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Zwangspause für Kultjazzer Günter Baby Sommer

Der Dresdner Ausnahme-Schlagwerker über Kreativität in Zeiten von Corona, fehlenden Weitblick und die Chance fürs bedingungslose Grundeinkommen.

Stilecht trotz Krise: Günter Baby Sommer mit der speziellen Atemschutzmaske, die ihm eine Freundin nähte.
Stilecht trotz Krise: Günter Baby Sommer mit der speziellen Atemschutzmaske, die ihm eine Freundin nähte. © Cathrin Neufeldt

Günter Baby Sommer, Jahrgang 1943, studierte einst in Dresden Schlagzeug und war schließlich von 1995 an knapp 16 Jahre Professor an der hiesigen Musikhochschule. Als Jazzer erspielte er sich in unterschiedlichsten Konstellationen weltweites Ansehen und ist bis heute bestens in der Szene vernetzt.

Herr Sommer, ist es von Vorteil, dass Sie als Schlagzeuger ganz legal mit Händen und Füßen Dampf ablassen können?

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Je nach Emotions- und Energielage schafft das ein Saxofonist oder ein Trompeter genauso. Zumindest jeder Jazzmusiker ist in der Lage, seine Gefühle, also natürlich auch seinen Frust, auf dem Instrument rauszulassen. Was ihn dabei höchstens behindern könnte, ist seine Wohnsituation. Wer in einer kleinen Neubauwohnung lebt, hat dabei ganz sicher ein Problem.

Mit Ihrem Haus hoch über Radebeul sind Sie also klar im Vorteil.

Ich kann mich Tag und Nacht – mit und ohne Corona – austoben. Für einen Musiker generell, aber besonders für einen Schlagzeuger ideale Umstände.

Üben Sie jetzt aggressiver als sonst?

Nein, nicht aggressiver, aber eindeutig häufiger. Ich habe ja auch viel mehr Zeit dafür. Als weltumtriebiger Musiker habe ich normalerweise viele Tausend Kilometer zurückzulegen für meine Konzerte. Ein Termin heißt, ich bin drei Tage lang unterwegs. Einen Tag hin, dann der Tag des Auftritts und wieder ein Tag zurück. Das ist nun alles weggefallen und fällt weiterhin weg. Vier Monate nur rote Striche im Kalender. Das ist gewöhnungsbedürftig.

Leiden Sie sehr darunter?

Das kann ich so nicht sagen, es setzt andere Kräfte, andere Ideen frei. Nebenbei komme ich zu Dingen, die ich immer vor mir hergeschoben habe. Ich musste drei Bäume fällen, was ich endlich erledigt habe. Zudem kann ich kreativ sein, kann Sachen ausprobieren, an Instrumenten rumbasteln. Also diese Zwangspause hat auch Vorteile, ist aber letztlich für alle Künstler dennoch eine Katastrophe.

Was ist dabei aus Ihrer Sicht das Schlimmste?

Wirklich einschätzen kann ich das natürlich nur bei den Jazzmusikern. Von denen sitzen derzeit mindestens 90 Prozent verzweifelt zu Hause. Ihre einzige Möglichkeit, die hungrigen Kindermäuler zu stopfen und die Miete zu bezahlen, waren bislang die drei bis fünf schlecht bezahlten Konzerte, die sie pro Monat gebenm konnten. Höchstens zehn Prozent leben, so wie ich, in ökonomisch halbwegs gefestigten Verhältnissen.

Den Rhythmus im Blick und im Blut: Günter Baby Sommer.
Den Rhythmus im Blick und im Blut: Günter Baby Sommer. ©  Foto: Robert Michael

Kann sich die Szene, wenn sich die Verhältnisse wieder normalisieren, zügig erholen oder werden Schäden bleiben?

So sehr ich es mir auch wünsche, dass nach dem Stillstand wieder alles zügig in die Gänge kommt, bleibt eine riesige Nachwirkung für die Veranstalter und damit auch für die Musiker. Ein Saxofonist kann zur Not Taxi fahren, ein Klubbetreiber kann das nicht. Selbst größere Konzertagenturen könnten auf der Strecke bleiben, was möglicherweise dazu führt, dass Musikern die Auftrittsmöglichkeiten abhanden kommen und somit die Auswirkungen noch in Jahren spürbar sind.

Viele Konzerte werden derzeit, ebenso wie das Radebeuler XJazz-Festival, bei dem Sie der Schirmherr sind, nicht abgesagt, sondern verschoben. Was bringt das denn eigentlich?

Die Wahrheit ist doch: Jeder verschobene Termin ist ein ausgefallener Termin. Wir machen ja auch nicht nächstes Jahr zwei Festivals. Kein Musiker wird also nach der Krise doppelt so viele Konzerte spielen. Der Verlust wird durch nichts kompensiert.

Hätte ein nach der Enthaltsamkeit möglicherweise größeres Publikumsinteresse einen positiven Effekt?

Damit rechne ich nicht. Ich glaube eher an einen anhaltenden Publikumsschwund, weil manche ängstlicher als vorher sein werden und größere Menschenansammlungen zunächst meiden.

Müsste also die Politik sich besser um die Musiker kümmern?

In manchen Bundesländern macht man das ja. Nur Sachsen hinkt da so furchtbar hinterher. Dafür genehmigt man aber in Dresden umgehend wieder eine Pegida-Demonstration. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Hier empfiehlt man Veranstaltern auch, sie mögen doch Hartz-4 beantragen oder einen Kredit aufnehmen, dabei stellt der Bund Geld für diese Branche zur Verfügung. Ich möchte mal wissen, wo das landet. Von Musikerkollegen weiß ich: Bayern zahlt 1.000 Euro, Baden-Württemberg 1.800 Euro und Berlin sogar 5.000 Euro. Dort können Veranstalter außerdem Künstlern, die damit einverstanden sind, für ausgefallene Shows aus öffentlichen Mitteln 64 Prozent der Gage, so eine Art Kurzarbeitergeld, auszahlen. Diese Ungleichheit ist mir ein Dorn im Auge.

Wie ließe sich das besser regeln?

Zum Beispiel über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das wurde ja schon oft diskutiert, aber jetzt gibt es die perfekte Gelegenheit für einen Test, mit dem man sehr viel Bürokratie vermeiden könnte. Nach ein, zwei Jahren sieht man sich an, wie es gelaufen ist, und beendet oder verändert alles entsprechend der aktuellen Situation. Für einen Jazzmusiker, der hierzulande durchschnittlich 1.000 Euro im Monat verdient, wäre diese Variante ein Segen und für den Staat eine Entlastung.

Kommen Sie selbst ohne Hilfszahlungen über die Runden?

Das geht schon. Ich bekomme zwar nur 1.100 Euro Rente, aber das Haus ist bezahlt, es gibt keine offenen Kredite. Und zur Not springt meine 97-jährige Mutter Erna mit ihrem Sparbuch ein. Aber ich muss an mein Eingemachtes gehen, was ich auch nur ein paar Monate durchhalte. Damit bin ich jedoch schon in einer privilegierten Lage. Wenn ich jetzt über die mangelhafte Unterstützung klage, mache ich das nicht in eigenem Interesse, sondern für die, denen es wirklich mies geht.

Viele Künstler setzen derzeit darauf, mittels gestreamter Auftritte im Gespräch zu bleiben. Ist das was für Sie?

Ich habe das tatsächlich jetzt zum ersten Mal gemacht, aber nicht, um mich zu zeigen, sondern um Geld für den Verein Radebeuler Kultur reinzubekommen. Als Vorstandsvorsitzender habe ich mit meiner Frau Katharina live vor der Kamera gespielt. Ein seltsames Gefühl ohne Publikum, wie vor einem leeren Sack. Doch danach kamen sofort Reaktionen aus Italien, Griechenland, Frankreich und mir wurde klar: Das ist überhaupt keine Einbahnstraße. Vor allem gab es gleich ein paar Spenden für den Verein. Jetzt will ich das noch mal machen, entweder mit Gunther Emmerlich oder mit Fiete Junge zusammen.

Haben Sie also Blut geleckt?

Ein schottischer Kollege will mich bei einem Streaming-Konzert dabeihaben. Mal gucken, ob ich das hinbekomme. Das ist die große Herausforderung, jetzt technisch dafür ausreichend fit zu werden. Durchaus auch ein positiver Nebeneffekt der Krise.

Telefonieren Sie mehr?

Eigentlich nicht. Was ich viel mehr als vorher mache, ist fernsehen. Ich habe noch nie so viel ferngesehen wie jetzt. Schon morgens überlegen wir, was wir abends kochen und welchen Film wir sehen wollen. Wir sehen uns aber auch die TV-Nachrichten aus Frankreich und Italien an. Dort ist mediale Corona-Dominanz nicht so arg wie bei uns. Hier wird viel Rauch produziert, anderes rutscht hinten runter.

Was zum Beispiel?

Angefangen von den Krisen und Hungerkatastrophen bis zu den Zuständen in den griechischen Flüchtlingslagern. Das ist eine Schande für Europa. Deshalb habe ich eine Videobotschaft an Dresdens Oberbürgermeister geschickt, sich gegen die AfD-Aufnahmeverweigerer zu stellen. Es ist die Gelegenheit für Dresden, für Sachsen, in der Krise mit etwas Gutem aufzufallen.

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