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Freital

Donnerstags im Einnehmerhaus

Seit zehn Jahren leitet Matthias Jackisch den Zeichenzirkel des Kunstvereins Freital. Ohne Gruppenzwang.

Matthias Jackisch (Mitte) leitet den Zeichenzirkel im Einnehmerhaus, der sich bei schönem Wetter auch mal im Garten trifft, hier mit Karin Erlebach, Gabriele Fleischer, Margret Brendel und Georg Heinisch (von links).
Matthias Jackisch (Mitte) leitet den Zeichenzirkel im Einnehmerhaus, der sich bei schönem Wetter auch mal im Garten trifft, hier mit Karin Erlebach, Gabriele Fleischer, Margret Brendel und Georg Heinisch (von links). © Foto: Karl-Ludwig Oberthür

Zwei Baumriesen wohnen am Einnehmerhaus in Potschappel. Sie sind alt, knorrig und verwachsen. Ihre Häupter neigen sich mit dem Wind, und ihre Haut löst sich in Streifen von den Stämmen. Es handelt sich um zwei Gemeine Flieder, Einwanderer aus Südosteuropa, die hier, an der Stadtgrenze zu Dresden, schon vor Jahrzehnten heimisch geworden sind. Was Naturwächter mit Argusaugen beobachten, gilt der Flieder doch in unseren Breiten als invasive Art, erfreut die sieben Männer und Frauen, die an einem Donnerstag in einem gewissen Abstand vor den Bäumen stehen oder sitzen, umso mehr.

Die Teilnehmer des Zeichenzirkels des Kunstvereins Freital, der normalerweise im Dachgeschoss stattfindet, sind weniger an botanischen Besonderheiten interessiert, als vielmehr an lebendigen Strukturen, sich kreuzenden Linien und dem spannenden Spiel von Licht und Schatten im Blättermeer. Mit Bleistift, Fettkreide, Wasserfarben oder Tusche nehmen die Baumriesen im Laufe des lauschigen Frühsommerabends auf dem Papier Gestalt an. Als detailgetreues Abbild mit allen Knubbeln und Ästen, aber auch als abstrahierende Erkundungen, die mehr den Formen und Farben denn der Natur auf der Spur sind.

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Die Menschen, die hier im Garten des Einnehmerhauses arbeiten, sind in ihrer Freizeit künstlerisch aktiv. Sie gehen ansonsten beruflich andere Wege oder sind sie gegangen. Jeder kann malen oder zeichnen wie er will – und auch was er will, das Objekt, in diesem Fall die Bäume, ist keineswegs verpflichtend. „Es gibt keinen Gruppenzwang“, sagt Matthias Jackisch. Der Bildhauer aus Kurort Hartha, der den Zirkel seit zehn Jahren leitet, gibt Hinweise und macht Angebote. Aber er redet nicht hinein, gibt keine Richtung vor, jeder kann seinen eigenen Stil entwickeln.

„Bei mir können die Menschen lernen, wie sie es richtig machen, aber auf ihre Weise“, sagt Jackisch. Es wäre ihm ein Graus, sagt er, wenn aus den Teilnehmern lauter kleine Jackischs würden. „Im Zusammenspiel in der Gruppe muss jeder zu sich selbst finden, nicht zu einer gemeinsamen Sicht“, sagt der 60-Jährige, der in den Achtzigern an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert hat. Er nennt den Zirkel, es ist sein erster und einziger, ausdrücklich nicht Kunstkurs, denn ein solcher, sagt Jackisch müsste ja im Sinne seines Wortes ein definiertes Ziel haben, eine Richtung, in die er als künstlerischer Leiter seine Teilnehmer steuert. Das lehnt Jackisch ab. Bei ihm gibt es daher auch keine Verpflichtung, jeden Donnerstag anwesend zu sein, und keinen finanziellen Druck durch Kursgebühren, die im Voraus zu entrichten sind: „Wer gern künstlerisch arbeiten möchte, braucht keine Zwänge.“


Im Zeichenzirkel des Kunstvereins Freital kann jeder malen was und wie er will.
Im Zeichenzirkel des Kunstvereins Freital kann jeder malen was und wie er will. © Foto: Karl-Ludwig Oberthür

Seine Eleven mögen Jackischs Art, sie schätzen sein Wissen und seine Erfahrungen. „Er ist der beste Lehrer, den ich je hatte“, sagt Barbara Hornich, die Kunstlehrerin war. „Bei ihm lerne ich sogar im fortgeschrittenen Alter wieder das Sehen“, sagt die 78-Jährige. Die Freitalerin ist die Vorsitzende des Kunstvereins und gehört seit der Eröffnung des Hauses vor 25 Jahren zu den Teilnehmern des Zeichenzirkels, obwohl sie das anfangs gar nicht so geplant hatte. „Aber ich musste ja das Haus aufschließen und die Leute hereinlassen, da dachte ich, dann kann ich auch gleich mitmachen“, sagt Barbara Hornich, die selbst seit 1994 die Keramik-Werkstatt betreut.

Erst seit wenigen Wochen hingegen ist die Japanerin Tomoko Weirauch dabei. Die 39-jährige Mutter von drei Kindern, deren Mann Jan Weirauch Freitaler ist und in ihrer Heimat Okinawa eine Tauchschule betreibt, begleitet ihren Schwiegervater Andreas Weirauch. Der sechzigjährige Pesterwitzer, der von Beruf Sozialarbeiter ist, schert sich freilich nicht um den Flieder, den seine Schwiegertochter mit Bleistift zeichnet.

Er widmet sich vielmehr einem Aquarell mit einem Motiv aus Angkor Wat in Kambodscha, das er als farbige Skizze von einer Reise mitgebracht hat. „Die Kunst ist schon lange mein Steckenpferd“, sagt Weirauch, der bereits zu DDR-Zeiten an Kursen teilgenommen hat. Seit zehn Jahren findet er im Einnehmerhaus seine „Plattform“. „Hier werden meine Ressourcen geweckt“, sagt Weirauch, der Jackisch seinen „Bildraum-Trainer“ nennt.

Der Dresdner Arzt Georg Heinisch empfindet die künstlerische Arbeit als einen Akt der Befreiung. Anders als in seinem Beruf, wo es akribisch zugeht, arbeitet er auf dem Papier expressiv mit großzügigen Gesten. Mit selbst geschnittener Rohrfeder und schwarzer Tusche wird so aus dem braven Flieder ein Menetekel.

Ganz anders als bei Margret Brendel, Zahnärztin im Ruhestand, die endlich Zeit für ihre Kunst hat, der Innenarchitektin Karin Erlebach oder Gabriele Fleischer. „Der Zirkel ist für mich der Höhepunkt der ganzen Woche“, sagt die Rentnerin, die einst in einer Galerie auf der Dresdner Hauptstraße Bilder eingerahmt hat. Sie zeichnet und malt nun all die Motive, die ihr beruflich nie unter die Finger kamen. Eine „Alte Eule“ zum Beispiel, die derzeit in der Zirkelausstellung im Einnehmerhaus zu sehen ist, oder eben die Baumriesen.

An denen hüpft derweil Matthias Jackisch mit erhobenen Händen auf und ab, als möchte er dem Flieder am Bart ziehen. Er will Tomoko Weirauch zeigen, dass die Bäume nicht nur ein einziges Blatt haben, sondern Kronen, in denen es rauscht und flattert. Sie nickt verständnisvoll, die anderen freuen sich über die sportliche Einlage ihres Lehrers. So geht es zu, donnerstags am und im Einnehmerhaus Freital.

Ausstellung „donnerstags“, bis 6. Juli im Einnehmerhaus, Die.-Fr. 16-18 Uhr, Sa./So. 10-17 Uhr; der Zirkel mit Matthias Jackisch ist donnerstags ab 18 Uhr.

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