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Diebesbande stiehlt bergeweise Neureifen

Drei Männer schaffen sieben Lkw-Ladungen im Wert von Hunderttausenden Euro weg. Die Sache fliegt durch Zufall auf.

Das Riesaer Reifenwerk ist für seine hochwertigen PKW-Reifen bekannt. Auf die hatte es eine Bande von Dieben abgesehen.
Das Riesaer Reifenwerk ist für seine hochwertigen PKW-Reifen bekannt. Auf die hatte es eine Bande von Dieben abgesehen. © Lutz Weidler

Riesa/Dresden. Aus einem lustigen Spruch bei einer launigen Bierrunde wurde für Thomas G., Andreas S. und Christoph K. schnell Realität. Die drei Männer aus der Nähe von Riesa saßen Anfang 2016 mit einem Bekannten zusammen. Christoph K. trug an diesem Abend seine Arbeitskleidung, die ein Reifen zierte. Der Bekannte bemerkte dies und fragte in seiner Erheiterung, ob man nicht mal ein paar Reifen von K.s Arbeitsstätte mitgehen lassen könne.

Schon wenige Wochen später beluden die drei Männer im Alter von 35 bis 53 Jahren den ersten LKW an der Paul-Greifzu-Straße in Riesa. Christoph K. arbeitete dort als Gabelstaplerfahrer bei einem Unternehmen, das für den benachbarten Reifenhersteller die Logistik erledigt. In dieser Funktion verschaffte er seinen beiden Kumpanen zu nächtlicher Stunde Zutritt zum Gelände. Berufskraftfahrer Thomas G. stellte den LKW, der selbstständige Andreas S. mietete eine Lagerhalle bei Döbeln an. 

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Am Tatort aber mussten alle mit anpacken. Gemeinsam verluden die drei Männer zehn Paletten mit insgesamt circa 800 Reifen in den Lkw. Dann ging es mit dem Diebesgut ab nach Döbeln. Bis zum Jahresende sollten sechs weitere solcher LKW-Fuhren das Firmengelände unerlaubt verlassen. Beim achten Versuch aber flogen die Männer auf: Ein anderer Mitarbeiter kam zufällig auf das Gelände und entdeckte den Lkw, den es dort eigentlich nicht hätte geben dürfen.

Drei Jahre später finden sich Thomas G., Andreas S. und Christoph K. vor dem Amtsgericht Dresden wieder. Dort müssen sie sich wegen schweren Bandendiebstahls verantworten. Das Unternehmen spricht von mehr als 13.000 fehlenden Reifen und einem Schaden von rund 650.000 Euro. Den drei Männern ist aber „nur“ der Diebstahl von etwa 5.600 Reifen nachzuweisen. Das Gericht geht deshalb von einem Schadenswert von 280.000 Euro aus.

650.000 Reifen auf Lager

Doch wie konnten überhaupt derart viele Reifen unbemerkt verschwinden? Christoph K. meint dazu nur: „Seitdem ich in dem Unternehmen gearbeitet habe, haben schon immer irgendwelche Reifen gefehlt.“ Die Menge der dort gelagerten Reifen schätzt er auf knapp eine Million. Tatsächlich lagern laut Angaben des Geschäftsführers bis zu 650 000 Reifen in der Halle des Logistikunternehmens. Weil vom benachbarten Hersteller aber oftmals noch mehr Reifen über das Förderband angeliefert würden, müssten zahlreiche Exemplare vorübergehend vor der Halle aufbewahrt werden. Und genau dort entsteht die Lücke im System, die sich die Täter zunutze machten. Denn diese Reifen sind zwar beim Hersteller als Abgang vermerkt, beim angrenzenden Logistikunternehmen aber noch nicht eingebucht. Da laut Angaben des Geschäftsführers früher keine Abgleiche dieser beiden Datenprotokolle stattfanden, erreichten einige der vor der Halle zwischengelagerten Reifen niemals das System des Logistikunternehmens – und konnten so auch nicht vermisst werden.

Reichlich Glück hatten die Täter auch mit den Überwachungskameras. Die zeichneten zwar jeden Diebstahl auf, allerdings entdeckte dies niemand. „Die Aufnahmen wurden nur aller zwei Wochen stichprobenartig überprüft“, gibt der Geschäftsführer an. Nachdem der achte Diebstahl aufgeflogen war, konnte man aber auch die sieben vorangegangen mit den Kamerabildern belegen. Als die Polizei die drei Männer fasste, waren sie auch recht schnell geständig.

Vor Gericht räumten sie die Taten ebenfalls ein. Vor allem das rechnet Richterin Heinze ihnen positiv an und verurteilt die vorbestraften Thomas G. und Andreas S. zu Freiheitsstrafen von je zwei Jahren auf Bewährung. Christoph K., der sich zuvor nichts zuschulden kommen lassen hat, erhält eine Strafe von einem Jahr und neun Monaten, ebenfalls auf Bewährung. Damit würdigt das Gericht auch die Mitarbeit der drei Männer an den Ermittlungen.

Denn nachdem sie die Reifen in die Halle in Döbeln geschafft hatten, kam noch ein vierter Mann ins Spiel, gegen den gesondert ermittelt wird. Er bestellte die gewünschten Reifen bei ihnen und verkaufte sie dann weiter. Den drei Dieben ließ er danach Briefumschläge mit Geld zukommen. Jeder von ihnen erhielt zehn Euro pro Reifen. Für den vierten Mann ein lukratives Geschäft: Er zahlte dem Trio demnach insgesamt 30 Euro pro Reifen, das Gericht geht aber von einem Verkaufswert von 100 Euro aus. Von ihrem Diebeslohn bezahlten die Drei vor allem Schulden ab. Ihr Diebeszug aber hat ihnen jetzt noch deutlich mehr aufgebürdet.