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„Badeunfälle werden zunehmen“

So lautet die Einschätzung von Bautzener Rettungsschwimmern. Ein Grund: Die Zahl der Nichtschwimmer im Landkreis wächst.

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft rechnet mit mehr Badeunfällen. Für viele Schwimmer seien längere Strecken ein Problem.
Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft rechnet mit mehr Badeunfällen. Für viele Schwimmer seien längere Strecken ein Problem. © Uwe Anspach/dpa (Symbolfoto)

Radeberg. 1.000 Meter. Eine solche Distanz legt Michael Weber an fast jedem Morgen im Radeberger Stadtbad zurück. Der Geschäftsführer des Stadtbadvereines ist topfit. Schwimmen nimmt in seinem Leben einen hohen Stellenwert ein. Was den Radeberger jedoch seit vielen Jahren betrübt, ist, dass das Schwimmen in vielen Bevölkerungskreisen zunehmend „unpopulär“ geworden ist. Heutzutage glaubten viele, so Weber, sie könnten schwimmen, wenn sie sich einige Meter über Wasser hielten. Das sei ein großer Irrtum.

Etliche überschätzten ihre nur rudimentär vorhandenen Schwimmkenntnisse, was im schlimmsten Fall tödlich enden könne. Mit ein Grund, warum „wir in diesem Sommer wieder mit Bauchschmerzen auf die Badesaison schauen“, wie das der Vorsitzende der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Bautzen, Robert Hänsel, beschreibt. Denn die Zahl der Nichtschwimmer, sie steige auch im Landkreis. Seit Jahren sei das ein bundesweiter Trend, so Hänsel weiter. Der auch die Ursachen kennt. 

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Da seien zum einen die vielen Hallenbadschließungen in den Kommunen, die natürlich Auswirkungen hätten. „Da fallen Schwimmkurse aus“, so Hänsel. Dann sei es heutzutage in vielen Gemeinden und Städten üblich, aus einem Schwimmbad ein Freizeitbad zu machen. Weil das einfach wirtschaftlicher sei, mehr Besucher anziehe. Hänsel: „Dort brauche ich nicht unbedingt schwimmen können.“ 

Probleme bei langen Schwimmstrecken

Und nun noch die Corona-Pandemie. Heißt: In diesem Jahr wird es mehr Menschen statt ins Ausland in die heimischen Gewässer ziehen, geht man häufiger an unbewachten Gewässern baden. Und 80 Prozent aller jährlichen Badeunfälle in Deutschland passieren genau dort, wo es keine Badeaufsicht gibt. Zahlen, die Michael Weber kennt. Der aber auch Erfreuliches zu berichten weiß: Die im Stadtbad angebotenen Schwimmkurse seien bei den Kindern bislang heiß begehrt. 

Aber natürlich kennt er viele Erwachsene, die nicht schwimmen können. Er erzählt davon, dass die schwimmerischen Leistungen bei Weitem nicht mehr so gut seien wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Weber: „Wenn ein Kind heute 200 Meter am Stück schwimmen muss, wird es schwierig.“

So schauen in dieser Badesaison die Schwimmmeister im Landkreis also wieder genau hin. Wer kann schwimmen, wer nicht, wer wirkt unsicher? Nach DLRG-Angaben starben im vergangenen Jahr mindestens 417 Menschen beim Baden. Der Großteil, insgesamt 362, an Seen, Teichen und Flüssen. 

Statistiken, die natürlich auch Freddy Lamm kennt. Er arbeitet in der Gemeinde Ottendorf-Okrilla seit rund 20 Jahren als Bademeister und beaufsichtigt in den Sommermonaten den Betrieb im Teichwiesenbad. Da das Bad im Sommer auch von zahlreichen Ottendorfern frequentiert wird, weiß er, wie es um die Schwimmfähigkeiten von so manchem bestellt ist. „Die beobachtet man natürlich besonders intensiv“. Nun, im Teichwiesenbad, das ist seine Erkenntnis, gebe es immer noch eine Menge Leute, die gut schwimmen könnten. Aber klar, außerhalb des Freibades seien die Verhältnisse völlig anders. In Badeseen sei die Gefahrenlage weitaus höher als in einem Freibad. Auch, weil Zeitgenossen alkoholisiert baden gingen.

Eltern oft schlechtes Vorbild

Heutzutage würden viele Eltern für ihre Kinder ein schlechtes Vorbild abgeben, findet der DLRG-Vorsitzende Robert Hänsel. „Die haben oft desolate Schwimmfähigkeiten“, findet er. Sie könnten meist nicht schwimmen. Hänsel trauert da den vergangenen Zeiten nach. In der DDR habe fast jedes Kind schwimmen können. Weil man in Schulen und Kitas darauf großen Wert gelegt habe. Wer in der ersten Klasse nicht schwimmen konnte, der sei sofort aufgefallen, ein Außenseiter gewesen. Hänsel spricht von einer Werteveränderung in der Gesellschaft. So habe die Playstation, der Computer für Heranwachsende, mittlerweile einen größeren Stellenwert, als der Besuch eines Schwimmkurses.

Eine von der DLRG vor drei Jahren in Auftrag gegebene Forsa-Studie unterstreicht das. 52 Prozent der Befragten gaben an, schlecht oder gar nicht schwimmen zu können, 60 Prozent aller Zehnjährigen fühlten sich im Wasser unsicher und nur 36 Prozent der Schüler hatten in der Grundschule Schwimmunterricht. Auch wenn die Situation im Freistaat, im Landkreis Bautzen, noch nicht dem bundesweiten Trend entspricht, ausschließen kann man nicht, dass sich diese Entwicklung mittelfristig auf die Region auswirkt. DLRG-Mitglieder wie Robert Hänsel schauen jedenfalls nicht gerade optimistisch in die Zukunft. „Es wird noch viel schlechter werden“, glaubt Hänsel.

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