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Bautzener verhandelt Bombardier-Zukunft

Seit Montag geht es hinter verschlossenen Türen um Jobs, Löhne und den Umbau des Konzerns. Betriebsrat Gerd Kaczmarek ist in doppelter Mission dabei.

Gerd Kaczmarek ist sowohl Betriebsratsvorsitzender des Bautzener Bombardier-Werkes als auch Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall für Ostsachsen. Er verhandelt jetzt in doppelter Mission.
Gerd Kaczmarek ist sowohl Betriebsratsvorsitzender des Bautzener Bombardier-Werkes als auch Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall für Ostsachsen. Er verhandelt jetzt in doppelter Mission. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen/Hennigsdorf. Es sind unruhige Zeiten im Bombardier-Konzern. Im ersten Halbjahr 2021 wollen die kanadischen Inhaber ihre Schienenfahrzeugsparte an den französischen Alstom-Konzern verkaufen. Die Wettbewerbshüter der Europäischen Union gaben dafür vor wenigen Tagen grünes Licht. Vor dem Verkauf an die Franzosen wollen die Kanadier ihre Werke aber weiter umstrukturieren und dabei Geld sparen. Dieses Gemenge an Themen provoziert reichlich Gesprächsbedarf zwischen der Geschäftsführung, den Betriebsräten und der Industriegewerkschaft Metall.

Deshalb wird seit diesem Montag hinter verschlossenen Türen im Hennigsdorfer Bombardier-Werk heftig diskutiert. Zuerst geht es um tarifliche Belange, dazu kommen die deutsche Geschäftsführung, der Arbeitgeberverband und die IG Metall zusammen. Am Dienstag steht dann die Unternehmensstrategie auf dem Plan, dazu sitzen sich die Geschäftsführung und die Betriebsräte gegenüber. In den nächsten Wochen geht dieser Verhandlungsmarathon weiter.

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Immer mit dabei, in doppelter Mission: Gerd Kaczmarek. Als Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall für Ostsachsen verhandelt er mit, wenn die Tarifpartner über Geld reden. Und als Betriebsratsvorsitzender des Bautzener Bombardier-Werkes vertritt er die Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen in den Gesprächen um die Konzernstrategie.

Als Vize-Vorsitzender des Bombardier-Aufsichtsrates weiß Kaczmarek um die finanziellen Nöte des Konzerns. Er erwartet dazu anstrengende Gespräche, sagte er am Montagmorgen gegenüber der SZ, bevor er nach Hennigsdorf fuhr.

Bautzener Werk spezialisiert sich auf die Endfertigung

Wird die Geschäftsführung versuchen, bei der nächsten Lohnerhöhung zu sparen? Setzen die Chefs bei Leistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld den Rotstift an? Was und wo soll gekürzt werden? Und wie honoriert die Geschäftsführung das Entgegenkommen der Belegschaft? Um diese und weitere Fragen geht es.

"Der Konzern will jede Möglichkeit nutzen, um die finanzielle Situation zu verbessern", weiß Kaczmarek. Dass für die deutschen Bombardier-Werke in Sachsen und Brandenburg, in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg vier unterschiedliche Tarifverträge gelten, macht die Gespräche nicht einfacher. Die deutschen Bombardier-Chefs wiederum müssen sich zwischendurch telefonisch mit ihren kanadischen Vorgesetzten abstimmen.

Spannung steckt auch in den Gesprächen zur Konzernstrategie. Bombardier könnte es sich einfach machen und alles beim Alten lassen, bis Alstom das Steuer übernimmt. Doch die Kanadier haben sich anders entschieden und wollen ihr Programm namens "Transformation 2020 plus" durchziehen.

Das betrifft ganz direkt auch die Werke in Bautzen und Görlitz. Der Betrieb in Görlitz soll nur noch Rohbauten liefern, wie auch das Werk im tschechischen Ceska Lipa. Der Betrieb in Bautzen soll sich weiter als Standort für die Endfertigung der Fahrzeuge profilieren. "Dieser Umbau im Konzern", erklärt Kaczmarek, "ist noch nicht abgeschlossen."

Umschulungen für Mitarbeiter laufen

Und der Umbau verlangt vielen Beschäftigten eine Menge ab. Zum Beispiel laufen in Bautzen Umschulungen für Mitarbeiter, die viele Jahre lang Rohbauten gefertigt haben und nun fast fertige Fahrzeuge komplettieren und auf die Auslieferung vorbereiten sollen. "Jedes Werk spezialisiert sich für bestimmte Aufgaben, aber damit gehen auch Flexibilität und Berufsgruppen verloren", will der Bautzener Betriebsratsvorsitzende in den Verhandlungen zur Sprache bringen.

Und noch ein wichtiges Thema steht auf Kaczmareks Liste. Bombardier will sich vor dem Verkauf von dem Teil des Hennigsdorfer Werkes trennen, der den Regionalzug vom Typ Talent 3 baut. Mit dieser Ankündigung konnte Bombardier mögliche Bedenken der EU-Wettbewerbskommission ausräumen, denn der künftig größere Alstom-Konzern würde bei Regionaltriebwagen den Markt in Frankreich allein und in Deutschland zu rund 70 Prozent beherrschen. So eine Dominanz aber ist nicht gewollt.

Wenn Bombardier nun die Fertigung der Talent-3-Züge an einen noch nicht bekannten Konkurrenten abgibt, betrifft das auch das Bautzener Werk. Denn eigentlich hatte Bombardier geplant, dass künftig Bautzen statt Hennigsdorf diese Züge bauen soll. Dazu wird es nicht mehr kommen. "Es müssen also andere Aufträge her, um hier die Arbeitsplätze zu sichern, die für den Talent 3 gedacht waren", erläutert Gerd Kaczmarek, der seit 14 Jahren an der Spitze des Bautzener Betriebsrates steht. Zurzeit arbeiten im Werk an der Spree etwa 1.100 Beschäftigte, davon rund 950 Bombardier-Angestellte und knapp 150 Leiharbeiter.

Die Corona-Krise hat die Beschaffung neuer Aufträge nicht leichter gemacht. Seit März fahren deutlich weniger Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das lässt deren Betreiber zögern, neue Fahrzeuge zu bestellen.

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