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Anti-Doping-Labor in Kreischa: Wir arbeiten noch

Wettkämpfe werden abgesagt, Training kann nicht stattfinden, und auch Dopingtests fallen aus. Trotzdem gibt es in dem Kontroll-Labor einiges zu tun.

Detlef Thieme arbeitet seit 1992 am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden in Kreischa (Idas) - so der offizielle Titel. Derzeit haben er und seine 30 Kollegen weniger zu tun als sonst.
Detlef Thieme arbeitet seit 1992 am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden in Kreischa (Idas) - so der offizielle Titel. Derzeit haben er und seine 30 Kollegen weniger zu tun als sonst. © kairospress/Thomas Kretschel

Es ist jetzt ruhiger geworden. Viel ruhiger. Kuriere mit den verplombten Fläschchen halten kaum noch vor dem Institut für Dopinganalytik in Kreischa bei Dresden. Die Corona-Pandemie hat auch das Aufspüren von verbotenen Substanzen bei Sportlern nahezu zum Erliegen gebracht. „Wir arbeiten noch und sind damit eines der wenigen Labore weltweit“, erklärt der Leiter Dr. Detlef Thieme.

Richtig viel zu tun gibt es jedoch nicht mehr. Die Tschechen hätten vergangene Woche die letzten Proben geschickt und Kasachstan nun auch angekündigt, die Tests einzustellen, erklärt Thieme. Rund die Hälfte der Urinfläschchen kommen aus dem Ausland. Die fallen nun ebenso weg wie die Wettkampfkontrollen. Auf „weniger als zehn Prozent“ im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten schätzt der 61-Jährige die Anzahl der Proben. Tendenz fallend.

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Die Bearbeitung von Blutkontrollen wurde komplett eingestellt, die Ansteckungsgefahr wäre einfach zu hoch. Bei Urin, der mehrheitlich untersucht wird, ist die weitaus geringer. „Das ist eine weitgehend sterile Matrix“, erläutert Thieme. Trotzdem wurden die Vorsichtsmaßnahmen erhöht, die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) schickte dazu einen ganzen Katalog nach Kreischa.

Rund die Hälfte der 30 Mitarbeiter arbeiten noch in dem unscheinbaren Flachbau am Ortseingang von Kreischa, der Rest wurde ins Homeoffice geschickt oder macht frei. „Die Datenauswertung geht auch gut von zu Hause aus, da braucht man kein Labor“, erklärt er. Langweilig wird ihm und seinen Kollegen nicht. „Wir konzentrieren uns jetzt mehr auf die Forschung, entwickeln oder verfeinern Analysemethoden, setzten also die Prioritäten anders.“

Kurzarbeit hat er noch nicht angemeldet, Sorgen um die Zukunft des Institutes macht er sich keine. „Erst wenn die Aufträge aus dem Ausland oder von privaten Organisationen über Monate wegbrechen würden, wäre die Gefahr, in finanzielle Schieflage zu geraten, konkreter“, meint er. „Aber die Hälfte unseres Budgets kommt vom Bund, da stabilisiert sich das Gefüge.“

In einem unscheinbaren Flachbau am Ortseingang von Kreischa ist das vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannte Institut untergebracht. Das zweite deutsche Labor steht in Köln. 
In einem unscheinbaren Flachbau am Ortseingang von Kreischa ist das vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannte Institut untergebracht. Das zweite deutsche Labor steht in Köln.  © kairospress/Thomas Kretschel

Sorgen machten sich in den vergangenen Tagen jedoch deutsche Spitzensportler – bis zur Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio auf 2021. Dopingkontrollen könnten nicht mehr so durchgeführt werden, wie es sein müsste, erklärte etwa der Dresdner Hindernisläufer Karl Bebendorf und schlussfolgerte: „Jetzt könnten diejenigen, die unsauber den Sport betreiben, sich richtig ‚vollstopfen‘. Ähnlich argumentierte Professor Fritz Sörgel. Er sehe dem Betrug Tür und Tor geöffnet, da medizinisches Personal im Kampf gegen das Coronavirus auf allen Ebenen benötigt werde und sich ohne Wettkämpfe auch die Zahl der Trainingskontrollen reduziere, sagte der Anti-Doping-Experte aus Nürnberg.

Mit der Verschiebung der Spiele sieht Thieme die größte Gefahr jedoch gebannt. „Ein Sportler, der verbotene Mittel einnimmt, macht das ja nicht, weil er gerne betrügt. Er verfolgt damit ein bestimmtes Ziel. Und dieses Ziel ist durch den Wegfall des Saisonhöhepunktes, durch die Absagen von Europa- und Weltmeisterschaften erst einmal weg. Deshalb glaube ich nicht, dass es jetzt einen großen Dopingaktionismus gibt“, sagt der gebürtige Hallenser.

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Ein komplettes Aussetzen der Kontrollen hielte er dennoch für falsch. Sie sollten „auf kleiner Flamme aufrechterhalten werden“, fordert er. „Und bei Verdachtsfällen müsste natürlich gezielt gehandelt werden.“ Ähnlich argumentiert die Wada. Es gelte, die geplanten Maßnahmen so weit wie möglich aufrechtzuerhalten, damit das System nach dem Ende der Krise so schnell wie möglich wieder leistungsfähig sei, erklärte Wada-Chef Witold Banka.

Dann wird es auch in Kreischa wieder vorbei sein mit der Ruhe.

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