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Doppelt geprüft

Ein Schüler fühlt sich bei der Matheprüfung an der Fachoberschule benachteiligt. Das Kultusministerium gibt ihm recht.

© Steffen Unger

Von Andrea Schawe

Zwei Jahre haben die Schüler darauf hingearbeitet, haben gebüffelt, um am Ende der Fachoberschule ihre Abschlussprüfungen im Mai zu bestehen. Danach: Schulzeit geschafft, erst einmal Ferien. Doch für die Schüler der Fachoberschule der Semperschule in Dresden kam es anders: Sie mussten Ende Juni erneut zur schriftlichen Matheprüfung antreten.

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„Wir sind ziemlich ratlos“, so Eltern und Schüler. „Da die Schüler nach der ersten Prüfung schon über einen Monat kein Mathe mehr hatten, war das Ergebnis zum Teil verheerend.“ In einer Klasse soll mehr als die Hälfte der Schüler durchgefallen sein. Sie muss nun Ende August zum Nachholtermin erneut anrücken. Das ist aber nach Beginn des Ausbildungsjahres. Außerdem gab es keine Abschlussfeier, „dieser besondere Schulabschnitt endet eigentlich im Chaos“. Der erneute Prüfungstermin lag in den Ferien, sodass auch die Urlaubszeit umgeplant werden musste.

Der Grund: Ein Schüler der 12. Klasse hatte Widerspruch gegen die Matheprüfung eingelegt, weil er sich benachteiligt fühlte. Für die Prüfung durften die Schüler Zusatzprogramme auf dem grafikfähigen Taschenrechner ohne Computeralgebrasystem nicht nutzen. „Das hatte der Fachausschuss Mathematik der Semperschule so festgelegt“, sagt Geschäftsführer Rüdiger Lorch. Auch die Tafelwerke durften keine handschriftlichen Notizen enthalten.

Die Verwendung von Hilfsmitteln in Prüfungen regelt in Sachsen eine Verordnung. „Die lässt aber eine enge und eine weite Auslegung zu“, erklärt Lorch. Als zugelassenes Hilfsmittel steht dort nur „Taschenrechner (GTR ohne CAS)“. Daraus lasse sich kein uneingeschränkter Einsatz des Taschenrechners ableiten, sagt Lorch. Dadurch, dass sich der Fachausschuss für ein Verbot von Zusatzprogrammen entschied, lief die Prüfung unter schärferen Bedingungen als an anderen Schulen ab. „Es ist fraglich, ob die freigegebenen Teile bei den Aufgaben überhaupt helfen.“

Rüdiger Lorch bemängelt, dass das Kultusministerium sich erst im Nachhinein klar zu den Hilfsmitteln positioniert. Das Ministerium prüfte den Fall und gab dem Schüler recht. „Allen Teilnehmern haben die zugelassenen Hilfsmittel zur Verfügung zu stehen“, sagt Sprecherin Manja Kelch. Die Zusatzprogramme würden die Verwendungsbreite des Taschenrechners erhöhen und seien so ein wichtiges Hilfsmittel, um die Aufgaben zu bearbeiten.

In der zentralen Mathematikprüfung an der Fachoberschule hatten alle Prüfungsteilnehmer sachsenweit einheitliche Aufgaben, auch die Bewertungsansätze sind gleich. „Das ist wichtig im Rahmen der Leistungsermittlung und für das Leistungsbild in dieser zentralen Abschlussprüfung“, sagt Kelch. Die Benachteiligung der Prüflinge an den Semperschulen habe damit sowohl Einfluss auf die Bildung der Prüfungsnote als auch auf das Bestehen der Abschlussprüfung insgesamt. Das Ministerium wollte die „Chancengleichheit wiederherstellen“. Alle Schüler des Jahrgangs mussten den Teil der Prüfung Ende Juni wiederholen, der mithilfe des Taschenrechners gelöst werden konnte – diesmal durften sie die Zusatzprogramme verwenden.

Diese Entscheidung stieß sowohl bei der Schulleitung als auch bei Eltern und Schülern auf Widerstand. Die Schule wollte, dass nicht der gesamte Jahrgang die Matheprüfung wiederholen muss – sondern nur diejenigen erneut antreten, die sich benachteiligt fühlen. „Wir haben uns bis zum Schluss bemüht, zu einem anderen Ergebnis zu kommen“, sagt Rüdiger Lorch. Unter Zeitdruck habe die Schulleitung sehr engagiert für die Schüler gekämpft.

„Prüflinge können sich nicht für oder gegen die Wiederholung eines fehlerbehafteten Prüfungsteils entscheiden“, erklärt die Sprecherin des Kultusministeriums, „wenn der Fehler – wie hier – nicht durch andere Maßnahmen geheilt werden kann“. Das Landesamt für Schule und Bildung habe den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt, indem es nur den fehlerhaften Teil der Abschlussprüfung wiederholen ließ. Die Entscheidung hätten sich die Behörden nicht leicht gemacht, sagt Kelch. „Die Sicherung der Chancengleichheit ist aber elementar.“

Für den Geschäftsführer der Semperschulen ist dieser Umgang miteinander „nicht sehr kollegial“. „Uns wurde sehr, sehr nahegelegt, dem Vorgehen zu folgen.“ Sachsens Kultusministerium ist für die Anerkennung der Ersatzschule zuständig und kann diese auch entziehen. „Dieses Risiko können wir im Sinne aller Beteiligten nicht eingehen.“ Mit dem Vorgehen würde die pädagogische Arbeit der Kollegen in den vergangenen zwei Jahren vernachlässigt. Es gehe auch darum, welche Aufsichtsrechte das Kultusministerium über freie Schulen habe. „Wir sind nicht überzeugt, dass das Ministerium uns vorschreiben kann, wie die Prüfung abläuft“, sagt Lorch. Das werde die Schule verwaltungsgerichtlich überprüfen lassen.