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Die zwei Gesichter von Zittau-Süd

Hans-Joachim Wolf und Inge Kallies haben die SZ durch den Stadtteil geführt. Der eine hat die schlechten Seiten und die andere die schönen betont. 

Hans-Joachim Wolf und Inge Kallies haben die SZ durch einen Teil von Zittau-Süd geführt.
Hans-Joachim Wolf und Inge Kallies haben die SZ durch einen Teil von Zittau-Süd geführt. © Matthias Weber/Rafael Sampedro

"Wir sind auch Zittauer, aber unsere Gegend verkommt", sagt Hans-Joachim Wolf. Er fühlt sich von der Stadt in Zittau-Süd abgehangen. Inge Kallies dagegen meint: "Es gibt viele schöne Ecken in Zittau-Süd." Beide haben der SZ ihr Zittau-Süd gezeigt.   

Die zwei Routen zeigen schöne und schlechte Seiten von Zittau-Süd. 
Die zwei Routen zeigen schöne und schlechte Seiten von Zittau-Süd.  © SZ-Grafik/Sylvia Tietze

Hans-Joachim Wolf fühlt sich in Zittau-Süd abgehangen von der Stadt

Hans-Joachim Wolf ärgert sich über die vielen verfallenen Gebäude im ehemaligen Armeegelände. 
Hans-Joachim Wolf ärgert sich über die vielen verfallenen Gebäude im ehemaligen Armeegelände.  © Matthias Weber

"Was ist aus Zittau-Süd nur geworden", ärgert sich Hans-Joachim Wolf.  Er wohnt in der Ziegelstraße und nimmt die SZ mit auf einen Rundgang durch ein Gebiet, in dem ihm buchstäblich der Kragen platzt. Er kennt es wie seine Westentasche.  

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Zwischen Adlerschießen und Blasmusik
Zwischen Adlerschießen und Blasmusik

Vom 23. – 25. Juli findet das beliebte Lückendorfer Heimatfest statt.

Hans-Joachim Wolf zeigt auf das große Gebäude an der Ecke Sachsenstraße/Kantstraße. Das Haus ist unbewohnt. Und das ist nicht zu übersehen. "Da waren mal super Wohnungen drin", sagt er. Zu DDR-Zeiten soll hier Zittaus NVA-Regimentskommandeur gewohnt haben. 

Sein Blick schweift zur Sachsenstraße. Ein paar große Wohnblöcke sind dort schon lange leer gezogen. Einige Häuser davon wollte ein Investor sanieren. Bei einem Haus hat er angefangen. Nun tut sich auch hier schon lange nichts mehr. 

Am Ende der Sachsenstraße biegt Hans-Joachim Wolf in die ehemalige Kaserne ein. Hier kennt er sich noch besser aus. Als ehemaliger Offizier hat er es bis zum Oberstleutnant der NVA gebracht. Er könnte zu jedem Gebäude in dem riesigen Areal eine Geschichte erzählen. 

"Das nenne ich blühende Landschaften", sagt er ironisch in Anlehnung an den Ausspruch von Altbundeskanzler Helmut Kohl zur Wendezeit. Hans-Joachim Wolf zeigt auf das viele Grün ringsum. Wildgewachsene Bäume und Sträucher verdecken immer mehr die verwahrlosten Gebäude dahinter. 

Kletterpflanzen erobern beispielsweise die Fassade eines Flachbaues in der Heffterstraße. Das Gebäude ist zumindest nach der Wende noch ein paar Jahre genutzt worden. Zuerst war hier das ehemaliges Gesundheitsamt des Kreises Zittau drin und später hatte darin der Heimatverein Reichenau und Umgebung seinen Sitz. Aber das ist lange her.  

Seit einigen Jahren steht das Gebäude an der Ecke Kantstraße/Sachsenstraße leer.
Seit einigen Jahren steht das Gebäude an der Ecke Kantstraße/Sachsenstraße leer. © Holger Gutte
Sanierungsbedürftig sind diese im Privatbesitz befindlichen Häuser in der Sachsenstraße. 
Sanierungsbedürftig sind diese im Privatbesitz befindlichen Häuser in der Sachsenstraße.  © Matthias Weber
Dieses Gebäude in der Heffterstraße nutzten zuletzt das Gesundheitsamt des Kreises Zittau und später der Heimatverein Reichenau und Umgebung.
Dieses Gebäude in der Heffterstraße nutzten zuletzt das Gesundheitsamt des Kreises Zittau und später der Heimatverein Reichenau und Umgebung. © Holger Gutte
Diese Bushaltestelle in der Heffterstraße nutzt die KVG nicht mehr.
Diese Bushaltestelle in der Heffterstraße nutzt die KVG nicht mehr. © Holger Gutte
Fensterlos ist der ehemalige Speisesaal der Offiziershochschule der NVA.
Fensterlos ist der ehemalige Speisesaal der Offiziershochschule der NVA. © Holger Gutte
Ein Blick in den Pistoiaer Weg. Bäume und Sträucher verdecken Schandflecke dahinter. 
Ein Blick in den Pistoiaer Weg. Bäume und Sträucher verdecken Schandflecke dahinter.  © Holger Gutte
In diesem ehemaligen Lehrstuhlgebäude der NVA hat es bereits gebrannt.
In diesem ehemaligen Lehrstuhlgebäude der NVA hat es bereits gebrannt. © Holger Gutte
Schon völlig zugewachsen sind einige Gebäude.
Schon völlig zugewachsen sind einige Gebäude. © Holger Gutte
Den Exerzierplatz hat sich die Natur zurückgeholt. Ein großer Teil des ehemaligen Armeegeländes ist eingezäumt. 
Den Exerzierplatz hat sich die Natur zurückgeholt. Ein großer Teil des ehemaligen Armeegeländes ist eingezäumt.  © Holger Gutte
Die ehemaligen Wohngebäude am Villingenring.
Die ehemaligen Wohngebäude am Villingenring. © Holger Gutte
Kaum noch bewohnt sind die Gebäude des städtischen Wohnungsunternehmens an der Kantstraße. 
Kaum noch bewohnt sind die Gebäude des städtischen Wohnungsunternehmens an der Kantstraße.  © Holger Gutte

Ein paar Meter weiter befindet sich auf der Heffterstraße noch eine überdachte Bushaltestelle der KVG. Aber auch die wird nicht mehr genutzt. Der Rundgang führt nun direkt zu einem größtenteils schon fensterlosen Gebäude. "Das war mal unser großer Speisesaal", erzählt Hans-Joachim Wolf. Mit "uns" meint er die NVA-Soldaten.

Der Blick schweift links zum Pistoiaer Weg hoch. Neue Straßenlampen stehen dort. Die Straße ist noch einigermaßen intakt. Rechts und links zeigen sich Bäume und Sträucher in frischem Grün. Sie verdecken weitere Schandflecke in dem Gebiet.

"Egal, ob es dem Bund oder der Stadt gehört, Eigentum verpflichtet", sagt er. Von privaten Hausbesitzern werde auch verlangt, dass sie ihre Grundstücke in Ordnung halten, fügt er hinzu. An einem großen Haus stutzt er. Früher war das mal ein Lehrgebäude für Artillerie und Raketen. Jetzt ist ein Teil der Fassade mit Ruß überzogen. Hier hatte es offensichtlich mal einen Brand gegeben.

Der Weg zu einigen Stellen im Gelände, die Hans-Joachim Wolf gern noch gezeigt hätte, ist großräumig mit Bauzäunen abgesperrt. So auch die großen ehemaligen Wohngebäude am Villingenring. "Das war alles mal Volkseigentum", ärgert er sich. Vor allem, wenn sein Blick in Richtung des Neubaues der Bundesagentur für Arbeit schweift. Daneben hätte ein leer stehendes Gebäude dafür umgebaut werden können, aber es musste ja ein Neubau sein, meint er.

Mittlerweile hat die Stadt Zittau mehrere Objekte am Villingenring, am Mosbacher Weg sowie am Pistoiaer Weg gekauft, um diese abzureißen. Wobei es aber noch keine Abrisstermine gibt.

Für den heutigen Rentner und ehemaligen Stadtrat ist das frühere Armeegelände ein Musterbeispiel für die Nutzung natürlicher Ressourcen geworden. Der Exerzierplatz ist zu einem Biotop mutiert. Die aus Kostengründen nicht mehr gewollte Schwimmhalle wurde gegen einen kunstvollen Rasen eingetauscht. Und er findet es auch schade, dass es das frühere "Haus der NVA" für Kulturveranstaltungen nicht mehr gibt. Heute steht an dessen Stelle ein Discounter.

Der abschließende Höhepunkt ist die Kantstraße. Die Häuser der städtischen Wohnbaugesellschaft stehen hier größtenteils leer und sind sanierungsbedürftig.

Bei der Bewerbung Zittaus als Kulturhauptstadt geht es immer nur um das Stadtzentrum", kritisiert er. "Sind wir keine Zittauer? Hat man uns schon von der Stadt abgehangen", fragt er.

Inge Kallies fühlt sich wohl in Zittau-Süd

Inge Kallies in ihrem Garten hinterm Haus in Zittau-Süd.
Inge Kallies in ihrem Garten hinterm Haus in Zittau-Süd. © Rafael Sampedro

Das Zittau-Süd immer mehr verkommt und es in dem Stadtgebiet nicht mehr schön ist, findet Inge Kallies ganz und gar nicht. "Ich wohne sehr gerne hier", sagt die 74-jährige Zittauerin. Gerade, weil es hier so schön ist, hat sie mit ihrem Mann Erich in diesem Teil der Stadt 1996 ein Haus gekauft. Seitdem wohnen sie im Torbogenweg und wollen auch nicht wieder weg von hier. 

"Ich finde, es ist seither in Zittau-Süd sogar noch schöner geworden", sagt sie. Das sieht man an vielen schön gepflegten Häusern und Grundstücken. Und damit meint sie nicht nur private Hausbesitzer, sondern auch die von Wohnungsunternehmen. Bei ihr im Torbogenweg gibt es eine gute Nachbarschaft. Man hilft sich. Passt im Urlaub gegenseitig auf das Grundstück des anderen auf. Und trifft sich zum Quatschen am Gartenzaun. 

Inge Kallies nimmt die SZ mit zu einem kleinen Rundgang durch ihre Wohngegend. Der Torbogen am Oertelplatz ist saniert. Wenn der Rasen hier am Spielplatz gemäht ist, sieht er auch schöner aus, schildert sie. Aber alles könne die Stadt ja auch nicht auf einmal machen, meint sie. Es fehlen eben auch mehr Kinder in der Gegend. 

Sie zeigt auf die Häuser ringsum. Schön gepflegte Häuser säumen den Ottersteg und den Eichgrabener Weg bis zum Buddebergplatz. "Jetzt blüht es überall. Da ist es noch schöner", sagt sie. Inge Kallies und ihr Mann Erich möchten jedenfalls nicht woanders in der Stadt wohnen. Und es tut sich weiterhin was, wie Bauarbeiten an einigen Grundstücken zeigen.

Der sanierte Torbogen zwischen Torbogenweg und Oertelplatz.
Der sanierte Torbogen zwischen Torbogenweg und Oertelplatz. © Rafael Sampedro
1925 gebaut und immer noch gut erhalten. 
1925 gebaut und immer noch gut erhalten.  © Rafael Sampedro
Eines der schön gepflegten Häuser am Ottersteg.
Eines der schön gepflegten Häuser am Ottersteg. © Rafael Sampedro
Schön anzusehen ist auch dieses Haus am Eichgrabener Weg. 
Schön anzusehen ist auch dieses Haus am Eichgrabener Weg.  © Rafael Sampedro
Ein Blick in die Stephanstraße mit ihren gepflegten Gärten. 
Ein Blick in die Stephanstraße mit ihren gepflegten Gärten.  © Rafael Sampedro
Ein schöner Blickfang ist auch dieses Gebäude in der Heffterstraße.
Ein schöner Blickfang ist auch dieses Gebäude in der Heffterstraße. © Rafael Sampedro
So manche Häuser haben interessante und sanierte Schmuckelemente.
So manche Häuser haben interessante und sanierte Schmuckelemente. © Rafael Sampedro
Ein Briefkasten der besonderen Art.
Ein Briefkasten der besonderen Art. © Rafael Sampedro

Unweit des Buddebergplatzes besitzt der Verein Lebenshilfe Zittau ein Grundstück. Auch dort sind Haus und Grundstück gepflegt. Nicht anders sieht es am Buddebergplatz, auf der Stephanstraße bis zur Südstraße oder an der Heimstätte aus.

Und mittlerweile ist ja auch die Südstraße neu ausgebaut worden, erzählt sie. Die Rentnerin freut sich über so manches sanierte Detail an den Fassaden oder einem besonders kreativ gebauten Briefkasten am Wegesrand.

Inge Kallies gibt zu, dass an so manchen Häusern an der Kantstraße und an der Sachsenstraße unbedingt etwas gemacht werden muss. Aber sie allein sind nicht Zittau-Süd. Hier gibt es auch eine richtig schöne Wohngegend - egal ob als Hausbesitzer oder Mieter. Und durch die lässt sich, vorbei an liebevoll gepflegten Häusern und Gärten, schön bummeln.

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