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„Diese Toten haben wir alle miteinander auf dem Gewissen“

In Italien starben sieben Textilarbeiter bei einem Brand. Es waren Chinesen, die in der Fabrik nicht nur nähen, sondern auch leben mussten.

Von Paul Kreiner, SZ-Korrespondent in Rom

Prato. In der toskanischen Stadt Prato sprechen sie von einer „Katastrophe mit Ansage“; der örtliche Industrie-Historiker und Schriftsteller Edoardo Nesi bezeichnet es als „ein Wunder, dass das noch nicht früher passiert ist“, und Regionalpräsident Enrico Rossi mahnt: „Diese Toten haben wir alle miteinander auf dem Gewissen.“

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Sieben Chinesen – fünf Männer, zwei Frauen – sind am frühen Sonntagmorgen in Prato verbrannt. In dem Fabrikgebäude, in dem mindestens eine Hundertschaft von ihnen zusammengepfercht lebte und Bekleidung nähte, hatte sie das Feuer im Schlaf überrascht. Nach der genauen Ursache suchen die Ermittler noch. Ein defekter oder überhitzter Gasofen? Eine Zigarettenkippe inmitten von Kunststoff-Textilien? Sämtliche Beobachter halten diese Fragen für nebensächlich. Sie sehen in den skandalösen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Chinesen in Prato generell die Ursache für die Katastrophe. „Dabei können wir noch von Glück sagen: Wären all die Gasflaschen in der Fabrik explodiert...“, sagt der für Sicherheitsfragen zuständige Stadtrat Aldo Milone.

Wie viele Chinesen sich in der alten Woll- und Textilstadt Prato niedergelassen haben, weiß niemand. Das Einwohnermeldeamt kennt 14 000. Hinzu kommen bis zu 35 000 Illegale, die aber keiner sieht, weil sie in den Fabriken ihrer Landsleute eingeschlossen sind. Sie arbeiten – das weiß man aus Polizeikontrollen und von einzelnen „Überläufern“ – sieben Tage die Woche, 16 bis 18 Stunden am Tag, bei einem Monatslohn von weniger als 300 Euro brutto. Sie fertigen „fast fashion“, „schnelle Mode“, eine im Design rasend schnell wechselnde Billigware, die dann die Boutiquen in ganz Europa überschwemmt, auch solche in Deutschland. Und auf allen Stücken steht das, was als „Qualitätsmerkmal“ bei den Kunden am meisten zieht: „made in Italy“. Formal mit vollem Recht.

Die Chinesen in Prato, das hat die Wirtschaftsjournalistin Silvia Pieraccini zusammengerechnet, sind so zahlreich, dass sie jeden Tag eine Million Kleidungsstücke nähen können. Der Jahresumsatz in dieser nach London und Paris drittgrößten „Chinatown“ Europas soll zwischen zwei bis sechs Milliarden Euro liegen; die Finanzpolizei schätzt, dass von den Gewinnen die Hälfte unversteuert das Land verlässt.

Die Lebensbedingungen des unsichtbaren Heeres sind entsprechend. Bis sie ihren Schleusern die Einreisekosten bezahlt haben, hausen die Chinesen dort, wo sie auch arbeiten, auf engstem Raum, in schachtelartigen Verschlägen aus Gipskartonplatten. Strom- und Gasinstallationen sind zumeist handgemacht, und genauso wie sie werden auch die hygienischen Zustände von der Polizei als katastrophal beschrieben.

Uneinig in Prato ist man sich einzig darüber, ob man von Sklavenhaltertum sprechen soll oder von chinesischer Selbsversklavung: „Die Nachkommenden, die aus China zur Mitarbeit gerufenen Familienangehörigen oder Nachbarn, wissen ja, worauf sie sich einlassen“, schreibt der Soziologe Fabio Berti: „Und sie wollen nichts anderes, als sich hochzuarbeiten, um dann als Unternehmer weitere Chinesen beschäftigen zu können.“ „Aber wir haben das zugelassen“, entgegnet Dario Di Vico von der bürgerlichen Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“. „Wir haben beide Augen zugedrückt und es zugelassen, dass es im Herzen der so zivilisierten Toskana eine derart skrupellose Sklaverei gibt und dass Illegalität zu einem siegreichen Geschäftsmodell geworden ist.“