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Leben und Stil

Doch dann kam der Herzinfarkt

Thomas Pöche fühlte sich fit, als ihn mit 55 Jahren ein Infarkt traf. Er überlebt. 7000 Sachsen im Jahr haben nicht so viel Glück.

In der Neustädter Herzsportgruppe wird Thomas Pöche von Trainerin Magdalene Renner-Hirt wieder fit gemacht.
In der Neustädter Herzsportgruppe wird Thomas Pöche von Trainerin Magdalene Renner-Hirt wieder fit gemacht. © Thomas Kretschel

Thomas Pöche aus Neustadt in Ostsachsen muss sich anstrengen, wenn er in die Pedalen des Fahrradergometers tritt. Magdalene Renner-Hirt – die Übungsleiterin der Herzsportgruppe – macht ihm Mut. „Das wird schon“, sagt sie. Noch vor fünf Monaten fühlte sich der 55-Jährige vollkommen fit und war permanent für seine Landmaschinenfirma aktiv. Eine halbe Stunde Fahrradergometer hätte ihm nichts ausgemacht. Doch dann kam der Herzinfarkt. Erinnern kann sich Pöche daran nicht mehr. Seit dem heißen Julitag hat sich für ihn alles verändert.

„Ich soll nicht so viel Geld ausgeben, hat mein Mann mir an diesem Morgen noch im Gehen zugerufen. Ich wollte in Dresden shoppen gehen“, erzählt Christiane Pöche. 18 Uhr war aber die Freude an den neuen Klamotten vorbei, denn dann kam der Anruf, dass ihr Mann ins Herzzentrum Dresden gebracht werden musste und es nicht gut für ihn aussehe. Wenn es weitere Angehörige gebe, solle sie diese benachrichtigen. „Das war ein Schlag.“

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Es sei nicht oft vorgekommen, dass Thomas Pöches Kollegen um diese Zeit noch in der Firma waren. Glück im Unglück, denn so konnten sie den Notarzt verständigen. „Thomas war oft noch bis spät in die Nacht allein im Betrieb. In so einer Situation wäre er gestorben“, sagt seine Frau.

Pro Jahr überleben etwa 7.000 Menschen in Sachsen ihren Herzinfarkt nicht – 19 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Das hat die Techniker Krankenkasse Sachsen bei einer Analyse der Herzberichte der Deutschen Herzstiftung der letzten acht Jahre ermittelt. An verengten Herzkranzgefäßen – der koronaren Herzkrankheit – sterben pro Jahr sogar 30 Prozent mehr als bundesweit. Die koronare Herzkrankheit gilt als Vorstufe für einen Herzinfarkt und sollte sehr ernstgenommen werden. Hier gebe es wohl noch Reserven in Sachsen, so die TK, und führt noch eine andere besorgniserregende Zahl an: Seit Jahren nehmen die abgerechneten stationären Behandlungen bei koronarer Herzkrankheit und Herzinfarkt ab. „Das heißt, die Patienten sterben, bevor sie eine Klinik erreichen. Herzerkrankungen werden entweder zu spät oder gar nicht erkannt“, sagt Simone Hartmann, Leiterin der TK in Sachsen. Das zeige Defizite in der ambulanten Versorgung auf.

Verhängnisvolles Abwarten

„Die gibt es natürlich, doch vor allem im ländlichen Bereich. Dort dauert es oft viel zu lange, bis Patienten zum Hausarzt und danach zu einem Kardiologen kommen“, sagt Professor Axel Linke, Ärztlicher Direktor des Herzzentrums Dresden. In den Städten sei die fachärztliche Versorgung hingegen gut und etwa gleichauf mit der in den westlichen Bundesländern. Auch hinsichtlich Ausstattung und Qualifikation gebe es keine Unterschiede.

Sehr verschieden sei aber die Mentalität der Menschen. „Die Sachsen nehmen die Warnzeichen für koronare Herzkrankheit oder Herzinfarkt immer noch nicht ernst genug. Sie warten zu lange, bis sie den Notdienst rufen.“ Wenn sie dann ins Krankenhaus kommen, seien sie wirklich sehr krank. Und damit steige auch ihr Risiko, die Krankheit nicht zu überleben. Hier sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

Dringend müssten auch überall die europäischen Leitlinien für Rettungseinsätze umgesetzt werden. Zu oft sei es noch der Fall, dass Rettungswagen bestimmte Kreise nicht verlassen dürfen und deshalb eher ein kleines Krankenhaus anfahren, das aber mitunter keinen Herzkathetermessplatz hat.

Hier hatte Thomas Pöche erneut Glück. Nach dem Notruf seiner Kollegen sei der Rettungswagen in gefühlt fünf Minuten da gewesen, sagt seine Frau Christiane. Auf dem schnellsten Weg sei er ins Herzzentrum gebracht, im Rettungswagen bereits behandelt worden. Thomas Pöche musste mehrfach wiederbelebt werden. Er bekam drei Stents und habe drei Wochen im Koma gelegen. Damit sollten Axel Linke zufolge Organe und Gehirn geschont werden. Um die neurologischen Schäden von Infarktopfern zu reduzieren, werde der Körper außerdem auf 34 Grad Celsius heruntergekühlt und ihm viel Flüssigkeit zugeführt. Patienten, die wie Thomas Pöche mehrfach wiederbelebt werden müssen, stünden oft unter Schock, sagt der Kardiologe. Die Blutgefäße würden dann undicht und Wasser werde an das umliegende Gewebe abgegeben und damit aufgeschwemmt. Zur Stabilisierung des Blutdrucks braucht es neben Medikamenten daher Infusionen. 20 Liter können da zusammenkommen“, sagt er. Arbeiteten die Nieren wieder normal, würde das Wasser wieder ausgeschieden.

Christiane Pöche war vom Anblick ihres Mannes geschockt. „Ich war sehr in Sorge und saß jeden Tag an seinem Bett.“ Doch sie hat auch Fotos von ihm gemacht. „Diese Bilder werde ich ihm immer dann zeigen, wenn er wieder bis in die Nacht hinein arbeitet und nicht an seine Gesundheit denkt“, sagt sie jetzt, wo Thomas Pöche über den Berg ist.

Doch von Berufstätigkeit ist im Moment keine Rede. Thomas Pöche laboriert noch an seinem Schlaganfall, der parallel zum Herzinfarkt auftrat. „Trotz dieser Komplikation hatte ich schon wieder Glück. Außer einer Lähmung von zwei Fingern an der rechten Hand ist nichts zurückgeblieben.“ Jetzt müsse er aber wieder leistungsfähig werden.

Bleibt die Suche nach den Ursachen. Im Gegensatz zu vielen anderen Infarktpatienten in Sachsen litt er weder an hohem Blutdruck, noch an Diabetes oder Übergewicht. Zehn Zigaretten habe er allerdings pro Tag geraucht. „Doch da rauchen manche Ärzte mehr“, sagt Thomas Pöche lachend. Seit dem Infarkt rühre er aber keine Zigarette mehr an.

So vernünftig seien nicht alle, wie Professor Linke beobachtet hat. In der Herz-Reha, also nach überstandenem Herzinfarkt, rauchten immer noch 30 Prozent. „Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Das Rauchen sei es aber nicht allein. Die meisten seien viel zu passiv und bewegen sich zu wenig. Körperliche Aktivität müsste ihm zufolge genauso wie gesunde Ernährung viel stärker gefördert werden.

„Ein ganz wichtiger Punkt“, sagt Professor Stefan G. Spitzer, Kardiologe und Chef der Praxisklinik für Herz und Gefäße in Dresden. Er begrüßt die vom Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen jetzt beschlossene Änderung der bundeseinheitlichen Behandlungsprogramme bei koronarer Herzkrankheit. Damit soll die Teilnahme an Herzsportgruppen oder ärztlich begleiteten Sportprogrammen für alle Patienten dringend empfohlen werden. Das Gleiche gilt für Patientenschulungen zur Ernährung und Lebensweise. „Denn wenn Patienten mit Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder koronarer Herzkrankheit konsequent besser betreut werden, können auf lange Sicht auch die Sterberaten sinken“, so Spitzer.

Thomas Pöche will auf jeden Fall seiner Sportgruppe treu bleiben. Wenn er wieder leistungsfähiger ist, steigt er langsam ins Berufsleben ein, hat er seiner Frau versprochen. „Mein Herzinfarkt war ein Warnschuss. Ich muss etwas ändern, das weiß ich. Dass ich so viel Glück hatte, ist aber vor allem dem Engagement des Ärzte- und Pflegeteams im Herzzentrum geschuldet. Ich bin ihnen sehr dankbar.“ Sollte er seine guten Vorsätze einmal vergessen, hat seine Frau immer noch ein gutes Druckmittel – sein Klinikfoto.

Vier Anzeichen für einen Herzinfarkt

Bei folgenden Zeichen sollten Sie sofort an Herzinfarkt denken und ohne Zeitverlust den Notarzt rufen, rät die Deutsche Herzstiftung.

1. Starke Schmerzen oder heftiges Brennen mit einer Dauer von mindestens fünf Minuten im Brustkorb, häufig auch ausschließlich hinter dem Brustbein. Bisweilen strahlen die Schmerzen auch in andere Körperregionen wie Arme oder Oberbauch, zwischen die Schulterblätter, in den Rücken oder in den Hals und den Kiefer aus.

2. Massives Engegefühl: Betroffene beschreiben ein Gefühl, als ob ihnen ein Elefant auf der Brust steht.

3. Übelkeit, Erbrechen, Atemnot: Ein Herzinfarkt kann sich auch mit „unspezifischen Zeichen“ bemerkbar machen, was bei Frauen häufiger vorkommt. Die Deutsche Herzstiftung rät, dann den Notarzt zu rufen, wenn die Beschwerden in zuvor noch nie erlebtem Ausmaß auftreten.

4. Angst: Häufig tritt zusätzlich Angst auf, die sich mit einer blassen/fahlen Gesichtsfarbe und Kaltschweißigkeit bemerkbar machen kann.

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