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Ablehnung für offene Super-Bahntrasse

Für die neue Strecke Dresden-Prag fordert Dohma eine Volltunnel-Variante. Damit steht der kleine Ort bei Pirna nicht allein da.

Tunneleinfahrt an einer neuen Schnellbahntrasse: Ein solches Bild mag sich in Dohma niemand vorstellen.
Tunneleinfahrt an einer neuen Schnellbahntrasse: Ein solches Bild mag sich in Dohma niemand vorstellen. © Deutsche Bahn

Es ist eines der größten Infrastruktur-Projekte der kommenden Jahre: die Schienen-Neubaustrecke Dresden-Prag. Die Deutsche Bahn plant eine neue Trasse, die zwischen Heidenau und Pirna von der bestehenden Bahnlinie abzweigt und durch einen mindestens 25 Kilometer langen Tunnel unter dem Osterzgebirge bis nach Tschechien verläuft. Damit soll sich die Fahrzeit zwischen beiden Städten auf 50 Minuten verkürzen, zudem bietet die Strecke zusätzliche Schienenkapazitäten. Einem groben Zeitplan zufolge könnte die Strecke möglicherweise Ende 2039 in Betrieb gehen. 

Für das Vorhaben läuft derzeit das Raumordnungsverfahren. Dabei prüft die Landesdirektion Sachsen, welche Korridore grundsätzlich für diese Trasse in Betracht kommen. 

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Im Rennen sind mehrere sogenannte teiloffene Strecken. Sie zweigen in Heidenau ab, gehen durch einen kurzen Tunnel, tauchen dann wieder auf, führen mit einer riesigen Brücke übers Pirnaer Seidewitztal und verschwinden dann bei Dohma vollends im Tunnel. Darüber hinaus gibt es mehrere - vornehmlich von der Dohmaer Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag" vorangetrieben - Volltunnel-Varianten, die ab Heidenau komplett im Tunnel verlaufen. 

Der Widerstand gegen die teiloffenen Routen ist groß, alle Anliegergemeinden haben sich dagegen ausgesprochen. Und die Bürgerinitiative sammelte über 37.000 Einwände gegen eine solche Linienführung und übergab sie der Landesdirektion. 

Dohma wäre von einer teiloffenen Variante mit am meisten betroffen, Tunneleinfahrt sowie der davor erforderliche Überholbahnhof lägen unmittelbar neben der Gemeinde. Und so gibt es ein klares Statement: "Wir lehnen sämtliche teiloffenen Strecken strikt ab, weil sie die Schutzgüter Mensch, Klima und Umwelt komplett beeinträchtigen", sagt Bürgermeister Matthias Heinemann. Aus Dohmaer Sicht könne es nur eine Volltunnel-Variante geben. Sächsische.de fasst einige der Ablehnungsgründe zusammen. 

© SZ Grafik

Ländliche Struktur wird zerstört

Dohma, so ergibt sich aus der Stellungnahme der Gemeinde, werde derzeit geprägt durch Neuansiedlungen junger Familien. Damit gehe die Sanierung bzw. der Neubau von ländlicher Struktur einher. Zudem ist Dohma bemüht, weitere Baugebiete auszuweisen, damit eine stabile Altersstruktur entstehen kann. Teiloffene Varianten würden allerdings diese Vorhaben derart negativ beeinflussen, sodass weitere Ansiedlungen unmöglich werden. Schon jetzt, sagt Heinemann, würden Anfragen zu Baugrundstücken in der Nähe dieser Streckenvarianten von möglichen Investoren abgesagt. Kein Bauherr nehme Kredite auf, wenn absehbar sei, dass sich das neu gebaute Haus künftig unmittelbar in der Nähe eine Bahnstrecke befinde. 

Zu viel Lärm

Die Einwohner von Dohma werden schon jetzt vom Lärm der nahen Autobahn 17 geplagt. Wenn die Pirnaer Südumfahrung in Betrieb geht, werde dieser Lärm nach Ansicht von Heinemann weiter zunehmen, erst recht, sollte auch noch der geplante Industriepark Oberelbe (IPO) errichtet werden. Wenn  nun noch eine teiloffene Bahnstrecke hinzukommt, werde der Lärm Mensch, Tier und Natur vollends aus dem Gleichgewicht bringen. Zudem würde durch den Bau der Bahntrasse ein Fläche von über 25 Quadratkilometer aus derzeit intakter Natur herausgerissen und nachhaltig zerstört. 

Zu viel Fläche nötig

Für einige der teiloffenen Varianten ist an der Staatsstraße 173 (Pirna-Berggießhübel) eine 50.000 Quadratmeter große Fläche für die Baustelleneinrichtung sowie für das Tübbing-Werk - dort werden die Tunnelelemente hergestellt - vorgesehen. Dies, so Heinemann, führe zu einer enormen Belastung von Dohma. Es sei mit erheblichem Lärm sowie erheblicher Staub- und Verkehrsbelastung zu rechnen. Für den Bau der Volltunnel-Varianten würden im hingegen nur Flächen beansprucht, die ohnehin schon Gewerbeflächen seien - und die Einwohner so nicht zusätzlich über eine extrem lange Zeit (Bauzeit Tunnel etwa zehn bis zwölf Jahre) mutmaßlich gesundheitlich geschädigt würden. 

Zu viel Verkehr

Die vorgesehenen Flächen für Tübbing-Werk und Baustelleneinrichtung verschärfen nach Ansicht der Gemeinde Dohma auch die Verkehrssituation. Laut Heinemann führe der Bau einer teiloffenen Strecke zu erheblichen Verkehrsbelastungen auf der Umgehungsstraße Friedrichswalde-Ottendorf sowie auf allen angrenzenden Straßen, weil alles über diese Straßen zur und von der Baustelle geschafft werden muss. In Zeiten des sich verbessernden Umweltschutzes sei aber nicht hinnehmbar, dass vor allem der Schwerlastverkehr weiter zunehme. Außerdem befürchtet die Gemeinde, dass es dann wegen des zunehmenden Verkehrs auch mehr Unfälle geben könnte. 

Zu viel Natur geht kaputt

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Von sieben Varianten sind vier übrig geblieben. Welche gebaut wird, ist noch offen. Die Bürgerinitiative ist unzufrieden und Heidenau erwischt es besonders hart.

Aus Sicht der Gemeinde zerstören die teiloffenen Varianten unwiederbringlich Tier- und Pflanzenwelt. Dies sei laut Heinemann weder nachvollziehbar noch tolerierbar. Zwar seien Ausgleichsflächen für die zerstörte Natur vorgesehen. Doch ehe es dort wieder grüne und blühe, dauere sehr lange. Zudem sei es sehr teuer, solche Flächen anzulegen. Laut des Bürgermeisters gibt es mehrere bedrohte Tierarten und Schutzgebiete: So befinde sich im Schloss Cotta ein europaweit einzigartiges Quartier der kleinen Hufeisennase, diese Fledermäuse schlagen im Tunnel der ehemaligen Bahnstrecke Pirna-Großcotta ihr Winterquartier auf. Dieser Tunnel würde aber beim Bau der neuen Trasse zerstört werden. Zudem gebe es rund um Dohma mehrere Gebiete, beispielsweise um die Gottleuba und um das Bahratal, die dem Arten- und Biotopschutz dienen - und die bei Bau einer teiloffenen Bahnstrecke massiv gefährdet wären.

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