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„Diese Sehnsucht nach einem Sieg“

Benny Kirsten hört schon morgens beim Bäcker, dass Dynamo endlich gewinnen muss. Wie er das sieht – ein Interview.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Keine Gefahr. Mehr als eine halbe Stunde lang bleibt Benjamin Kirsten gegen Cottbus beschäftigungslos. Doch plötzlich muss Dynamos Torwart eingreifen, gleich seine erste Reaktion in diesem Ost-Duell der Zweitliga-Kellerkinder verlangt einen außergewöhnlichen Reflex. Mathias Fetsch setzt sich durch, nur Kirsten steht dem Energie-Stürmer noch im Weg – und hält. Es ist die spektakulärste Aktion des 25-Jährigen. Im Gespräch mit der SZ verrät Benny Kirsten, warum er sich nicht über vergebene Chancen ärgert und die Reaktion der Fans nach dem Sandhausen-Spiel für beide Seiten lehrreich war.

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Herr Kirsten, wie halten Sie die Spannung, wenn Sie im Spiel nur selten gefordert sind?

Natürlich versuche ich, immer zu 100 Prozent da zu sein. Aber die Konzentration ist über die 90 Minuten nicht gleich hoch. Dazu ist man mental nicht fähig. Wenn ich merke, dass sie nachlässt, rieche ich das Öl an meinem Trikot oder atme tief durch, um die Frische wieder in den Kopf zu bringen. Es gibt aber keine Phase, in der man durchhängt, dafür ist es zu brisant.

Was für Öl benutzen Sie?

Von unserem Physiotherapeuten bekommen wir ein Minzöl, das gut erfrischt. Einfach kurz durchatmen, und man ist voll da.

Wie sehr ärgern Sie sich, wenn Sie von hinten mit ansehen müssen, wie vorn die Chancen ungenutzt bleiben?

Ich versuche, so wenig Energie auf Dinge zu verschwenden, die ich selber nicht regeln kann. Deshalb habe ich mich nach dem verschossenen Elfmeter in Cottbus nicht geärgert. Man sagt sich: Okay, das wäre jetzt gut gewesen … Aber es geht sofort weiter, man muss auf die nächste Situation vorbereitet sein. Da darf man mit den Gedanken nicht an diesem Elfmeter hängen.

Wie kriegt man das hin?

Meine Aufgabe ist es, Bälle abzuwehren und das Spiel als Erster einzuleiten. Deshalb beschäftige ich mich nicht damit, ob Spieler A oder B vorn den Ball am Tor vorbeischießt. Ich bin in dem Moment auch nicht sauer, muss oft überlegen, um welche Szene es geht, wenn ich hinterher darauf angesprochen werde. Das ist für mich nicht relevant. Ich konzentriere mich auf meinen Strafraum, auf mein Spiel.

Aber wächst nicht der Druck gerade auf Sie als Torwart, weil ein Fehler dann die Niederlage bedeuten kann?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein Tor kassiere, bleibt doch immer gleich, egal ob wir eine Chance vergeben. Das ändert an meinem Job nichts. Jeder Ball, der auf mein Tor kommt, ist für mich gefährlich, den muss ich einschätzen und halten. Dafür trainiere ich jeden Tag, und dieser Kitzel macht das Spiel doch so geil. Wenn die 90 Minuten rum sind, und es hat wieder nicht geklappt, wir haben erneut nur unentschieden gespielt, dann darf man den Ärger zulassen, aber nicht im Spiel.

Wie haben Sie es gelernt, in dem – wie Sportler sagen – Tunnel abzutauchen?

Ich weiß nicht, ob man das lernen kann. Wir machen nichts anderes. Jedes Training ist ausgerichtet auf das Spiel am Wochenende. Danach gilt es, einen Tag runterzufahren, den Kopf freizukriegen. Dann geht es von vorne los, kommt das nächste Spiel, und wieder sind fast 30.000 Zuschauer da. Das ist das Spezielle, das finde ich toll.

Aber nach 13 sieglosen Spielen in Folge kommen Sie doch ins Grübeln, oder?

Wieso? Das nächste Spiel beginnt wieder bei null, das ist nicht nur so dahergesagt, es stimmt einfach. Natürlich waren die vergangenen vier Spiele gefühlte Niederlagen, obwohl wir nicht verloren hatten. Und, ja, ich denke unmittelbar danach: Mist, das hätten wir gewinnen können, sollen, müssen. Aber im nächsten Spiel geht’s weiter.

Sie glauben also an den Klassenerhalt?

Immer! Wir haben es doch selber in der Hand. Wenn ich an die Relegation gegen Osnabrück vorige Saison denke. Danach bin ich zusammengesackt, weil es so intensiv war. Wir führten 2:0, aber ein Gegentor hätte uns umgebracht. Trotzdem hat keiner daran gezweifelt, dass wir das Ding ziehen, weil wir so scharf waren mit dem Publikum im Rücken. Diese Atmosphäre, diesen Zusammenhalt brauchen wir.

Es bleiben nur noch fünf Spiele. Macht Sie das nicht unruhig?

Diese Unruhe kommt von außen, weil es heißt: Wenn heute nicht gewonnen wird, dann … So gehe ich nicht in ein Spiel. Für mich persönlich ist der Druck genauso hoch wie vor vier Wochen. Ich freue mich auf jedes Spiel, das ich spielen kann. Wenn ich auf den Platz gehe – dieses Gefühl ist einfach der Hammer!

War es für Sie eine besondere Drucksituation, als Sie für den verletzten Markus Scholz wieder ins Tor gekommen sind, es nun erst recht allen zu zeigen?

Nein, ich bin das Spiel angegangen wie jedes andere. Das ist es doch, wofür ich jeden Tag arbeite.

Wie schaffen Sie es, sich nicht verrückt zu machen, die Lockerheit zu behalten?

Der Grat ist sehr schmal, erst recht, wenn die Unruhe im Umfeld spürbar wird. Die Reaktion der Fans nach dem 0:0 gegen Sandhausen war verständlich, aber es ist sehr schwer, gegen so eine defensivstarke Mannschaft Mittel zu finden – und dass im dritten Spiel in einer Woche nicht alles geschmeidig läuft, ist sowieso klar. Es hatte sich etwas angestaut bei den Fans. Diese Erfahrung war für beide Seiten lehrreich.

Inwiefern?

Die Fans haben gesehen: Der Mannschaft ist es nicht egal, sondern sie kommt raus und stellt sich. Das verlangt Mut. Umgedreht war es für die Spieler eine Erfahrung, dass es für die Leute, die den Verein lieben, um alles geht.

Und wie schalten Sie nun ab?

Das ist die größte Schwierigkeit im Abstiegskampf. Wir kriegen von allen Seiten gesagt, dass wir endlich mal wieder gewinnen müssen, sogar von der Verkäuferin beim Bäcker, wenn wir morgens Brötchen holen. Deshalb ist es wichtig, sich ein Stück Alltag zu bewahren, nicht nur Training, Training, Training. Zu Hause warten meine zwei Mädchen auf mich. Wenn ich die Kleine ins Bett bringe, dauert das so eine Dreiviertelstunde: „Papa vorlesen!“ Mit meiner Frau gucke ich eine DVD oder gehe, wenn die Schwiegermutter netterweise unsere Tochter betreut, mal ins Kino oder etwas essen. Dabei habe ich schon öfter den Satz gehört: „Lieber mal mehr trainieren.“

Wie gehen Sie damit um?

Die meisten verstehen es, wenn man ihnen höflich erklärt, dass auch wir nicht den ganzen Tag auf dem Platz stehen können.

Und wie sehr trifft Sie der Vorwurf, nicht alles zu geben für den Verein?

Für mich persönlich war es verletzend zu hören: „Wir sind Dynamo – und ihr nicht!“ Da musste ich schlucken. Egal, ob man selbstbewusst genug ist, das wegzustecken. Ich mache Fehler, ja, aber ich will vom Platz gehen und sagen können: Ich habe alles gegeben. Vielleicht klappt das nicht immer, aber ich habe es versucht. Ein Versicherungskaufmann oder Börsenmakler erzielt auch nicht jeden Tag super Zahlen.

Doch von den Rängen schallt es: Wir woll’n euch kämpfen seh’n …

Im Trainingslager sagten Fans zu mir: „Ihr müsst wenigstens kämpfen.“ Und ich habe sie gefragt: Wie definiert ihr das? Ich grätsche mal in den luftleeren Raum, damit alle sehen: Ich bin ein Kämpfer? Heißt es, dass jeder Ball ankommen muss? Oder zählt auch, dass man es probiert? Wenn mein Abschlag ins Aus geht, und ich spiele danach einen Sicherheitsball – ist das kämpfen oder schon verlieren? Ich muss es abwägen, es ist meine Entscheidung. Die kann mir keiner abnehmen: kein Trainer, kein Mitspieler, kein Zuschauer.

Vor dem Spiel gegen 1860 München am Montag heißt es wieder: Das müssen sie gewinnen. Wird das ein Kopfproblem?

Diese Sehnsucht nach einem Sieg – die wird tatsächlich größer. Es reicht ein Funke, ein geiles Tor, eine starke Aktion – dann kann sich das Blatt wenden. Diesen Funken müssen wir zünden. Dafür brauchen wir die Zuschauer, auch wenn es vielleicht nicht rund läuft. Sie können uns das Selbstvertrauen vermitteln, auch mal einen Fehlpass spielen zu dürfen. Natürlich sagen wir uns untereinander: Wir dürfen Fehler machen, Fußball ist ein Fehlerspiel. Aber den Druck, der von außen kommt, empfindet man im Abstiegskampf anders, als wenn es nach oben geht.