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Plötzlich Familie in Russland

Vor wenigen Wochen hatten Nachfahren eines sowjetischen Soldaten nach seiner deutschen Freundin Christina gesucht. Erfolg hatten sie in Görlitz.

Die gesuchte Freundin "Christina" des russischen Soldaten lebte bis zu ihrem Tod 2013 in Görlitz. Ihre Kinder haben eine Menge Fotos aufbewahrt.
Die gesuchte Freundin "Christina" des russischen Soldaten lebte bis zu ihrem Tod 2013 in Görlitz. Ihre Kinder haben eine Menge Fotos aufbewahrt. © Ines Eifler

Dass nach so langer Zeit die frühe Liebesgeschichte seiner Mutter noch einmal in sein Leben treten würde, hätte Andreas G., der in diesem Jahr 70 wird, nicht gedacht. Weil es früher ein Tabu in seiner Familie war, dass seine ältere Schwester das Kind eines russischen Soldaten war, und weil seine Mutter in Görlitz viele Bekannte hatte, möchte er weder mit vollem Namen noch mit Foto in die Zeitung. Aber erzählen möchte er.

Suche nach russischen Vätern und Verwandten

Vor drei Wochen wurde an dieser Stelle unter dem Titel "Die heimlichen Kinder" über die Suche einer russischen Familie nach Verwandten in Deutschland berichtet. Der Rechtsanwalt Sergej Repetsky aus Orjol südlich von Moskau hatte sich auf einen Aufruf des Vereins "Distelblüten" hin gemeldet, deren Mitglieder deutsche Kinder russischer Soldaten sind und nach Spuren ihrer Väter oder nach Verwandten suchen. "Wir waren sehr überrascht, als wir erfuhren, dass uns jemand sucht", sagt Andreas G. Und er schrieb gleich an die "Distelblüten", die den Kontakt zu Sergej Repetsky in Orjol vermittelten.

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Der russische Anwalt wusste durch Fotos und Briefe aus dem Nachlass seines Großvaters, dass der während seiner Stationierung als Oberfeldwebel in Döbeln bis 1947 eine Freundin namens Christina hatte. Und eine Tochter: Valentina, Kosename "Valja". 

Dieses Foto von Christina mit Valentina fand sich im Nachlass des früheren russischen Oberfeldwebels Iwan Wigerjaw. Damit suchte dessen Familie nach Verwandten in Deutschland.
Dieses Foto von Christina mit Valentina fand sich im Nachlass des früheren russischen Oberfeldwebels Iwan Wigerjaw. Damit suchte dessen Familie nach Verwandten in Deutschland. © Distelblüten

Auf die Briefe, die Christina von Döbeln, später von Görlitz aus in die Sowjetunion schrieb, erhielt sie ab Herbst 1949 keine Antwort mehr. Weder die deutschen noch die russischen Nachfahren wissen, warum. Es sei eine große Liebe gewesen, sagt Sergej Repetsky, doch aus unbekannten Gründen sei die Korrespondenz abgebrochen.

Aus Valja wurde Gabi

Das sagt auch Andreas G. aus Görlitz, der die andere Seite der Geschichte kennt. Tatsächlich sei Valentina, die erste Tochter seiner Mutter, seine Halbschwester gewesen. Das habe er erst als Erwachsener erfahren. Und auch Valentina wuchs in dem Glauben auf, sie, ihr Bruder und die jüngere Schwester Evi hätten denselben Vater. Ihr Kosename "Valja" tauchte in der Familie nicht auf, Valentina wurde mit ihrem zweiten Namen Gabriele "Gabi" gerufen. Sie starb bereits 1980 mit 31 Jahren an einer schweren Krankheit. Erst auf ihrem Grabstein hieß sie wieder Valentina. "So wollte man nach ihrem Tod der Wahrheit wohl gerecht werden", sagt Andreas G.

Was in den frühen Nachkriegsjahren geschehen war, erfuhren er und seine jüngere Schwester erst viele Jahre später. Ihre Mutter Christa "Christina" wurde 1927 im niederschlesischen Waldau (heute Wykroty) im Kreis Bunzlau geboren und 1945 mit ihren Eltern vertrieben worden. Die Eltern siedelten sich in Görlitz an, ihre Tochter schickten sie zusammen mit einer Cousine zu Verwandten nach Döbeln. Dort gab es eine Fleischerei in der Bekanntschaft, die beiden Mädchen sollten gut versorgt sein. 

Er hätte sie geheiratet, sie wäre ihm gefolgt

Christina war eine leidenschaftliche Tänzerin. Das hatte schon Sergej Repetsky aufgrund einiger Fotos seines Großvaters vermutet. Doch vor allem in der Görlitzer Familie sind viele Fotos erhalten, die Christina mit anderen Mädchen in schönen Kleidern und graziösen Posen zeigen. "Es war eine Laientanzgruppe", sagt Andreas G. Aber immerhin habe seine Mutter oft und gern erzählt, sie habe einmal mit Johannes Heesters auf der Bühne gestanden. 

Vielleicht hatte auch der Oberfeldwebel Iwan Wigerjaw Christina als Tänzerin kennengelernt und sich in sie verliebt. Die Cousine, mit der sie in Döbeln zusammenlebte, erzählte später, dass Iwan sie sicher geheiratet hätte, wenn er in Deutschland hätte bleiben können. Als er zurück in die Sowjetunion musste, sei Christina drauf und dran gewesen, ihm mit Valentina zu folgen. 

"Opa wollte Mutter den russischen Soldaten entziehen"

Doch es kam anders. Christinas Vater holte seine Tochter aus Döbeln zurück nach Görlitz. "Er wollte sie den Kreisen der russischen Soldaten entziehen", sagt Andreas G. Noch im Januar 1950 schrieb sie in ihrem wahrscheinlich letzten Brief an Iwan: "Warum lässt du mich so lange warten? Ich bin ganz verzweifelt und auch sehr traurig." 

Auszug aus dem vermutlich letzten Brief Christinas an Iwan vom 6. Januar 1950, abgeschickt in Görlitz.
Auszug aus dem vermutlich letzten Brief Christinas an Iwan vom 6. Januar 1950, abgeschickt in Görlitz. © Distelblüten

Da hatte sie drei Monate lang nichts von ihm gehört. Kurz darauf, im Februar, lernte sie ihren späteren Mann Heinz kennen. Im Juni heirateten sie, im November 1950 kam ihr Sohn Andreas zur Welt. Da war Valentina zwei Jahre alt. 

"Meine Eltern liebten einander sehr", sagt Andreas G., "sie waren bis zum Tod meines Vaters über 50 Jahre lang glücklich verheiratet." Seine Mutter hatte bis zu ihrer Pensionierung in der Verwaltung der Sparkasse Görlitz gearbeitet, in ihrer Freizeit bauten sie und ihr Mann die Gartensparte an der Sternwarte mit auf. "Sie war eine liebevolle und warmherzige Mutter, Groß- und Urgroßmutter", sagt Andreas G., "Familie bedeutete ihr immer sehr viel." 2013 starb Christina im Alter von 85 Jahren. 

E-Mails und Lebensgeschichten gehen hin und her

Der frühere Oberfeldwebel Iwan Wigerjaw in Russland wurde nicht so alt. Er kam 1975 im Alter von 50 Jahren bei einem Zugunglück ums Leben. Er hatte etwa zur gleichen Zeit geheiratet wie Christina in Deutschland. Seiner Tochter Ljudmila Iwanowna, die Mutter von Sergej Repetsky, kam im Januar 1951 zur Welt, zwei Monate später als Andreas G. 

Ljudmila Iwanowna Repetzka ist die Tochter des sowjetischen Oberfeldwebels Iwan Wigerjaw und die Halbschwester von Valentina, die 1980 in Görlitz starb.
Ljudmila Iwanowna Repetzka ist die Tochter des sowjetischen Oberfeldwebels Iwan Wigerjaw und die Halbschwester von Valentina, die 1980 in Görlitz starb. © Sergej Repetsky

Sie ist inzwischen sehr glücklich, etwas über ihre Halbschwester Valentina in Görlitz erfahren zu haben. In den vergangenen Tagen gingen zahlreiche E-Mails zwischen Görlitz und Orjol hin und her, Fotos wurden eingescannt und verschickt, Lebensgeschichten ausgetauscht. 

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"Wie es nun weitergeht, werden wir sehen", sagt Andreas G. "Blutsverwandt sind wir ja nicht, die einzige Verbindung ist meine verstorbene Schwester Valentina Gabi." Ein Treffen könne er sich aber vorstellen. "Zum Beispiel in den Masuren, wo meine Frau und ich sehr gern sind, das liegt für beide Familien auf halber Strecke."

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