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Doppelter Neustart am Laubegaster Ufer

Einen Monat vor der Flut hatte Jürgen Sommer sein Lokal im Volkshaus eröffnet. Jetzt sucht er Sicherheiten.

Von Nadja Laske

Zwar hatte Jürgen Sommer ein Schwein. Aber Schwein hatte er nicht. Die Elbe zu Füßen seiner Gastwirtschaft am Laubegaster Elbufer breitete sich auch in seinen Räumen aus. So wie in den vielen Wohnungen, Geschäften, Werkstätten und Ateliers des Viertels. Zum Auftakt der Juni-Flut 2013 gab es am Montag Dauerregen, daran kann sich der Wirt gut erinnern. „Bekannte haben mir gesagt, ich solle mich schon mal um Tischler kümmern, sonst bekomme ich keine mehr.“

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Dabei hatte er die doch gerade erst im Haus gehabt. Sechs Wochen zuvor war sein Lokal im Laubegaster Volkshaus nach wochenlanger Renovierung fertig geworden. Neue Mitarbeiter hatte er eingestellt und Einweihung gefeiert. Die neue Elektrik, frische Farben und eine moderne Küche kosteten ihn und die Paulaner-Brauerei rund 100 000 Euro zusammen mit Paulaner. Die Münchner investierten somit im Voraus in die Biere, die in Sommers Stube künftig getrunken werden sollten. Üblich in der Gastronomie. Das Geschäft war gut angelaufen, im Reservierungsbuch beruhigende Einträge. Und jetzt sollte er die Tischler rufen? Damit sie die Wandvertäfelungen ausbauen, die das alte Volkshaus so urig machen? Am Dienstag, nach dem Starkregen kümmerte sich Jürgen Sommer um die Handwerker. Von da war kein Ruhen mehr, bis er schließlich den Schlüssel im Schloss drehte. Die teuren Küchengeräte standen ausgebaut im Saal über seinem Restaurant, Möbel, Dekorationen, Tresen: alles rausgeräumt. Und dann war da noch das Schwein. Eine große Feiergesellschaft wollte es über dem Spieß grillen sehen. Doch die Elbe war schneller. Der Wirt und seine Mitarbeiter schleppten das Schwein zum Auto, um es elbaufwärts ins Kurhaus Kleinzschachwitz zu bringen. Dort betrieb Jürgen Sommer damals sein zweites Lokal, und bis auch dort der Strom ausfiel, funktionierte wenigstens diese Kühlkammer.

Prüfende Blicke wirft Sommer häufig auf die Elbe. „Wenn es mal anderthalb Tage geregnet hat, steht das Wasser gleich viel höher. Das ist schon erschreckend“, sagt er. Bis Nikolaus blieb sein Wirtshaus geschlossen, die Handwerker waren wieder da, Kellner und Köche spritzten Schlammschichten weg, putzten und räumten. „Ich werde hier im Flutgebiet nicht versichert“, sagt Sommer. Nur eine Gebäudeversicherung des Vermieters griff. Den Schaden schätzten Gutachter auf rund 80 000 Euro. Doch die Klausel „Neu für Alt“, die Versicherungen vorgeben, macht Sommer zu schaffen. „Hier war nichts alt, der Betrieb ist gerade mal einen Monat gelaufen.“ Trotzdem werden vom Neuwert der zerstörten Geräte oder Bauten bis zu 50 Prozent abgezogen. Die Differenz muss der Geschädigte aufbringen. Während der Flut sei er erstaunlich cool geblieben, erzählt der Gastronom. Auch jetzt schaut er nach vorn. Hauptsache, die Gäste können wieder sein Riesenschnitzel essen, Haxe oder Käsespätzle.

Eine kleine Fotowand hat Jürgen Sommer eingerichtet. „Damit sich die Leute vorstellen können, wie das aussah, mit
1,55 Meter hohem Wasser im Gastraum.“ Allgegenwärtig sei das Thema schon seit 2002, es werde wohl nie verschwinden. Jeder Dritte fragt nach. Manchmal aber wird Sommer das Reden über die Flut zu viel. „Mit dem Wasser müssen wir hier halt leben“, sagt der Wirt. Aber ein zweites Restaurant hoch auf dem Berg hätte er gern. Zur Sicherheit.