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Diese drei mischen sich ein

Soziales. Helga Bürkner, Gabriele Richter undGünter Brendel kümmern sich um Behinderte,Senioren und Frauen.

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Von Ulrike Körber

Der eine gilt als Meckerer, die andere wird hin und wieder als Emanze abgestempelt, die dritte im Bund des Minderheitentrios in der Stadtverwaltung wird mitunter sogar ignoriert. Gabriele Richter (48), Helga Bürkner (48) und Günter Brendel (66) fühlen sich manchmal auf verlassenem Posten. Dabei wollen sie nur Behinderten, Senioren und Frauen unter die Arme greifen.

Auf die Nerven gehen hilft

Helga Bürkner lächelt verschmitzt: „Wer den Beamten nur tüchtig auf die Nerven geht, erreicht auch was. Diese Weisheit gebe ich denen mit, die bei mir Hilfe suchen.“ Dabei ist die Behindertenbeauftragte die duldsamste des Trios. Seit zehn Jahren kümmert sie sich um die Behindertenausweise und Belange der Rollstuhlfahrer und Sehschwachen in der Stadt. „Wenn ich keine Geduld entwickelt hätte, wäre ich schon verrückt. Als stark Sehbehinderte muss ich mich damit abfinden, dass alles langsam geht.“ So wie Helga Bürkner sich Abschnitt für Abschnitt mit der Lupe durch Gesetzestexte kämpft, so mühevoll muss sie alle Arbeiten erledigen. „Auch Baupläne, die mir vorgelegt werden, damit ich überprüfen kann, ob die geplanten Gebäude rollstuhlgerecht ausgestattet werden, kann ich nicht im Vorbeigehen überblicken“, sagt sie.

Dass sie die Baupläne inzwischen automatisch auf den Tisch bekommt, hat sie sich hart erarbeitet. Sie bleibt stoisch an einer Sache dran. Nicht einmal von sturen Gewerbetreibenden lässt sie sich abschütteln. „Als ich einmal einen Händler bat, die Schilder vom Fußweg zu räumen, hat der mich zwar sehr hässlich behandelt, aber ich habe mich doch durchgesetzt.“ Sie schickte ihm das Ordnungsamt.

So viel Nerven kann Gabriele Richter nicht immer aufbringen. Ihr platzt schon der Kragen, wenn sie sich beispielsweise von einer Karrierefrau anhören muss, dass in Sachen Gleichberechtigung doch schon alles getan sei. „Neuerdings diskutiere ich aber nicht mehr“, sagt sie, sondern schüttelt nur noch den Kopf. Gabriele Richter, die seit 2001 als Gleichstellungsbeauftragte Frauen bei den ersten Schritten in die Selbstständigkeit, bei familiären oder finanziellen Sorgen hilft, gleicht einem Wiesel. Kaum fünf Minuten kann sie still sitzen. Immer hat sie was zu kramen oder zu organisieren. Auf jedem Empfang, jeder Veranstaltung ist sie zu finden. „Schließlich kann man nur bei solchen Treffen neue Kontakte knüpfen.“

Senioren brauchen eine Lobby

Als sie den Job angenommen hat, war bei ihr zu Hause keiner begeistert. „Freunde warnten meinen Mann, dass er dann gar nichts mehr zu sagen hätte“, sagt sie. Inzwischen hat sich der Gatte daran gewöhnt, dass sie spät nach Hause kommt, einen Block und Stift neben dem Bett liegen hat, um spontane Ideen zu notieren. Er wundert sich nicht mehr, wenn sie mit dröhnenden Boxen im Auto morgens davon saust und nach Feierabend aus den Kopfhörern Vögel zwitschern lässt.

Der dienstjüngste in der Runde ist Günter Brendel. Seit Februar ist er der Chef der 21 Mann starken Seniorenvertretung, die sich unter anderem um Ordnung und Sicherheit kümmert. Brendel tut das im Ehrenamt. „Das ist ein großer Vorteil. So bin ich unabhängig von einem Dienstherren und kann meckern“, sagt er. Als Meckerer ist er bekannt. Doch Brendel stört das nicht. Wer nicht schimpft, wird nicht gehört. Wer nicht gehört wird, bewegt auch nichts. Früher unterrichtete Brendel Deutsch und Geschichte. „Ich habe mich damals schon viel eingemischt, warum sollte ich heute damit aufhören“, sagt er. „Die Senioren brauchen eine Lobby in der Stadt. Die will ich mit aufbauen und aufmerksam machen auf eine Tendenz, die immer stärker wird: die Altersarmut. Es gibt bereits so viel Elend bei den Alten in der Stadt. Dabei geht es vielen meiner Generation gut. Was wird aus den jungen Leuten, die jetzt schon nichts haben?“