgang zu verspotten. Gängigstes Motto „Rauchst Du, musst Du sterben, rauchst Du nicht, stirbst Du auch!“. „Fidelitas“ feierte im Mai 1914 sein 1. Stiftungsfest. Eingeladen wurden alle existierenden Raucherklubs der Stadt. Und da erschienen die von „Qualmaria“ und „Dunst“, von „Dubec“ und die „Frischen Zigarettenfreunde“, von „Victoria“ und „Herzlichen Qualm“, von „Die alten Pfeifenköppe“ und „Rutsch aus!“, „Die Spaßraucher“ und „Langsamdenker“, „Frosts Qualmbude“ (das war der Raucherklub aus der Gaststätte Gambrinus), „Kühnels Zehnerklub“, „Die Dampfablasser“ und die „Spätzünder“. Gefunden habe ich auch solche Namen: „Rauchen bis später“, „Die alten Schnupfbrüder“, „Elias Raucherklub“, „Die zwölf Gerechten“ und den einzigen Frauenrauchklub „Damen aus der Post“.

Mit dem Zuteilen der Zigaretten im 1. Weltkrieg und der Verteuerung ging eine Ära einer gesellschaftlichen Alltagskultur dahin, die um 1800 in Radeberg ihren Ursprung genommen hatte.