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Dohmas Angst vor dem Bahnlärm

Die Einwohner fürchten massive Nachteile, sollte die neue Bahnstrecke Dresden-Prag nahe dem Ort gebaut werden. Sie fordern eine andere Variante.

Von Thomas Möckel
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Annett Oltersdorf und Steffen Spittler von der Bürgerinitative "Basistunnel nach Prag": Es darf nur eine Volltunnelstrecke geben.
Annett Oltersdorf und Steffen Spittler von der Bürgerinitative "Basistunnel nach Prag": Es darf nur eine Volltunnelstrecke geben. © Daniel Schäfer

Dohma, drei Kilometer südlich von Pirna gelegen, ist eine beschauliche Gemeinde. Knapp 2.000 Einwohner leben hier, es gibt mit Cotta und Goes gerade mal zwei Ortsteile, an der nahe gelegenen Staatsstraße von Pirna nach Berggießhübel liegt ein kleines Gewerbegebiet.

Höfe und kleinere Siedlungshäuser prägen das Ortsbild, in der zurückliegenden Zeit  sind viele Eigenheime dazugekommen. Auch wenn seit einigen Jahren die Autobahn 17 in Hörweite an der Gemeinde vorüberführt, schätzen Einwohner und neu Hinzugezogene die ländliche Idylle und die Ruhe. Doch damit, so befürchten viele, könnte es in einigen Jahren vollends vorbei sein - falls eines der größten Verkehrsprojekte in der Nähe gebaut wird.

Die Deutsche Bahn plant derzeit eine Neubaustrecke Dresden-Prag, um künftig das Nadelöhr Elbtal zu umgehen. Kernstück der neuen Trasse ist ein gewaltiger Tunnel durch das Erzgebirge, mindestens 25 Kilometer lang, zwei Röhren, weil sich Züge mit Tempo 200 nicht in einer Röhre begegnen können. 

Derzeit läuft bei der Landesdirektion Sachsen das Raumordnungsverfahren, sieben mögliche Streckenkorridore werden daraufhin geprüft, ob sie auf Raumwiderstände - beispielsweise Trinkwasservorkommen oder Rohstofflagerstätten - stoßen. Am Ende gibt es ein Gutachten darüber, welche Korridore am raumverträglichsten sind, eine Vorzugsvariante steht dann allerdings noch nicht fest.

© SZ Grafik

Eine grausige Vorstellung

Dennoch graust den Dohmaern schon seit Monaten davor, sollte eine von ihnen gefürchtete Streckenvariante den Vorzug erhalten - eine Strecke in sogenannter teiloffener Bauweise. 

Der Freistaat Sachsen bevorzugt folgende Route: Die neue Strecke zweigt in Heidenau von der bestehenden Trasse ab, führt durch einen kurzen Tunnel, taucht am Feistenberg in Pirna wieder auf, verläuft über das Seidewitztal - mit einer Brücke 30 Meter über der Pirnaer Südumfahrung - geht dann über die Felder bei Goes, quert die S 173 und verschwindet hinter Goes wieder im Tunnel. Der erforderliche Überholbahnhof vor dem Tunnelportal würde unmittelbar neben Goes liegen, viele Einwohner würden direkt auf die Gleise schauen - für die meisten unvorstellbar. Eine alternative teiloffene Strecke sieht das Tunnelportal östlich von Dohma vor, was aus Sicht der Dohmaer gar nicht geht. Der Widerstand ist groß.

Sicherlich, sagt Dohmas Bürgermeister Matthias Heinemann, lasse sich die Strecke nicht verhindern. In Dohma sei auch niemand generell gegen die neue Trasse, aber wenn sie denn schon gebaut wird, dann bitte mit dem geringsten Eingriff in die Natur und mit den wenigsten Auswirkungen auf die Menschen. Kriterien, die die teiloffenen Varianten aus Sicht der Dohmaer nicht erfüllen. 

Für die von Sachsen favorisierte Strecke muss oberirdisch eine Fläche von 25 Quadratkilometern in Anspruch genommen werden. Heinemann befürchtet, dass dabei wertvolles Ackerland flöten geht. "Kommt die teiloffene Strecke, dann sehe ich für die hiesigen Agrarbetriebe schwarz", sagt er. Auch sieht er zusätzlichen Lärm auf die Gemeinde zukommen. "Wenn die Züge dann aller zehn Minuten hier entlangfahren, wird es ordentlich laut", sagt der Bürgermeister. Vor allem knalle es heftig, wenn die Züge mit hohem Tempo in den Tunnel fahren. Das könne man niemandem zumuten.

Vor dem Tunnelportal ist ein etwa zehn bis 30 Meter tiefer Taleinschnitt nötig, der aus Sicht des Ortschefs die Landschaft nachhaltig zerstört und geschützte Tierarten, die sich gerade wieder ansiedeln, vertreibt. "Wollen wir unseren Kinder eine intakte Natur hinterlassen oder alles zerstören?", fragt er. Er kämpft stattdessen für die seiner Ansicht nach einzig sinnvolle Variante: Ein Volltunnel ab Heidenau bis nach Tschechien. 

Andere sehen das ganz ähnlich. "Eine offene Strecke geht gar nicht", sagt Aron Sachse aus Dohma. Durch sie, befürchtet er, steige der Lärmpegel, würden Grundstücke entwertet und gehe der dörfliche Charakter des Ortes verloren.

Überholbahnhof am Ostportal des Finnetunnels an der Strecke Erfurt-Leipzig: Droht Dohma ein ähnlicher Eingriff in die Landschaft?
Überholbahnhof am Ostportal des Finnetunnels an der Strecke Erfurt-Leipzig: Droht Dohma ein ähnlicher Eingriff in die Landschaft? © Deutsche Bahn

Eine riesige Fabrik neben dem Heidekrug?

Hinzu kommt noch ein weiteres gravierendes Problem: Bei dem Tunnelbau fällt nach Aussage der Bahn jede Menge Aushub an, möglicherweise sind es mehrere Millionen Kubikmeter - die irgendwo hin müssen. Aus Sicht der Bahn, sagt Kay Müller, Projektleiter der Neubaustrecke Dresden-Prag, wäre es optimal, das Gestein gleich an Ort und Stelle aufzubereiten und wiederzuverwenden, statt es kilometerweit abzutransportieren. Das aufbereitete Material könnte beispielsweise dafür verwendet werden, die Tunnelröhrenelemente - sogenannte Tübbings - zu fertigen. Das dafür erforderliche Tübbing-Werk sollte laut der Bahn idealerweise in der Nähe der Baustelle stehen - sehr zum Missfallen der Dohmaer. Im Gespräch für die Fabrik, die dann während der etwa zwölfjährigen Tunnelbauzeit fortwährend produziert, ist derzeit eine Fläche neben dem Gasthof "Heidekrug" in Cotta oder ein Areal auf einem Feld neben der Tunneleinfahrt bei Goes. Final steht der Standort allerdings noch nicht fest. Doch egal, wie: Die Dohmaer wollen diese Fabrik nicht in ihrer Nähe.

Um die teiloffene Strecke und auch den Fabrikstandort zu verhindern, hat die Dohmaer Bürgerinitiative "Basistunnel nach Prag" schon ganz zeitig zwei Alternativrouten entwickelt - zwei Bahnstrecken, die ab Heidenau komplett im Tunnel bis nach Tschechien verlaufen. Diese Varianten sind bis ins Detail mit Fakten untersetzt, sie werden auch während des Raumordnungsverfahrens untersucht. "Aus unserer Sicht kann es nur eine Volltunnelstrecke geben", sagt Steffen Spittler vom Vorstand der Bürgerinitiative.  Für die Tübbing-Fabrik schlägt die Initiative einen Standort auf dem Areal zwischen Bahnstrecke und Elbe an der Pirnaer Sachsenbrücke vor - der jedoch laut Spittler nur Sinn mache, wenn die Volltunnel-Variante gebaut wird. 

Im laufenden Raumordnungsverfahren hat die Bürgerinitiative bereits Einwände gegen die teiloffene Strecke vorformuliert, damit sich niemand unbedingt durch die über 900 Seiten umfassenden Unterlagen wühlen muss, die derzeit öffentlich ausliegen. Mindestens 5.000 Unterschriften wollen die Initiativler gegen die offene Strecke sammeln, laut Spittler habe man viele Menschen mobilisiert. "Ich denke", sagt er, dass es deutlich mehr werden."

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