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Meißen

"Dieses Jahr verdienen wir nicht viel Geld"

Der Meißner Raumausstatter Teppich Schmidt sieht die Krise als Chance – trotz des fehlenden Umsatzes.

Geschäftsführer Holger Schmidt: "Es ist bitter, wenn man in einer Krise noch schlechtere Stimmung verbreitet."
Geschäftsführer Holger Schmidt: "Es ist bitter, wenn man in einer Krise noch schlechtere Stimmung verbreitet." © Claudia Hübschmann

Seit Montag dürfen Sie ja wieder öffnen …

Ja, und darüber bin ich heilfroh. Vorher hatten wir nur eine Notbesetzung für Handwerker, und Privatkunden konnten ihre Bestellungen abholen. Jetzt kommt langsam wieder Normalität in den Handel rein. Die stückweise und verantwortungsvolle Öffnung ist vernünftig – bevor noch mehr Schaden in der Wirtschaft entsteht.

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Wir wollen herausfinden, wie die Sachsen in der Krise einkaufen und wie wichtig lokale Hilfsprojekte wie #ddvlokalhilft bei der Unterstützung des Handels sind.

Wie lange hätten Sie als Unternehmen den "Lockdown" aushalten können?

Wir sind sehr dankbar, dass es uns als Unternehmen gut geht. Wir müssen keine Miete zahlen und sind sehr gesund aufgestellt. Wir hätten das eine gewisse Zeit durchhalten können. Ich bin mir dennoch bewusst, dass wir dieses Jahr wahrscheinlich nicht viel Geld verdienen werden.

Mussten Sie Kurzarbeit beantragen?

Mir ist es wichtig, dass es unseren Mitarbeitern gut geht. Natürlich haben wir hier im Handel Kurzarbeit anmelden müssen. Ich bin dankbar, dass das hier in Deutschland möglich ist. Unsere Mitarbeiter sollen aber nichts einbüßen. Deshalb stocken wir den Restbetrag auf. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen die freie Zeit genießen. Sie ist bezahlt, und es ist schönes Wetter.

Und Corona-Hilfen …?

Nein, das haben wir nicht beantragt. Unsere Firma ist komplett entschuldet, wir benötigen derzeit keine Darlehen. Diese Hilfen sollen die Firmen nutzen, die es wirklich nötig haben. Das wäre nicht richtig, etwas zu beantragen, was wir derzeit gar nicht brauchen.

Das heißt, Sie sind von der Krise nicht betroffen?

Doch, unser Umsatz ist richtig zusammengebrochen, da das Geschäft geschlossen hatte. Zudem haben viele Kunden Aufträge zurückgezogen, die sie dieses Jahr nicht bezahlen können. Andere haben Baumaßnahmen verschoben, weil sie wegen der Gefahr der Ansteckung keine Handwerker in ihrer Wohnung haben möchten. Manche wollten aber gerade jetzt bauen.

Was haben Sie während der Schließung sonst gemacht?

Wir konnten die Zeit gut nutzen – für Dinge, die sonst nebenbei mit hohem Energieaufwand im laufenden Geschäft passieren. Zum Beispiel haben wir ein neues Warenwirtschaftssystem eingeführt. Das bildet alle Warenströme unseres Unternehmens ab – von der Onlinebestellung bis hin zum Lagerbestand. Mit diesem System ist nun alles vernetzt, sodass die Prozesse nahezu automatisch ablaufen. Das ist notwendig, damit unser Büro und unser Handwerk papierfrei werden können. Sonst haben wir im Haus einiges vorgerichtet. Zum Beispiel die Treppe erneuert. Oder wir konnten einiges umbauen, haben das Geschäft komplett grundgereinigt und eine neue Kundenzufahrt gebaut.

Unter welchen Bedingungen haben Sie jetzt geöffnet?

Im Eingangsbereich gibt es jetzt Einkaufwagen in einer begrenzten Zahl, die nach jeder Benutzung desinfiziert werden. Unser Nähatelier hat für unsere Kunden, aber auch für die Mitarbeiter und Raumausstatter Mundschutzmasken genäht. Diese liegen für unsere Kunden bereit. An den Kassen gibt es jetzt Markierungen, damit der Sicherheitsabstand gewahrt wird.

Wie schützen Sie Ihre Mitarbeiter?

Bei uns herrscht ja auch Maskenpflicht. Zusätzlich werden täglich alle relevanten Arbeitsflächen, wie Türen, Geländer, Telefone, Tastaturen und ähnliches desinfiziert, um die Keimanzahl zu verringern. Es liegen Handschuhe bereit. Die Näh- und Schreibtische sind derzeit durch die geringere Mitarbeiterzahl nicht komplett besetzt, somit halten wir den nötigen Abstand ein. Und natürlich verzichten wir aktuell aufs Händeschütteln. Das ist uns sonst immer sehr viel wert. Jetzt winken wir halt von Weitem.

Wie sind Sie denn aktuell besetzt?

Volle Besetzung brauchen wir noch nicht, der Kundenansturm ist noch nicht im gewohnten Maß da. Daher ist nur etwa jeder zweite Mitarbeiter auf Arbeit. So sind zum Beispiel unsere Nähaufträge stark zurückgegangen. Früher hatten wir Wartelisten, jetzt können die Kunden ihre Gardinen oft schon am nächsten Tag abholen.

Was machen Ihre Lehrlinge gerade?

Unsere Azubis haben derzeit ja keine Schule, und nicht in allen Ausbildungsberufen kann Homeschooling eingesetzt werden. Sie sind daher im Geschäft eingesetzt. Zum Beispiel bei der Grundreinigung des Ladenbereiches und Lagers. Auch konnten jetzt grundlegende Umbau- oder Aufräumarbeiten durchgeführt werden, die sonst im laufenden Betrieb immer hintenangestellt wurden. So wurde das gesamte Stoffregal ausgeräumt, etikettiert und neu sortiert. Dabei lernen die Azubis mal das komplette Warensortiment kennen. Andere helfen derzeit beim Aufbau des neuen Online-Shops. Die Verlegerei lief ja weiter. Die Raumausstatter-Azubis konnten also ihrer Ausbildung wie gewohnt nachgehen. Sie sind daher viel bei Kundschaft unterwegs und verlegen Böden oder tapezieren. Die Lehrlinge im dritten Jahr nehmen zudem am Homeschooling teil und bereiten sich auf ihre Prüfungen vor.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Sie wirken ja sehr optimistisch.

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Ich möchte das auch versprühen. Es ist bitter, wenn man in einer Krise noch schlechtere Stimmung verbreitet. Ich würde gern Leuten Freude ins Leben bringen. Das ist mein Job. Ich wünsche mir, dass es in der Gastronomie und im Hotelbetrieb weitergeht. Gerade in unserer Region leben viele Menschen vom Tourismus. Da wünsche ich mir einfach, dass wir dort solidarisch sind und, sobald es geht, vielleicht das eine oder andere Mal mehr Essen geht. Krisenzeiten sind immer auch Chancenzeiten.

Das Gespräch führte Martin Skurt.

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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