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Mitten in der Krise: Plötzlich Schulleiterin

Einen so turbulenten Arbeitsbeginn hat sie sich nicht vorgestellt: Andrea Skuras ist die neue Leiterin der Diesterweg-Grundschule in Görlitz.

Andrea Skuras ist schon lange Lehrerin. Mit der Diesterweg-Grundschule geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung.
Andrea Skuras ist schon lange Lehrerin. Mit der Diesterweg-Grundschule geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung. © Nikolai Schmidt

Von Susanne Sodan

Auf ihren Start an der Grundschule in Rauschwalde hatte sich Andrea Skuras besonders gefreut. Seit 1. März ist sie die Schulleiterin. Doch dann kam alles anderes: Corona, Corona, Corona. Statt den Kindern im Klassenzimmer neue Buchstaben und Rechenwege beizubringen, drehten die Lehrer der Diesterwegschule Lernvideos. Hat auch positive Seiten. „Erstaunlich, welchen Schritt die Digitalisierung in den vergangenen Wochen gemacht hat“, sagt Andrea Skuras. Dennoch, mitten in einer Pandemie einen neuen Job antreten, das stellt man sich in jeder Branche schwer vor. Besonders an einer Schule.

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Die bisherige Schulleiterin Martina Schwedler ist zu Jahresbeginn in den Ruhestand gegangen. Ihre Stelle war ausgeschrieben. Andrea Skuras wusste davon aber auch ohne die Ausschreibung. Sie arbeitete bisher direkt nebenan: In einem Teil des Rauschwalder Schulgebäudes befindet sich die einstige Sprachheilschule, die heute mit zum Förderzentrum „Mira Lobe“ in Königshufen gehört.

Am Lehrer-Traum änderte auch der Mauerfall nichts

Die Rauschwalder Grundschule kennt Andrea Skuras nicht nur durch ihre bisherige Arbeit im gleichen Haus. „Meine beiden Kinder haben die Diesterwegschule besucht.“ Ihr Sohn ist inzwischen in der Ausbildung, ihre Tochter am Joliot-Curie-Gymnasium. Dort hat auch Andrea Skuras das Abi gemacht. 1989 – der Mauerfalljahrgang. Mit neuen Perspektiven änderte sich damals auch für viele Absolventen der geplante Weg. Für Andrea Skuras nicht. „Ich wollte immer Lehrerin werden“. In Dresden studierte sie Grundschullehramt, fürs Referendariat kehrte sie  in ihre Heimatstadt Görlitz zurück.

90er Jahre: Schlechte Aussichten für Lehrer in Sachsen

„Ich gehöre zu der Lehrergeneration, die in Sachsen danach leider keine Anstellung bekam.“ Wegzug und Geburtenknick – seit 1990 wurden in Sachsen 34 Prozent der allgemeinbildenden Schulen geschlossen, im Kreis Görlitz sogar über 45 Prozent. Was sich auch auf die Einstellungspolitik des Freistaats damals auswirkte. „Viele sind nach dem Referendariat damals direkt in die Arbeitslosigkeit gegangen“, erinnert sich Andrea Skuras.

Sie selbst fand zum Glück eine Stelle bei einem Bildungsträger in der Region, bei dem sie sechs Jahre arbeitete. Und parallel ein weiteres Studium absolvierte: Betriebswirtschaft. Aber der Traum vom Grundschullehrer blieb. „Ich habe mich immer wieder beworben.“ Letztlich klappte es bei der Förderschule Bautzen. Durch einen Stellentausch kam sie ans Förderzentrum Königshufen und zehn Jahre lang war sie in der zugehörigen Sprachheilschule in Rauschwalde die Fachleiterin des Förderschwerpunktes Sprache. Und machte noch ein berufsbegleitendes Studium für Sprachbehindertenpädagogik und geistige Entwicklung. Voriges Jahr hat sie es abgeschlossen. Um nun, wenige Monate später,  an eine Grundschule zu wechseln. Und sich damit ihren einstigen Traum zu erfüllen.

Das Studium bereue sie dennoch nicht. Andrea Skuras lacht, „meine Eltern haben mich das auch gefragt. Aber das ist ein Wissen, das mir keiner nehmen kann.“ Zum einen habe das Studium ihr immer auch in der Praxis an der Förderschule geholfen. Zum anderen ist Inklusion ein Thema, das seit Jahren diskutiert und auch an den Regelschulen immer größer wird.

"Wir müssen die Kinder abholen, wo sie stehen"

Es sind Diskussionen, bei denen die 49-Jährige in der Mitte steht. „Es gibt Vertreter, die wollen die Inklusion um jeden Preis.“ Andrea Skuras sieht dagegen auch gute Gründe für den Erhalt von Förderschulen. Anderseits: Es gebe auch Bereiche, in denen die Lehrpläne bei Förder- und Grundschule sogar gleich sind. Gerade in der Sprachförderschule sei es Ziel, die Kinder für die Regelschule fit zu machen. Warum in solchen Feldern nicht mehr Inklusion? „Der wichtigste Punkt ist für mich: Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie stehen.“ Dafür müssen aus ihrer Sicht die Möglichkeiten verbessert werden.

Ein Grund, warum sie sich für die Schulleiterstelle an der Diesterwegschule entschieden hat. „Es ist keinesfalls so, dass mir die Arbeit an der Förderschule keinen Spaß mehr gemacht hätte“, sagt sie. „Ich denke, ich habe dort einiges voranbringen können. Für mich war jetzt aber auch ein Punkt da, an dem ich dachte: Jetzt möchte ich noch mehr fürs Gesamtgefüge tun.“

Kollegen und andere Schulleiter halfen

In den vergangenen Wochen seien die Kollegien der Diesterweg- und der Sprachförderschule bereits viel stärker zusammengewachsen – durch Corona. Die beiden Schulen gehören zwar nicht zusammen, haben aber die Notbetreuung der Kinder gemeinsam übernommen. Überhaupt, seit ihrem Start als Schulleiterin habe ihr das Lehrerkollegium sehr geholfen. „Alle waren offen für jegliche Vorschläge“, sagt Andrea Skuras. Manchmal habe sie sich auch an andere Grundschulleiter in Görlitz gewandt, „und keiner hat auf meine Fragen genervt reagiert.

Nun kehrt langsam Normalität zurück – zumindest ein Alltag. Seit drei Wochen lernen an den sächsischen Grundschulen wieder alle Klassen. Abstandsregeln gelten für die Kinder zwar nicht, aber eine strenge Trennung der Klassen. Die Videokamera wird dafür jetzt nicht gebraucht. Aber vielleicht kommendes Jahr, dann steht - falls möglich - ein Zirkusprojekt an.

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