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„Diesen Schritt bereue ich nie“

Vor 30 Jahren flüchtete Falko Götz mit seinem Freund und Mitspieler Dirk Schlegel in den Westen. Nun erzählt Aues Trainer von den aufregenden Tagen im November 1983 – und was danach passierte.

© nordphoto

Von René Wiese

Am 9. November 1983 entgeht den Lesern der ostdeutschen Neuen Fußball-Woche fast eine wichtige Mitteilung. Versteckt in einem Artikel zum aktuellen Geschehen untergebracht, sind folgende Sätze zu lesen: „Die Fußballspieler Falko Götz und Dirk Schlegel vom BFC Dynamo wurden von Profi-Managern der BRD mit hohen Geldsummen abgeworben. Vor dem Spiel des Europa-Cups der Landesmeister in Belgrad haben sie ihre Mannschaft verlassen und verraten.“

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Hinter der knappen Zeitungsnotiz verbirgt sich aber weit mehr als eine Angelegenheit von Abwerbung und Verrat.

Falko Götz spielt seit 1971 für den BFC Dynamo. Obwohl das junge Talent von Anfang an alle sportlichen Voraussetzungen für eine Förderung mitbringt, darf der Junge nicht auf die Ost-Berliner Kinder- und Jugendsportschule (KJS), wo normalerweise Dynamos Talente ausgebildet werden. Grund ist ein kaderpolitischer Makel: Westverwandtschaft. Allein der scheinbar dunkle Punkt in der familiären Kaderakte ist Anlass genug, um ihm die sportliche Delegierung an die KJS zu verweigern. Trotzdem setzt sich Götz außerhalb des speziellen Fördersystems in den Jugendteams des BFC gegen die Konkurrenten aus der KJS durch. Dreimal wird er DDR-Meister. Als 18-Jähriger steht er im BFC-Aufgebot bei einem Europapokalspiel in Zypern, später spielt er in der U-21-Auswahl der DDR. Trotz guter Leistungen fühlt er sich gerade im Vergleich zu den „politisch unbedenklichen“ Spielern zu wenig gefördert.

Im November 1983 will Falko Götz mit seinem Freund Dirk Schlegel, der den gleichen kaderpolitischen Makel aufweist, sein Schicksal selber in die Hand nehmen. Sie wollen Bundesligafußball spielen. Gemeinsam planen sie, sich beim Europapokalspiel der Landesmeister gegen Partizan Belgrad in Jugoslawien von der Mannschaft abzusetzen und in die bundesdeutsche Botschaft zu fliehen. Bei einem Einkaufsbummel der gesamten Mannschaft suchen die beiden unbemerkt den Ausweg aus dem Kaufhaus, wie sich Götz erinnert. Während sich Mitspieler und Funktionäre nach Schallplatten und Kleidung umsehen, interessieren sich Götz und Schlegel nur für eines: „Wo können wir raus, wo können wir uns unauffällig von der Mannschaft wegmachen?“ Die viel beschäftigten Funktionäre bemerken nicht, dass Götz und Schlegel durch einen Seiteneingang aus dem Kaufhaus entwischen. „Kurz noch mal geguckt, dann sind wir gerannt“, sagt Götz, damals 21 Jahre alt.

Draußen gelangen sie an einen Taxistand, doch der erste Fahrer weigert sich, sie mitzunehmen. Erst der zweite kann mit 20 Westmark überzeugt werden, sie zur Botschaft zu fahren – eine Strecke von 200 Metern, wie sich herausstellt. Dennoch das „am besten angelegte Geld meines Lebens“, resümiert Götz. Da sie noch die Trainingssachen des Vormittags am Leib tragen, durchschauen die Botschaftsangestellten schnell ihre Absicht: „Oh, ihr seid Fußballer, ihr wollt bestimmt in den Westen!“, lautet die trockene Begrüßung. Mit diplomatischer Unterstützung können beide schließlich mit dem Nachtzug von Ljubljana nach München ausreisen.

Spöttische Rufe von der Tribüne

Es ist eine bange Fahrt, auf der es den ersten großen Zwist zwischen den Freunden gibt. „Wir haben uns gestritten, ob Villach schon in Österreich ist oder noch in Jugoslawien. Es war glücklicherweise Österreich, und wir waren im Westen und unsere Flucht war geglückt“, erzählt Götz.

Von der SED wird jede Flucht von Sportlern aus der DDR als Image-Desaster wahrgenommen. Zu groß ist die Peinlichkeit, dass sich Vorzeigepersönlichkeiten des Sozialismus für ein Leben im Westen entscheiden, ihre Fluchtgeschichten zu allem Übel von den bundesdeutschen Medien ausgeschlachtet werden. In den Fußballstadien der DDR erklingt in dieser Zeit der spöttische Ruf von den Rängen „Willst du in den Westen türmen, musst du für Dynamo stürmen.“ Die West-Berliner Morgenpost nimmt den Schlachtruf postwendend auf und veröffentlicht eine passende Karikatur mit dem Titel „Türmer und Stürmer“. An einem publizistischen Ost-West-Schlagabtausch ist der DDR jedoch schon lange nicht mehr gelegen.

Anders als noch in den 1950er-Jahren, als „Republikfluchten“ öffentlich angeprangert wurden, geht die DDR-offizielle Publizistik in den 1970er-Jahren dazu über, Fluchten von Sportlern tendenziell totzuschweigen. Allein in winzigen Notizen werden die Fälle kommuniziert – und die Flüchtenden mit dem politischen Kampfbegriff des „Verrats“ gebrandmarkt. Verrat und Abwerbung sind typische Begriffe der DDR-Presse im Kalten Krieg.

Der Neuanfang verläuft für Götz und Schlegel allerdings nicht unbeschwert. Sie werden sportlich laut Verbandsreglement ein Jahr gesperrt. Zudem müssen sie einen Verein finden, der sie unter Vertrag nimmt. „Für mich war es wichtig, Kontakt zu Jörg Berger zu bekommen. Er war mein Trainer bei der Jugendnationalmannschaft der DDR, und deswegen war er für mich die erste Anlaufstation“, erinnert sich Götz.

Berger, 1979 ebenfalls über Jugoslawien aus der DDR geflüchtet und als Zweitligatrainer etabliert, stellt den Kontakt her zu Rainer Calmund, damals Manager von Bayer 04 Leverkusen. Er unterbreitet den DDR-Flüchtlingen ein Angebot, das sie annehmen. Allerdings werden beide von Berger ermahnt, keinesfalls so wie der 1979 geflüchtete ehemalige Dynamo-Star Lutz Eigendorf öffentlich Interviews zu geben und die DDR zu kritisieren. Dementsprechend legt Falko Götz Wert darauf, als „sportlicher Flüchtling“, nicht als „politischer Flüchtling“ aufzutreten.

Stundenlange Verhöre der Eltern

Die Belgrader Flucht hat trotzdem Konsequenzen. Die Mutter von Götz wird vom Ministerium für Staatssicherheit 16 Stunden lang verhört, beide Elternteile unterliegen künftig der Überwachung durch die Stasi. „Es war ein massiver Eingriff in das Privatleben meiner Familie im Osten, und ich saß im Westen und konnte nichts dagegen tun“, sagt Götz.

Erst nach der Wiedervereinigung erfährt er, wie eng die Schlinge der Sicherheitsorgane gewesen ist. Joachim Gauck macht ihn Anfang der 1990er-Jahre darauf aufmerksam, dass eine umfangreiche Opfer-Akte bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes vorliegt. Den Papieren kann Götz entnehmen, wie selbst langjährige persönliche Freunde der Eltern gezielt auf die Familie angesetzt waren. Auch finden sich detaillierte Fotos seiner Lebensumstände im Westen sowie Zeichnungen, die auf eine geplante Entführung hindeuten.

Letztlich resümiert Götz, „dass er vieles richtig gemacht hat in seiner Karriere, indem ich kein Provokateur war“. Er habe allein ein bekannter Bundesligaspieler sein und seinen Eltern zeigen wollen, dass der Schritt, den er vollzogen hat, der richtige war. „Ich bin nicht wegen des schönen Lebens in den Westen gegangen. Ich war bereit, meine Karriere ernst zu nehmen“, sagt der heute 51-Jährige und betont: „Diesen Schritt, aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet zu sein, werde ich nie bereuen.“