merken
PLUS Sachsen

„Digitale Lösungen sind sicherer als Papier“

Beim Besuch in einer Firma bei Radeberg wirbt die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid für die Digitalisierung und erklärt, warum die Russland-Sanktionen richtig sind.

Die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid
Die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid © Jürgen Loesel

Welche Themen wollen Sie auf ihrem Deutschlandbesuch voranbringen?

Hier in Sachsen haben wir bei Skeleton Technologies über neue Technologien diskutiert. Ich hoffe, dass die Bekämpfung der Covid 19-Pandemie nicht die Pläne verdrängt, die Deutschland hat bezüglich der Digitalisierung der Gesellschaft. Wenn aus dem Ausbruch dieses Virus irgendetwas Gutes kommt, dann ein besseres gemeinsames Verständnis dafür, dass wir eine digitale Identität in Europa brauchen, dass wir die Digitalisierung brauchen, um unsere Dienste sicher auch in solchen Situationen zur Verfügung stellen zu können und um überhaupt miteinander oder mit der Regierung kommunizieren zu können. Dabei müssen wir weltweit zusammenarbeiten. Über all dies habe ich bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen und möchte dies nun im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vertiefen. Darüber hinaus wollen wir über die Zukunft von Europa und Sicherheitsfragen sprechen.

Familie
Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

Wo sehen Sie insbesondere Potenziale für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Estland?

Skeleton Technologies zeigt auf wunderbare Weise, wie Estland und Deutschland sich gegenseitig ergänzen können. Deutschland mit seiner Kapazität ist wie eine Batterie und Estland mit seiner Geschwindigkeit wie ein Ultrakondensator. Sächsische Ingenieure und estnische IT-Spezialisten können solche Technologien und digitale Lösungen gemeinsam entwickeln.

In Deutschland wird nun auf einen Schub bei der Entwicklung digitaler Dienstleistungen gehofft. Worauf kommt es an, diesen Schub zu nutzen?

Jeder Deutsche muss selbst anfangen, seine digitale ID zu aktivieren, die Deutschland ja nun eingeführt hat, und digitale Dienstleistungen etwa in der öffentlichen Verwaltung zu nutzen. Dann werden auch mehr solcher Angebote zur Verfügung gestellt werden. Es liegt in der Hand der Bevölkerung und der Privatwirtschaft selbst, dies voranzubringen. Nur ein Drittel der Deutschen nutzen ihre digitale ID. Die Bürger müssen ihren Politikern beweisen, dass sie dafür bereit sind. Es braucht eine Graswurzel-Bewegung, also eine gesellschaftliche Initiative, die aus der Basis der Bevölkerung entsteht.

Kersti Kaljulaid und Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer im Gespräch.
Kersti Kaljulaid und Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer im Gespräch. © Jürgen Lösel

Hierzulande herrscht eine gewisse Technologieskepsis. Wie geht Estland vor, Vertrauen in der Bevölkerung für neue Technologien aufzubauen. Was können die Deutschen lernen?

Neue Technologien müssen absolut sicher sein. Sie müssen nur beweisen, dass sie sicherer sind als Papier oder analoge Lösungen. Ein Beispiel: Wissen Sie, wer Ihre Krankenakten zuletzt überprüft hat? Ich weiß es. Denn der einzige Zugang zu meiner Patientenakte in Estland geht über die digitale ID-Nummer. Ich kann genau sehen, welcher Arzt oder welche Krankenschwester sich meine Daten angesehen hat. Und wenn sie nichts zu tun haben mit meiner Krankengeschichte, dann kann ich mich beschweren. In Estland wurden Beschwerdestellen für Datenmissbrauch eingerichtet. Digitalisierung ist sicherer als Papier. Und Technologien als Ganzes haben natürlich auch Auswirkungen auf die Einkommen der Menschen. Nur ein Prozent der Esten arbeiten im ICT-Sektor, aber der Anteil am gesamten Lohneinkommen liegt bei 60 Prozent.

Die sächsische Wirtschaft fordert von der Politik, sich für ein Ende der Sanktionen gegen Russland einzusetzen. Hören Sie ähnliche Forderungen von estnischen Unternehmen und was antworten Sie?

Weiterführende Artikel

Skeleton will Blitzakkus für Hybridautos bauen

Skeleton will Blitzakkus für Hybridautos bauen

Noch ist kein Vertrag mit einem Hersteller unterschrieben, die estnische Firma in Großröhrsdorf ist aber zuversichtlich. Ab 2023 könnte es losgehen.

Nein. Wir, die estnische Wirtschaft und die estnische Politik, unterstützen vereint die Sanktionen, weil klar ist: Sicherheit geht vor Geschäftsinteressen. Wenn wir die letzten dreißig Jahre zurück schauen, gab es drei, die das Vertrauen in stabile Wirtschaftsbeziehungen mit Russland belasteten. Ersten die Rubelkrise 1998, zweitens die allgemeine Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und nun die Krim-Okkupation und ihre Folgen. Du kannst nicht langfristig vertrauensvolle Beziehungen zu einem Land aufbauen, dass völlig anders denkt in fundamentalen Fragen als. Und das seine Wirtschaft nicht auf den Regeln einer freien Marktwirtschaft aufbaut so wie wir das tun. Das ist ein ökonomisches Problem. Der schwache Außenhandel mit Russland hat dazu geführt, dass die estnischen Firmen sich viel breiter aufgestellt haben. Hatten sie früher nur drei oder vier wichtige Außenhandelspartner, sind es jetzt über 20. Auch müssen sich die Unternehmen um eine ausgewogenere Kundenbasis kümmern. Die Kontakte gehen weiter: Zum Beispiel hat sich die estnische Lebensmittelindustrie, die historisch mit dem russischen Markt verbunden war, infolge dieser Krisen neu orientiert.

Das Gespräch führte Nora Miethke

Mehr zum Thema Sachsen