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Dienst an der Loipe

Vielleicht habe ich was verpasst, denkt Viktoria. Wenn sie auf ihr junges, vollgestopftes Leben schaut, kommt ihr dieser Gedanke. Dabei ist kaum vorstellbar, dass mehr drin gewesen wäre. Von Loipe zu Loipe ist die Sportreporterin gereist, jahrelang.

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Von Nadja Laske

Vielleicht habe ich was verpasst, denkt Viktoria. Wenn sie auf ihr junges, vollgestopftes Leben schaut, kommt ihr dieser Gedanke. Dabei ist kaum vorstellbar, dass mehr drin gewesen wäre.

Von Loipe zu Loipe ist die Sportreporterin gereist, jahrelang. „Ich war mindestens acht Monate im Jahr unterwegs“, sagt sie. Der Rucksack, ihr Kleiderschrank. Kleine Zimmer in Hotels und Pensionen, ihr Zuhause. Schweden, Österreich, Norwegen, Sibirien, Korea und natürlich sämtliche deutsche Skigebiete lockten, forderten, versprachen Neuigkeiten, Stoff für Viktoria Frankes Website www.biathlon-online.de. Die 25-Jährige betreibt das größte deutsche Internetportal mit Informationen rund um die Wintersportdisziplin Biathlon.

Tiefster Schnee lag vor ihrer Haustür. Viktoria Franke stammt aus Einsiedel bei Chemnitz. Am Fuße des Erzgebirges sog sie den Langlauf förmlich mit der Muttermilch auf. Noch dazu lebten ihre Großeltern im sächsischen Skigebiet von Altenberg. „Dort habe ich viele Wochenenden und Ferientage verbracht“, sagt Viktoria.

Einen recht klaren Blick in die Zukunft hatte sie schon während ihres Abiturs. Das Zeugnis gerade in der Tasche, flog sie nach Boston, um dort auf „einer Farm mit viel Schnee“ ein Jahr als Au Pair zu arbeiten. „Ich wollte in Harvard studieren.“ Doch zunächst hütete sie eine Neunjährige und ließ ihr Faible Biathlon nicht aus den Augen. Schon damals fütterte sie ihre Internetseiten mit allem, was sie über den Sport in Erfahrung bringen konnte. Wie gut traf es sich da, dass just zu dieser Zeit die Juniorenweltmeisterschaften 2006 in Maine/USA stattfanden. Dort fand Viktoria Anschluss an das deutsche Team. „Damals stand Magdalena Neuner am Anfang ihrer Karriere und wurde durch ihre WM-Siege in jener Saison bekannt.“

Mit guten Kontakten und fließendem Englisch ausgerüstet kehrte Viktoria zurück nach Sachsen. „Ich habe meine Heimat vermisst“, sagt sie. Also begann sie, an der TU Chemnitz Medienkommunikation zu studieren und forderte die Geduld ihrer Dozenten heraus. „Ich war ganz viel unterwegs, um über Wettkämpfe zu berichten. Doch meine Professoren sahen darin eine gute Praxis für mein Studium und hatten Verständnis.“

Langsam begann sich das Portal zu tragen. Werbeeinnahmen ermöglichten es Viktoria, dauernd auf Achse zu sein. Zeitungen, Fernsehsender, Nachrichtenagenturen zahlten Honorare für Texte und Bilder. „Ich brauchte locker 15000Euro im Jahr, um zu reisen und zu übernachten.“ Selten bekam sie etwas geschenkt. Drei Jahre war sie Pressesprecherin des amerikanischen Teams und speiste parallel dazu die Medien. Das Telefon und Laptop immer parat. Auf Du und Du mit den erfolgreichsten Biathleten der Welt. Viel Spaß bei harter Arbeit, Anerkennung auch. Das war die eine Seite. Die andere erlebte Viktoria Franke an zahllosen Abenden im Hotel. „Das war verdammt einsam, vor allem in der Weihnachtszeit.“ Weit weg von zu Hause, mühte sie sich um ein wenig Heimatgefühl. Das Erzgebirge im Advent, nur wer es kennt und groß geworden ist mit all den Lichtern, Märkten, der Schnitzkunst, den Liedern, kann es so vermissen wie Viktoria. „Ich hatte immer eine winzige Pyramide mit Räucherkerzchen dabei. Das war mein Weihnachten.“

Heimatlos und ausgebrannt

Aber wo waren die Familie, die Freunde, Freizeit, Hobbys? Im Frühjahr 2011 kam Viktoria von der Wettkampfsaison in Oslo zurück und fühlte sich ausgebrannt. „Ich konnte nicht mehr. Und ich wollte endlich eine Heimat haben.“

Der Laptop kam in den Schrank, Viktoria nahm sich eine Auszeit: je einen Monat Neuseeland und Australien. Dort, mit Blick auf eine fantastische Landschaft, ließ sie sich das Angebot eines Bekannten durch den Kopf rieseln. Der wollte sie für einen Job in einer großen Dresdner PR-Firma. Parallel dazu nahm sie beim Skiverband Sachsen eine 400-Euro-Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit an. Dresden, das sollte Viktorias neue Heimat werden. „Ich habe sie wirklich gefunden“, sagt sie. Eine eigene kleine Wohnung, Freunde, Joggen, Rad fahren an der Elbe – und mit maßvollem Aufwand füttert sie nach wie vor ihr Biathlon-Portal. Ein tolles Jahr liegt vor ihr, darauf freut sie sich. Es beginnt mit einer Reise nach Oberhof und Österreich zur Jugendolympiade.

www.biathlon-online.de