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Diese Ostrale wird ganz anders

Die Kunst-Ausstellung hat ihr Ausweichquartier in der alten Dresdner Tabakfabrik. SZ-Kunstredakteurin Birgit Grimm war vorab drin - und ist überrascht.

Von der Künstlerin Anastasia Obaregbe stammt dieses Gemälde, welches bei der Ostrale zu sehen ist.
Von der Künstlerin Anastasia Obaregbe stammt dieses Gemälde, welches bei der Ostrale zu sehen ist. © Ostrale

Gäbe es die Kunst nicht in diesem Haus, man wäre verloren und würde sich verlaufen. Die 12. Ostrale hat sich im Keller und auf zwei Etagen der ehemaligen Zigarettenfabrik f6 eingerichtet. Ein Notquartier? 

Mitnichten. Spät wurde diese Lösung für die internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst gefunden, aber wie sich zeigt, nicht zu spät. „Eigentlich wollten wir als Biennale durch den Zweijahresrhythmus mehr Ruhe in die Vorbereitung bringen“, sagt Ostrale-Direktorin Andrea Hilger. Aber das Gegenteil ist passiert. 

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Das Team hatte nach seinem Auszug aus den Futterställen der Erlweinschlachthöfe zunächst in Chemnitz auf eine Bleibe gehofft. Aber so zeitgenössisch wollte man es am Erzgebirge dann doch nicht. Daraufhin bot die Stadt Dresden der Ostrale für diesen Sommer die Messe an, hatte aber wohl nicht bedacht, das dafür Miete zu zahlen ist. Auch gibt es bessere Orte fürs Zeitgenössische. Das Team packte die schwierige Aufgabe an, machte die Messe- zur Kunsthalle, zumindest als Planspiel auf dem Papier. Doch wegen der Finanzen wurde der Plan zu Makulatur, und die Künstler wussten lange nicht, wohin sie ihre Arbeiten für die Ausstellung schicken sollten. Manches Kunstwerk war Montag noch unterwegs.

Frenzy Höhne bittet in der historischen f6-Zigarettenfabrik zu Tisch und lädt zur Debatte ein. „Es ist angerichtet“ heißt diese Installation, in der sie Geschirr, Gläser, Besteck und Kerzen mit beherzten Lebensweisheiten und geflügelten Worten versieht.
Frenzy Höhne bittet in der historischen f6-Zigarettenfabrik zu Tisch und lädt zur Debatte ein. „Es ist angerichtet“ heißt diese Installation, in der sie Geschirr, Gläser, Besteck und Kerzen mit beherzten Lebensweisheiten und geflügelten Worten versieht. © Tobias Blaurock

Als Andrea Hilger das erste Mal in den leeren Büros in Dresden-Striesen stand, sagte sie: „Nein, niemals“. Als sie sich länger drin aufhielt – angeblich hat sie sich und ihre Mitstreiterin Antka Hofmann eine Woche in der f6 eingeschlossen – fand sie heraus, wie man dem Gebäude Kunst einpflanzen kann. Sie sortierten die Kunstwerke neu, fanden die richtigen Räume für die passende Installation oder umgekehrt, schufen Blickbeziehungen und schicken nun die Besucher in eine Art gut sortiertes Labyrinth. Überraschungen inklusive, wenn man ein Kunstwerk, das man schon gesehen hat, aus einer völlig neuen Perspektive anders wahrnimmt. Dabei wäre der Besucher schon voll ausgelastet, würde er alle 300 Arbeiten von 180 Künstlern aus 34 Ländern sehen wollen.

Die Ostrale hat sich in diesem Sommer über die Stadt verteilt. Auch das ist ein Ergebnis der langwierigen Quartiersuche. Viele Kultureinrichtungen boten Hilfe an, als die Ostrale obdachlos wurde. Als Satelliten sind nun dabei: das Goethe-Institut, der Ausländerrat, die Alte Feuerwache Loschwitz, art’SAP am Postplatz und die Gedenkstätte Bautzner Straße haben sich für die internationale Kunst zum Thema „Ismus“ geöffnet.

Man wird sich also bewegen müssen, manche Künstler machen es vor. Daniel Chluba zum Beispiel transportiert auf seinem Rücken einen roten Würfel druch Dresden. Drauf zu lesen ist der Satz: „Capitalism feels like minimal art“. Chluba, der Ostrale-Fahrradkurier mit rotem Rad und ganz in Rot gekleidet, ist nicht zu übersehen. Gegen die „Kistianisierung der Welt“ tritt er in die Pedale und erklärt die Kiste zur Mutter des Kapitalismus. Auch Apps und andere Quadratisch-praktisch-gut-Utensilien gehören für ihn dazu.

Der Spur des Glücks kann in Sachsen, Tschechien und Bayern folgen, wer einem Traktor mit Wasserschreibmaschine folgt. Dieses Glücksmobil fährt unendlich langsam, und so kann es passieren, dass die Worte „So ein Glück!“ auf Deutsch und Tschechisch auf dem Asphalt schneller verdunsten, als man sie lesen kann. Die Künstler Mike Salomon und Julius Popp starten die Tour in Kleinwelka bei Bautzen und wollen nach 1 500 Kilometern am Ende des Monats in Oy im Oberallgäu ankommen. Mitfahrer sind willkommen.

Kurierfahrer im Auftrag der Kunst: Daniel Chluba. 
Kurierfahrer im Auftrag der Kunst: Daniel Chluba.  © Birgit Grimm

Sprüche und Widersprüche haben es auch der Künstlerin Frenzy Höhne angetan. Sie hat in der f6 ganz schön was angerichtet und einen Tisch gedeckt mit Porzellan, Gläsern, Besteck, Kerzenständern und allerlei Gefäßen, auf denen Kalender- und andere Lebensweisheiten, sogar Politikerzitate in Goldfolienschrift prangen. Man hört und sieht niemanden, und doch ist es, als würde eine Tischgesellschaft heftig diskutieren. So viele Menschen am Tisch, so viele Wahrheiten. „Die eine Weisheit, mit der wir im Leben am besten fahren, die gibt es nicht“, sagt Frenzy Höhne.

Diese Arbeit fasst sehr anschaulich und sehr viel eingängiger zusammen, worum es den Künstlerinnen und Künstlern, den Kuratorinnen und Kuratoren aus Dresden, Hongkong und Valletta in dieser Ostrale-Biennale geht: Um das Zusammenleben auf dem Planeten und im kleinen Kreis, um unsere Umwelt, um das Klima, um Solidartät und Respekt, um das Leben von Frauen in Afrika und Europa.

Der sperrige Begriff „Ismus“ als Motto der Schau wirkt wie eine Barriere. Schade. Aber weder Kunstfreunde noch die, die es werden wollen, sollten sich davon abhalten lassen, die Ostrale anzusehen, die am Mittwoch, 18 Uhr mit einer Performance in der Tabakfabrik eröffnet wird. Yuval Avital, der in Israel und Italien lebt, hat dafür einige der ausstellenden Künstler, Tänzer und das Dresdner Ensemble Auditivvokal zusammengeführt. Außerdem hat er unterm Dach der f6 die Raum- und Soundinstallation „Land“ eingerichtet mit Erde, die zum Teil aus dem Dresdner Schlachthofgelände stammt, dem Ort, an dem die Ostrale erwachsen wurde. Eine Rückkehr dieser Kunstausstellung von internationalem Format in die Futterställe scheint unwahrscheinlich, und die historische Zigarettenfabrik wird zum modernen Wohnhaus umgebaut, sobald die Kunst wieder abgebaut ist. Nach der Ausstellung ist also vor der Ausstellung, und die Suche nach einem Domizil beginnt fürs Ostrale-Team von vorn.

12. Ostrale – Biennale für zeitgenössische Kunst vom 4. Juli bis 1. September in Dresden, ehemalige Zigarettenfabrik f6, Schandauer Str. 66-68. Geöffnet Mi – Fr 10 – 19 Uhr, Sa/So 11 – 20 Uhr; Eintritt 15 /10 Euro (Kombiticket)

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