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Döbeln

Dieser Mann kennt den Weg in die Freiheit

Damit Gefangene bei den ersten Schritten in Freiheit nicht stolpern, gibt es Unterstützung. Die sieht bei jedem anders aus.

Seit fast zehn Jahren hilft S. Karsch Häftlingen dabei sich nach der Haft neu zu organisieren.
Seit fast zehn Jahren hilft S. Karsch Häftlingen dabei sich nach der Haft neu zu organisieren. © Lars Halbauer

Döbeln. Wer vor den massiven Mauern der JVA Waldheim steht, dem fällt es – bei den Gittern und Stacheldrähten – schwer zu glauben, dass es drinnen nicht nur ums Wegsperren geht. Denn in Gefangenschaft soll vor allem gelernt werden, wieder in der Freiheit zurecht zukommen.

Hinter den Mauern regt Pressesprecherin Michaela Tiepner zum Perspektivwechsel an. Jeder der hier arbeite, habe ständig mit dem Thema Entlassung zu tun. „Die Vorbereitungen dafür beginnen bereits am Tag der Inhaftierung.“ Mindestens alle sechs Monate werden dann die größten Herrausforderungen nach der Entlassung herausgearbeitet „Eine ganz wichtiger Punkt ist, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.“

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„Ich würde eher sagen, dass es in erster Linie darum geht eine Wohnung zu finden“, wirft S. Karsch ein. „Solange der Wohnraum nicht sicher ist, haben die Gefangenen meist keinen Kopf für etwas anderes.“ 

Der 53-jährige muss es wissen, seit zehn Jahren unterstützt er Insassen auf ihrem Weg in die Freiheit. Seit fast drei Jahren für die JVA Waldheim im Übergangsmanagement. Was erstmal sehr sperrig klingt, erklärt er seinen Kindern folgendermaßen: Er trifft die Entlassungsvorbereitungen für die Gefangenen, hilft ihnen also sich nach der Haft neu zu organisieren.

In der JVA Waldheim sind das Menschen, die ihre erste Haftstrafe verbüßen. Für die Eingliederung in die Freiheit ist das von Vorteil, denn nach dem ersten Gefängnisaufenthalt ist noch mit der Unterstützung von Familie oder Freunden zu rechnen. 

Die helfen dann beim Ausfüllen von Dokumenten, der Suche nach Wohnungen und einem Job. Alles Aufgaben, bei denen auch das Übergangsmanagement Unterstützung anbietet. So kommt es, dass von den durchschnittlich 190 Menschen, die jährlich aus der JVA entlassen werden, tatsächlich nur 20 bis 30 Gefangene das Übergangsmanagement in Anspruch nehmen. 

„Das sind dann hauptsächlich die intensiven Fälle“, sagt Tiepner. „Trotzdem muss man festhalten, dass zu mir eigentlich nur Leute kommen, die sehr konstruktiv an ihren Zielen arbeiten, ob es später auch klappt, das ist eine ganz andere Schiene“, ergänzt Karsch. Tatsächlich sei der Bedarf an seiner Arbeit größer, als er abdecken kann. Eine weitere Stelle sei allerdings schon beantragt.

Dass sich Karsch nicht um mehr Klienten kümmern kann, liegt am zeitintensiven Charakter seiner Arbeit, die bereits vier Monate vor Haftende beginnt. In dieser Zeit werden den Gefangenen Lösungsansätze angeboten, um sich in Freiheit besser zurechtzufinden. Das kann ein Bewerbertraining sein oder zu lernen wie ein Haushaltsbuch geführt wird, ganz abhängig von den Problemen der Inhaftitierten und wie sehr sie bereit sind mitzuwirken. 

„Denn genauso unterschiedlich wie die Menschen, so unterschiedlich sind auch die Entlassungsvorbereitungen“, erklärt Tiepner. Nach der Entlassung steht Karsch seinen Klienten noch mal acht Wochen für eine Nachbetreuung zur Seite. „Wenn man entlassen wird, hat man erstmal ganz viele Termine.“ Also fährt Karsch mit den Ex-Häftlingen zur Anmeldung aufs Amt, hilft gegebenenfalls beim Einrichten eines Bankkontos und allem was sonst ansteht.

In dieser Zeit lernt er das Lebensumfeld, Freunde und Familie seiner Klienten kennen. Da stellt sich auch heraus, inwieweit der gewonnene Eindruck im Gefängnis mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Denn nur weil ein Häftling im Gefängnis pünktlich zur Arbeit kommt, heißt das nicht, dass er auch ohne Wärter pünktlich aus dem Bett kommt. „Um das herauszufinden, vergeb ich viele kleine Aufgaben, angefangen mit Dokumente zum Amt bringen und teste so, wie es um die Selbstständigkeit steht.“

Den größten Teil seiner Arbeit nimmt jedoch die Wohnungssuche ein. Ganz unabhängig davon, ob der Gefangene nach seiner Haft in einen angespannten Wohnungsmarkt ziehen möchte oder doch aufs Land. „Kein Vermieter schreit erstmal Hurra, wenn er erfährt, dass ein Strafgefangener einziehen soll“, erzählt Tiepner. Aber mit der Zeit habe sich Karsch ein Netzwerk aufgebaut. 

„Mittlerweile kennen mich viele Vermieter, das ist richtig wertvoll. So habe ich in letzter Zeit niemanden länger als ein paar Wochen ins Übergangswohnheim bringen müssen. Aber das ist sehr viel Arbeit.“ 

In der JVA Waldheim sind nämlich Straftäter aus dem ganzen Freistaat untergebracht. „Das macht die Arbeit so komplex, es ist sehr schwierig sich auf dem gesamten Wohnungsmarkt in ganz Sachsen zu vernetzen.“ Während in einem Monat eine Wohnung in Chemnitz gesucht wird, geht es im nächsten um eine Bleibe in Leipzig oder Dresden.

Ist erst einmal eine Wohnung in Aussicht, geht es darum eine Arbeit zu finden. „Als ich 1997 angefangen habe zu arbeiten, hieß es standartigmäßig, sich nach der Haft beim Amt zu melden.“ Heute hätte sich die Situation allerdings stark verbessert, sagt Tiepner. „Die momentane Arbeitslage und der Fachkräftemangel, spielt uns dabei sehr in die Hände.“ Doch wie in allen Belangen muss Karsch vor allem bei der Arbeitssuche davon ausgehen, dass immer irgendetwas schief gehen kann. „Ich arbeite immer mit Plan B und C.“

Wer mal eine Zelle des über 300 Jahre alten Gefängnis von innen sehen möchte, der kann am 24. August Tag zum Tag der offenen Tür der JVA Waldheim vorbeikommen.

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