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Dippoldiswalde

Die Letzten ihrer Art

Blumenmädchen, Osterkinder und Weihnachtsengel kommen aus Dippoldiswalde. Die Frage ist aber: Wie lange noch?

Eva und Thomas Fröde haben hier ein Tablett mit Ostermädchen für den Versand vorbereitet.
Eva und Thomas Fröde haben hier ein Tablett mit Ostermädchen für den Versand vorbereitet. © Egbert Kamprath

Etwas versteckt am Stadtrand von Dippoldiswalde liegen die Gebäude der Firma Weha-Kunst von Eva Fröde. Weha ist bekannt für ihre Oster- und Blumenmädchen sowie die Weihnachtsengel. Und jetzt vor wenigen Tagen sind die letzten Ostermädchen in den Versand gegangen, damit sie vor den Feiertagen noch ihre Kunden erreichen. Eva und ihr Ehemann Thomas Fröde sind die letzten Hersteller traditionellen erzgebirgischen Kunsthandwerks im Osterzgebirge. Der Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V. verzeichnet noch zwei Hersteller in Stolpen und in Pulsnitz. Der Schwerpunkt liegt aber im Raum Seiffen. Die nächstgelegenen zu Dippoldiswalde sind in Hainichen, Dorfchemnitz oder Olbernhau ansässig. Und es ist nicht sicher, ob diese traditionelle Produktion in Dippoldiswalde bleiben wird.

Eva Fröde sortiert die Holzkörper für die Blumenmädchen. Diese Formen gehen noch auf ihren Vater Fritz Haupt zurück. Er ist 1913 in Schmiedeberg zur Welt gekommen und hat an der TU Dresden Architektur gelehrt. Nach 1945 fand aber kein Studienbetrieb mehr statt und er musste sich um einen Broterwerb kümmern. Da hat er begonnen, Holzfiguren herzustellen. „Erst waren das gedrechselte Holzleuchter, später kamen flache Märchenbilder dazu, die man an die Wand hängen konnte“, erzählt Eva Fröde. Ihr Vater hat dann mit Max Schanz zusammengearbeitet, dem ehemaligen Leiter der Spielzeugmacherschule in Seiffen. Dadurch angeregt, hat er die Produktion von Figuren aus gedrechselten Teilen aufgenommen und wurde damit erfolgreich. Die typischen Weha-Figuren waren geboren. Aus der Abkürzung für "Werkstätte Haupt" entstand die Abkürzung Weha. Fritz Haupt begann in Dresden und baute Ende der 1950er Jahre in Dippoldiswalde einen Betrieb. Er hatte zu DDR-Zeiten um die 50 Mitarbeiterinnen, viele von ihnen Frauen, die in Heimarbeit tätig waren.

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Keine Westkonkurrenz

Und Fritz Haupt blieb der Volkskunst bis ins hohe Alter treu. Sein Betrieb wurde 1972 verstaatlicht und er Betriebsleiter im großen VEB Dresdner Holzkunst- und Bilderrahmenhersteller. Als er das Rentenalter erreicht hatte, arbeitete er auf eigene Faust weiter als Handwerker. 1990 hatte er die Chance, seinen Betrieb zurückzubekommen. Die nutzte er als 77-Jähriger.

Die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung war für die erzgebirgischen Holzkunsthersteller nicht so schwierig wie für andere Wirtschaftszweige. „Es gab für sie ja keine Westkonkurrenz“, sagt Thomas Fröde, der Schwiegersohn. "Die Probleme kamen später."  Er ist Textilingenieur und Eva Fröde Ingenieurin für Holztechnik. Damals lebten sie beide in Leipzig, zogen allerdings 1996 nach Dippoldiswalde um, im Hinblick darauf, dass sie in den väterlichen Betrieb einsteigen. Hier arbeiteten sie mit, ehe 2003 Eva Fröde das Erbe ganz übernahm. Fritz Haupt war ja schon 90 Jahre alt. Fünf Jahre später verstarb der Gründer.

Mit vier Mitarbeiterinnen betrieben Eva und Thomas Fröde die eingeführte Werkstatt weiter. Drei Gebäude gehören dazu, die Holzwerkstatt, die Lackiererei und der Malsaal. Auch das Angebot bauten sie im Lauf der Jahre aus. „Als wir den Betrieb übernommen haben, hatten wir 15 Engel im Sortiment, jetzt sind es dreißig“, erzählt Eva Fröde. Die Figuren könnten ein ganzes Orchester bilden einschließlich des Dirigenten.

Sammler sind Stammkunden

Weha hat seine Stammkunden. Darunter sind Sammler, die die Figuren regelmäßig kaufen und auch immer gespannt sind, was sich Eva und Thomas Fröde Neues ausgedacht haben. Das Geschäft mit der Volkskunst ist sehr durch die Jahreszeiten geprägt. In den letzten Wochen gingen vorwiegend Ostermädchen in den Versand. Das ganze Jahr über sind die Blumenkinder gefragt, und wenn der Sommer vorbei ist, dreht sich wieder alles um die Weihnachtsengel mit ihren Musikinstrumenten.

Die ganze Produktion ist Handarbeit, nur bei einzelnen Schritten, wie dem Drechseln, unterstützen Maschinen. „Handarbeit sollte es auch bleiben, darum haben wir nicht weiter expandiert“, sagt Thomas Fröde.

Die Zahl der Mitarbeiter ist in den letzten Jahren zusehends zurückgegangen. Das liegt daran, dass Eva und Thomas Fröde selbst sich auf den Ruhestand vorbereiten. Wenn jemand in Ruhestand ging, haben sie niemand Neuen eingestellt. Jetzt arbeiten sie zu zweit. Nun, im Alter von 65 Jahren, suchen sie nach einer Lösung, wie es mit Weha-Kunst weitergehen soll. Sie haben zwar Kinder, die sich aber beruflich anders orientiert haben, berichten die beiden. Es gibt andererseits die Möglichkeit, dass ein anderer erzgebirgischer Hersteller Weha-Kunst übernimmt mit der Marke, den eingeführten Produkten und der Ausstattung. Das hätte aber wahrscheinlich zur Folge, dass dieser Betrieb aus Dippoldiswalde weg verlagert würde. Noch ist offen, wie diese Entscheidung ausfällt. Zwei Jahre kann es noch dauern, bis sie fallen wird, sagen Eva und Thomas Fröde. Bis dahin kommen die Blumenkinder und Weihnachtsengel auf jeden Fall noch aus Dippoldiswalde. 

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