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Dieses Virus ist ein Warnschuss

Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Christian Thielemann ist wie viele derzeit daheim. Wie geht es dem Maestro im Homeoffice?

Ein Foto aus anderen Zeiten: Christian Thielemann lauscht bei einer Probe der Kapelle 2019 im Großen Festspielhaus von Salzburg. Dort sollten sie ab diesem Wochenende eigentlich Fans aus aller Welt begeistern.
Ein Foto aus anderen Zeiten: Christian Thielemann lauscht bei einer Probe der Kapelle 2019 im Großen Festspielhaus von Salzburg. Dort sollten sie ab diesem Wochenende eigentlich Fans aus aller Welt begeistern. © picture alliance

Eigentlich ist der deutsche Dirigent Christian Thielemann im Dauerarbeitsmodus. Wenn er nicht in Dresden mit seiner Sächsischen Staatskapelle oder als Gast mit Spitzenorchestern wie den Wiener oder den Berliner Philharmonikern musiziert, bereitet er die nächsten Aufführungen oder seine allsommerlichen Dirigate bei den Bayreuther Festspielen vor. Doch jetzt ist er wie viele im Zwangsurlaub, Veranstaltungen sind abgesagt. Wann es je weitergeht mit Sport und Kultur, weiß keiner. Ein Gespräch mit dem 61-Jährigen über das Todtraurige wie Sonderbare der Situation und hoffnungsvolle Signale.

Herr Thielemann, seit zwei Wochen ruht das Kulturleben, sind auch Sie sozusagen im Zwangsurlaub. Wie geht es Ihnen?

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Gut. Es ist nur ungewohnt, nichts zu tun zu haben im herkömmlichen Kapellmeister-Sinne. Ich kenne das nicht, habe so etwas noch nicht erlebt. Denn eigentlich sollten an diesem Wochenende in Salzburg ja die Osterfestspiele mit einer Premiere und Konzerten unter meiner Leitung mit der Staatskapelle beginnen. Allerdings habe ich jetzt Zeit, Dinge zu erledigen, zu denen ich bisher nie kam oder die ich ewig aufgeschoben habe. So räume ich meine Bibliothek auf. Bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich freue mich nicht darüber. Die Gesamtsituation ist eine todtraurige Sache.

Die Osterfestspiele sind gecancelt. Auch die Bayreuther Festspiele für Ende Juli sind schon abgesagt. Warum taten das die Wagner-Festspiele im Gegensatz zu anderen Festivals so frühzeitig?

Jetzt sollten die technischen Proben für den „Ring“ beginnen. Ohne die technischen Proben können Sie diese Tetralogie nicht inszenieren. Sie brauchen diesen Vorlauf. Und selbst der ist verdammt knapp für diese insgesamt 16 Stunden Musik.

Welche Musik würden Sie unseren Lesern empfehlen, um diese Zwangspause emotional durchzuhalten?

Ich sage Ihnen, was ich auflege. Ich höre derzeit Aufnahmen vom Pianisten Vladimir Horowitz von 1965/66, als dieser nach zwölf Jahren Podiumsabstinenz in der Carnegie Hall nachmittags vor einem eingeweihten Publikum probte und Konzerte gab. Diese Aufnahmen sind ein Ereignis, denn es handelt sich um die ungeschnittene Botschaft eines Gottbegnadeten, dessen falsche Töne, dessen verrutschte Mini-Details zum Wesentlichsten seiner Kunst gehörten, weil sie dem allzu Menschlichen zuzuordnen sind. Dann höre ich viel Peter Schreier, der Schumann singt. Ich habe vier CDs von ihm und bin erstaunt, weil da Schumann-Lieder drauf sind, die ich noch nie gehört habe. Das ist schon merkwürdig, weil ich Lust habe, Musik zu hören. Ich lege mir sonst zu Hause eigentlich keine Musik auf, weil ich jeden Tag im Büro, in den Konzertsälen beziehungsweise den Opernhäusern Musik um mich habe. Wenn, dann höre ich eher im Auto – aber keine Klassik, da kann ich nicht entspannen. Aber jetzt freue ich mich jeden Tag darauf, die CD in Stellung zu bringen. Die Situation hat seltsame Nebeneffekte.

Ja, man ist so auf sich zurückgeworfen.

Ich komme damit ganz gut klar. Ich langweile mich bislang nicht. In meiner Bibliothek sieht es derzeit aus wie bei Hempels unterm Bett. Ich mache gerade eine Bestandsaufnahme, notiere mir Bücher, die ich noch brauche und sortiere aus. Am Haus gibt es zu werkeln, sofern die Bauleute hoffentlich bald wieder kommen. Und ich tue etwas für meinen Körper. Ich fahre Fahrrad und gehe an die frische Luft.

Viele gönnen sich derzeit in der unsicheren Zeit besonders Gutes, nehmen entsprechend zu. Sie auch?

Danach sieht es leider aus. Bei mir gibt es eine Bäckerei, die macht so wunderbare Käseplätzchen – das ist eine grauenhafte Versuchung.

Liegt gar nichts auf dem Schreibtisch, keine Partitur, keine Schriftstücke?

Doch natürlich, ich mache mir mein persönliches Studienprogramm. Ich habe mir „Don Carlos“ vorgenommen, der ja meine nächste Dresdner Premiere ist oder wäre. Mein Alltag ist eine Kombination aus Aufräumen, Handwerkern, körperlicher Betätigung, Kochen und wenigen Gesprächen. Denn jemanden draußen zu treffen und sich dann in einem Abstand von einigen Metern zu unterhalten, das ist nicht erquicklich. Diese Kontakte, diese Gespräche fehlen. Und ich würde gern mal wieder gut essen gehen. Ich hatte ja diese Woche Geburtstag. Es kamen viele, ganz herzliche Mails und Anrufe, aber das ersetzt eben keine gemeinsame Feier – zumal ja selbst die Familie nicht kommen darf.

Wie empfinden Sie die vielen Streaming-Angebote von Künstlern, Theatern und Museen?

Eigentlich ist es schön. Aber es fehlt eben die Atmosphäre. Wenn jemand in seinem Wohnzimmer musiziert, ist das für den Moment gut, aber das kann nicht Schule machen, dann bräuchten wir ja künftig kein Konzert mehr. Ein Konzert – ob groß oder klein besetzt – lebt davon, dass möglichst viele Leute zusammenkommen, die gemeinsam Kunst machen und erleben wollen. Ein voll besetztes Orchester vor leerem Zuschauersaal ist daher für mich keine Alternative.

Diese Spielzeit dürfte wegen Corona zu Ende sein und auch die nächste Saison aufgrund der Abstandsregelungen nur eine eingeschränkte werden. Wie lange kann Ihre Staatskapelle so pausieren, ohne Schaden zu nehmen?

Darüber spreche ich auch mit meinen Orchestervorständen. Wir wissen es nicht, aber klar, der feine Organismus eines Klangkörpers braucht ständiges Üben und Trainieren. Nur beim Zuhören und Reagieren auf Kollegen entsteht dieser wunderbare Kapellenklang. Aber ich bin ja Optimist. Ich sage mir, irgendwann wird eine höhere Macht mit uns ein Einsehen haben. Wir haben einen Warnschuss bekommen, für unser ewiges Mehr, Mehr, Mehr und Schneller, Schneller, Schneller. Ich denke, die meisten haben diesen Schuss vorm Bug mittlerweile kapiert. So kann es ja nicht weitergehen, die Leute werden ja langsam aggressiv. Deshalb rufe ich allen zu: Bleibt gesund und behaltet eure Laune!

Halten Sie die Maßnahmen, die Deutschland ergreift, für angemessen oder ist der schwedische Weg ohne Kontaktsperren besser?

Ich finde völlig richtig, was verordnet ist. Das ist doch wie auf der Autobahn. Sie kennen doch sicher Stellen, wo beispielsweise 60 Stundenkilometer vorgeschrieben sind. Quälend! Man denkt kurz, welche Idioten haben das festgelegt? Aber es sind keine Idioten. Die kennen den Zustand der Strecke und kennen die Fahrer. Wenn 60 da steht, fahren viele trotzdem 80. Es gibt viel zu viele Leute, die ihre Kontakte nicht freiwillig einschränken oder Rücksicht nehmen würden. Verstöße gibt es jetzt ja trotzdem, als gebe es nicht die schlimmen Nachrichten aus Krisengebieten. Wir müssen das jetzt durchziehen.

Haben Sie aufgrund der Absagen materielle Sorgen?

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Nein, man sollte immer genug auf der hohen Kante haben. Aber ich weiß natürlich, dass es so nicht allen geht. Deswegen gibt es ja so viele Initiativen, vor allem den Freischaffenden und Selbstständigen zu helfen. Die Staatskapelle hat gerade 20.000 Euro aufgebracht, mit denen etwa unsere freiberuflichen Aushilfen und die Mitglieder unserer Nachwuchsakademie unterstützt werden. Fast eine Million Euro kamen bislang bei der bundesweiten Spendenkampagne der Deutschen Orchester-Stiftung für Musiker in Not zusammen, 100.000 Euro für Freischaffende von Musiktheatern. Das sind ermutigende Signale, finde ich.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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