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Darum ist das neue Bauhausmuseum leider missraten

Pharmakonzern? Volksbank? Der Neubau in Dessau hat kaum etwas von der DNA der legendären Designschule. Eine Architekturkritik.

© Darum ist das neue Bauhausmuseum leider missraten

Von Falk Jaeger

Nach Weimar nun Dessau. Am Sonntag eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel das zweite Bauhaus-Museum, das aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der legendären Design-Schule errichtet wurde. Ein drittes, die Erweiterung des Bauhaus-Archivs in Berlin, wird bis 2024 auf sich warten lassen.

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Das neue Haus in Dessau soll der zweitgrößten Bauhaus-Sammlung mit ihren 49.000 Objekten eine Heimat und einen angemessenen Präsentationsort mit konservatorisch perfekten Räumen bieten. 30 Millionen Euro hat es das Land Sachsen-Anhalt und den Bund gekostet, fünf Millionen mehr als ursprünglich veranschlagt. „Vertretbare Mehrkosten“, wie Kulturminister Rainer Robra findet.

Wer heute aus dem Bahnhof tritt und den auf den Gehweg gepinselten Wegweisungen folgt, wird nicht Richtung Bauhaus, sondern mitten ins Zentrum der Stadt geleitet, wo er an der Kavalierstraße ungläubig vor einen, nun ja, dunklen Glaskasten tritt. Bauhaus? Doch vor dem 105 Meter langen, 25 Meter breiten Riegel mit der abweisend spiegelnden Fassade, auf dem Mies-van-der-Rohe-Platz genannten Vorplatz steht tatsächlich eine Stele mit dem Namen des Museums, hier muss es also sein.

Der Wettbewerbsentwurf von 2015 zeigte noch ein luzides Etwas, in dem wie in einem Schneewittchensarg ein schwarzes Volumen über einem gläsernen-durchsichtigen Erdgeschoss schwebt. Das ist ja tatsächlich so gebaut worden, aber man sieht es nicht, jedenfalls tagsüber nicht, solange drinnen kein Licht brennt. Was man sieht, ist eine rätselhafte, autistische, dunkle Kiste, die keinerlei Interpretationshilfe gibt. Pharmakonzernzentrale? Regionalverwaltung der Volksbank? Die aalglatte Fassade verrät nichts.

Besucher am Tag der Eröffnung.
Besucher am Tag der Eröffnung. © dpa

Dutzende von hinreißenden Museumsneubauten sind in den letzten Jahren in Deutschland entstanden. Dieses hier ist ein anonymer Alien, keine neue Bauhaus-Ikone, und wird manchen Bauhaus-Touristen vor den Kopf stoßen. Eines der Glasfelder lässt sich öffnen: Die Eingangstür. Eine architektonische Willkommensgeste sieht anders aus. Beispielsweise so wie bei Walter Gropius’ Bauhaus selbst. Im Inneren überrascht ein großer, ungeteilter Saal. Es ist frei bespielbar, steht für Veranstaltungen jeglicher Art und für Sonderausstellungen zur Verfügung, ein Kulturangebot auch für die Stadt Dessau. Eine Glaswand bietet freien Blick auf die Kavalierstraße, die andere öffnet sich zum Stadtpark. Öffnet ist nicht ganz richtig: Man hätte sich Schiebewände gewünscht, sodass der Stadtraum bei entsprechenden Gelegenheiten wirklich durch das Gebäude hindurchfließt.

Der stützenfreie Großraum ist möglich, weil die eigentlichen Museumsräume als 70 Meter überspannende Brücke aus schwarzem Beton ausgeführt sind, die sich auf die beiden Treppenhäuser stützt. Sowenig wie die Eingangstür ist der Zugang zum Obergeschoss architektonisch ausgeprägt gestaltet. Wer die richtige Tür zum Treppenhaus gefunden hat, gelangt über eine Art schmucklose Fluchttreppe die eigentlichen Ausstellungsräume. Das Treppenhaus aus rohem Beton soll den Kontrast bilden zu den wunderbaren Exponaten, die den Besucher erwarten. So jedenfalls erläutert es Roberto Gonzales von addenda architects, wie sich das Büro inzwischen nennt. Die Schauräume sind nicht wie in Weimar als white cube konzipiert, sondern als black box ohne Tageslicht, in der buchstäblich jeder Lichtstrahl genau kontrolliert werden kann.

145.000 DDR-Mark für 148 Arbeiten von Bauhaus-Künstlerinnen und -Künstlern stellte die „Galerie am Sachsenplatz“ in Leipzig der Stadt Dessau am 1. November 1976 in Rechnung. Heute umfasst die Sammlung über 49.000 Objekte.
145.000 DDR-Mark für 148 Arbeiten von Bauhaus-Künstlerinnen und -Künstlern stellte die „Galerie am Sachsenplatz“ in Leipzig der Stadt Dessau am 1. November 1976 in Rechnung. Heute umfasst die Sammlung über 49.000 Objekte. © Stiftung Bauhaus/Meyer

Es gibt viele lichtempfindliche Exponate, alles Originale, Papierarbeiten, Dokumente, Lichtpausen, aber auch Textilien, die nur geringen Lichtdosierungen ausgesetzt werden können. Das Berliner Designbüro chezweitz hat aus der Not eine Tugend gemacht und alle Möglichkeiten der Lichtgestaltung genutzt.

Besucher sollten sich zur besseren Orientierung vorab die Konzeption der Ausstellung klarmachen. Der eilige Besucher, der sich unvorbereitet nur ein wenig umsehen will, wird so manches nicht einordnen können und möglicherweise enttäuscht sein. Die unvermeidlichen Möbel von Mies und Breuer kennt er zu Genüge. Spektakuläre Exponate mit Schauwert gibt es nur wenige und ein inszenatorisches Feuerwerk wird auch nicht geboten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung. © dpa

Kernstück ist neben dem „Probierplatz Bauhaus“ und der Geschichte der Sammlung in den beiden kleineren Sälen die Präsentation „Horizont Fabrik“ mit einem orangebunten Regal, das den großen Saal in seiner ganzen Länge durchläuft und in dem all die Designikonen präsentiert sind, die in die Produktion gegangen waren. Denn eine wesentliche, aus der Werkbundidee entwickelte Intention des Bauhauses war, von der Teetasse bis zur Wohnsiedlung die gesamte Dingwelt auf neue Weise zu gestalten. Woher die Ideen kamen, zeigen die „Seitenschiffe“ mit Schulraumsituationen, mit Lehrprogrammen und Schülerarbeiten, den Lebenswegen der Protagonisten und ihren späteren Wirkungsfeldern.

Auf „Zwischenspiele“ genannten Sonderflächen werden Neuerwerbungen vorgestellt, sind Interaktionsfelder aufgebaut und werden wechselnde Sonderthemen abgehandelt, etwa die 1953 als Nachfolgeinstitution gedachte Hochschule für Gestaltung in Ulm, die übrigens 1968 auch aus politischen Gründen geschlossen wurde.

Genügend Zeit muss der Besucher also mitbringen. Trotz des umfassenden didaktischen Konzepts sind nicht alle Aspekte des Bauhauses ausgeleuchtet. So ist nur wenig über die eminent politische Dimension der Bauhausidee und das damit verbundene prekäre Schicksal der Schule zu erfahren, die ja in Weimar, in Dessau und 1933 in Berlin aus politischen Gründen geschlossen wurde. Es bleibt Stoff genug für neue Ausstellungen.

Mit dem neuen Haus hat die Stiftung Bauhaus Dessau beste Möglichkeiten dazu. Die Stadt wird von dem großen Saal und den Publikumsveranstaltungen profitieren. Eine neue Architekturikone ist zu den historischen Bauhausbauten allerdings nicht hinzugekommen. Die Architekten wollten dem Bauhaus keine Konkurrenz machen. Das ist ihnen gelungen, denn mit dem Bauhaus hat ihr nüchterner Zweckbau ohne die Bauhaus-DNA rein formal nicht viel zu tun.

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