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Dilemma Schlüsselloch-Chirurgie

Es gibt feinere Methoden als aufschneiden, operieren, zunähen. Doch für Patienten bringt das nicht nur Vorteile.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Annett Heyse

Freital. Wenn Matthias Becker im Freitaler Klinikum seinen Dienstplan durchsieht, können da schon mal sechs bis sieben Operationen pro Tag drinstehen. Klingt viel, sei aber inzwischen durchaus üblich, sagt der Chefarzt für Allgemeine und Innere Chirurgie. „Mit den modernen Methoden ist das machbar. Wenn man damit genügend Erfahrung und Übung hat, geht heutzutage alles viel schneller.“

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Becker ist 61 Jahre alt und am Freitaler Krankenhaus vor allem für Operationen an Organen des Verdauungstraktes zuständig – von Mund bis zum Ausgang, wie er selbst sagt. Ob Blinddarm, Bauchspeicheldrüse, Gallenblase – Becker ist kein Winkel im menschlichen Bauchraum fremd. Und das, obwohl der Chirurg immer weniger das große Messer ansetzt. Denn auf seinem Fachgebiet gab es in den vergangenen Jahren so gewaltige Fortschritte, dass inzwischen 60 bis 70 Prozent aller Operationen mithilfe der sogenannten Schlüsselloch-Chirurgie erledigt werden.

Ganz neu ist die Methode nicht. Becker selbst, der seit den 80er-Jahren am Freitaler Krankenhaus arbeitet, hat bereits vor 30 Jahren erstmals auf diese Art und Weise operiert. Damals ging es um eine Gallenblase. Im Gegensatz zur althergebrachten Methode – aufschneiden, operieren, zunähen – ist die Schlüsselloch-Chirurgie feiner. Es wird nicht mehr ein großer Schnitt gemacht, sondern die Ärzte setzen vier bis fünf nur etwa einen Zentimeter lange, kleine Schnitte an. In einen Zugang führen sie eine Kamera ein, in die anderen Öffnungen ihre OP-Instrumente. Die Kameraaufnahmen werden über einen Bildschirm wiedergegeben, sechsfach vergrößert. „So gut kann ich gar nicht gucken, wie das zu sehen ist“, witzelt der Chefarzt.

Während der OP schaut er dann auch nicht auf seine Patienten, sondern lediglich auf den Monitor. Dort verfolgt er, wohin er seine OP-Geräte bewegen muss. Die Methode ist für die Patienten eine deutliche Erleichterung. Becker: „Die Wunden sind kleiner, der Heilungsprozess geht schneller und die Menschen sind viel eher wieder auf den Beinen und zu Hause.“ Die Schlüssellochchirurgie, von den Medizinern auch als Laparoskopie bezeichnet, ist zudem zeitsparender als das herkömmliche, offene Operieren.

Die Methode wird aber auch immer spezieller. Und es bedarf einiger Übung, um seine Handgriffe über einen Bildschirm zu koordinieren. Becker hat wie viele seiner Kollegen viele Trainingseinheiten dafür leisten müssen. „Zuerst schaut man bei anderen Kollegen, eventuell in anderen Kliniken zu. Dann assistiert man, irgendwann operiert man unter Aufsicht eines erfahrenen Chirurgen.“ Auch Übungen an Modellen seien Teil der Ausbildung. Für seine erste Schlüsselloch-OP brauchte Becker noch dreieinhalb Stunden, heute dauere dieselbe Operation gut 30 Minuten. „Alles eine Frage der Übung und der Erfahrung.“ Zudem habe sich die Technik, zum Beispiel die Instrumente, Kameras und Bildschirme, immer mehr verbessert.

Die Laparoskopie wird auch auf immer mehr Einsatzgebiete ausgeweitet. Becker selbst plant, in diesem Jahr erstmals eine Bauchspeicheldrüse per Schlüsselloch-Chirurgie zu operieren. Kürzlich behandelte er erstmals per Laparoskopie die Leber eines Tumorpatienten.

Insgesamt steigen die Fallzahlen, denn eine älter werdende Bevölkerung hat tendenziell mehr Bedarf an solchen Operationen. Dennoch sind Einrichtungen wie das Freitaler Klinikum nicht sorgenfrei. Im Gegenteil. Die Operationsverfahren sind inzwischen so speziell, dass es Experten wie Becker braucht, um die Patienten zu versorgen. Aber nicht jedes Krankenhaus, das ja vor allem auf die Grundversorgung der Bevölkerung eingerichtet ist, kann sich gleichzeitig mit Technik und Personal für sämtliche medizinische Spezialfälle ausstatten.

Chefarzt Becker glaubt daher, dass es unter den Kliniken schon bald zu Konzentrationserscheinungen und auch Konkurrenzkämpfen kommen wird.

Das ist auch eine Folge der Gesundheitspolitik. Um bestimmte Operationen überhaupt durchführen zu dürfen, müssen Kliniken festgelegte Fallzahlen im Jahr behandeln. Becker: „Wer das nicht schafft, kann solche Behandlungen nicht mehr anbieten. Bestimmte Eingriffe wird es nur noch in bestimmten Häusern geben.“

Klinken wie die zur Helios-Gruppe gehörenden Häuser in Freital, Dippoldiswalde und Pirna praktizieren das bereits. So werden Adipositaschirurgie oder Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse nur noch in Freital durchgeführt. Patienten für die Plastische Chirurgie werden alle nach Pirna geschickt. „Die Helios Kliniken sind Vorreiter und werden die Konzentration von bestimmten Eingriffen weiter vorantreiben“, sagt Sprecherin Heike Klameth.

Für die Patienten könnten sich so weitere Wege ergeben. Einerseits. Andererseits dürften sie davon profitieren. Sie treffen dann im OP-Saal auf absolute Spezialisten, die auch komplizierte Verfahren sehr gut beherrschen, weil es ihr täglich Brot ist. Die Folge sind niedrige Komplikationsraten. Becker: „Die Medizin ist im Umbruch, aber die Methoden werden immer ausgefeilter und die Ärzte immer mehr zu Spezialisten.“ Insgesamt steige so gesehen die Qualität der medizinischen Versorgung.