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Diese Pfeifen haben alle einen Namen

Kamenz. Die Walcker-Orgel in der Hauptkirche wird restauriert. Zurzeit säubert man die 2727 Pfeifen. Im Herbst sollen sie wieder klingen.

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Von Ina Förster

Hubertus Liebig schafft es derzeit manchmal kaum bis ans Telefon. Da klemmt er wieder einmal in der Walcker-Orgel in Kamenz fest und schraubt an irgendetwas herum. Diese ist derzeit frei begehbar, weil sämtliche Pfeifen fehlen. Bereits im April letzten Jahres sind sie ausgebaut worden. Damals begannen in St. Marien nämlich die gröbsten Sanierungsarbeiten. Um die Königin der Instrumente vor Baudreck und Staub zu schützen, lagerte man die 2727 Pfeifen kurzentschlossen in der nahen Katechismuskirche ein. Und Hubertus Liebig ging mit.

Das gute Fit macht’s

Der Senior-Orgelbauer der Firma Groß aus Waditz bei Bautzen legte den gesamten Winter über mit Wasser, Bürsten und ganz gewöhnlichem „Fit“ Hand an die Pfeifen an. „Damit geht es immer noch am besten. Die Zinn-Blei-Legierungen sehen danach aus wie neu“, erzählt er. Bei Minusgraden arbeitete er sich durch einen riesigen Berg von verstaubten Teilen. Die letzte Säuberung der Orgel liegt wahrscheinlich 67 Jahre zurück.

Bis fünf Meter lang

Im Jahre 1938 sei die Walcker-Orgel ein letztes Mal umgebaut und dabei mit großer Sicherheit auch gereinigt worden. Der Staub der Jahrzehnte indessen ist nun im Frühjahr 2005 zum größten Teil in den Putzeimer geflossen. Liebig und seine drei Kollegen schrubben gerade an den letzten Exemplaren. Die Auswahl dabei ist sehr unterschiedlich. Während die größten Pfeifen bis zu fünf Meter lang sind, kann man die kleinsten und zehn Zentimeter kurzen zwischen zwei Fingern halten. Dabei die Übersicht zu behalten, ist gar nicht so einfach. Für den Fachmann aber scheinbar doch. „Diese Pfeifen haben alle einen Namen“, weiß Liebig. „Die kleineren lassen wir aber doch zur Sicherheit erst einmal in ihren Registerreihen stehen, damit nichts durcheinander kommt.“ Viele große Exemplare sind außerdem aus Holz gefertigt. „Das war damals die Billig-Variante, gespart wurde zu allen Zeiten schon “, schmunzelt er. Sämtliche Holzteile werden übrigens ebenfalls feucht gereinigt; das tut dem Instrument nichts.

Auch der Marder biss zu

Hier und da muss zudem etwas ausgebeult werden, ab und an hat sogar der Marder zugebissen. Die kleinen Zahnabdrücke sind bestens zu sehen. Aber die Walcker-Orgel befindet sich trotzdem in einem allgemein guten Zustand. „Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Beseitigung der unangenehmen Spielgeräusche. Das ist eine Sache der Mechanik. Es hat nebenbei in den letzten Jahren schon ziemlich geklappert, wenn die Orgel gespielt wurde“, so Liebig. Schon deshalb schaut Kirchenmusikdirektor Michael Pöche ab und an neugierig bei der Firma Groß vorbei. Dass das Team über Erfahrungen verfügt, ist sicher beruhigend. Das konnten die Handwerker vor allem an der Mende-Orgel in der Klosterkirche St. Annen in Kamenz beweisen, die sie vor Jahren restaurierten. Und neue Orgeln lieferten sie ins nahe Horka oder nach Schmeckwitz. Übrigens: Bereits seit Jahren sammelt die Kirchgemeinde Spenden, um die Restaurierung der Walcker-Orgel finanzieren zu können, und wurde dabei nicht enttäuscht. Ohne staatliche Zuschüsse ging es trotzdem nicht. Immerhin kostet die Grundsanierung etwa 135 000 Euro.

Einen ganzen Monat stimmen

Bis Ende Juli müssen nun alle Pfeifen eingebaut sein, danach geht es an die Intonation des Instrumentes. Das übernimmt gern Chef Ekkehart Groß selber. Bis zu einem Monat kann es dauern, dass die Orgel richtig gut klingt. Zur Wiedereinweihung von St. Marien am 18. September jedenfalls muss alles funktionieren.