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Wie sich ein Dorf gegen Rechtsextreme wehrt

Spechtshausener protestieren gegen ein Zeltlager der Sturmvögel. Im Rathaus wird das Thema dagegen öffentlich gemieden.

Mit Bannern wie diesem haben Einwohner im Tharandter Ortsteil Spechtshausen gegen das Zeltlager der Sturmvögel protestiert. Die „Vögel“ sind nun weg, der Sturm bleibt.
Mit Bannern wie diesem haben Einwohner im Tharandter Ortsteil Spechtshausen gegen das Zeltlager der Sturmvögel protestiert. Die „Vögel“ sind nun weg, der Sturm bleibt. © Foto: privat

Es herrscht Unruhe in Spechtshausen. Über das vergangene Wochenende machten in einem Zeltlager etwa 50 mitunter junge Leute mit rechten Gebärden auf einem Privatgrundstück auf sich aufmerksam. Seitdem ist der kleine Ort am Tharandter Wald in Sorge. Am Donnerstagabend versammelten sich sogar mehr als 30 Einwohner im Tharandter Rathaus, um den Stadtvertretern ihren Unmut über die Vorfälle kundzutun.

Anwohner hatten beobachtet, dass es sich bei der Organisation, die über Pfingsten in Spechtshausen campierte, um die Gruppe der Sturmvögel handeln muss. Der um 1987 gegründete Jugendverband wird zwar vom Verfassungsschutz nicht beobachtet, hat aber seine Ursprünge in der rechtsextremen Wiking-Jugend. Für diese wurde 1994 vom Bundesinnenministerium das Verbot ausgesprochen.

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Die Teilnehmer des Camps in Spechtshausen sollen in Uniformen aufgetreten sein, wie Einwohner beobachteten. Auffällig sei in der Gemengelage eine rot-weiße Flagge mit einem schwarzen Vogel gewesen. Beunruhigend war zudem das Verhalten der Truppe. Anwohner wollen gesehen haben, wie die Teilnehmer Formationen gebildet haben sollen. Es sei marschiert und altdeutsches Liedgut zelebriert worden. Am Abend des Pfingstsonntags hätten die Spechtshausener gesehen, wie sich in einer Art Zeremonie alle Teilnehmer im Kreis um ein Lagerfeuer positionierten und sich zu der Organisation Sturmvogel bekannt hätten.

Geschockt von den Beobachtungen haben einige Einwohner des Ortes zu Laken und Stift gegriffen und mit Bannern wie „Spechtshausen heißt die Sturmvögel nicht willkommen“ gegen das Camp protestiert. Auch die Polizei und das Tharandter Ordnungsamt haben sich das Lager über Pfingsten angeschaut. Mehrfach sei Ordnungsamtschef Holger Jakob auf Anrufe von Anwohnern hin nach Spechtshausen gefahren, um die Geschehnisse zu bewerten – sogar bis tief in die Nacht hinein. Während seiner Gegenwart habe es jedoch nichts zu beanstanden gegeben.

Mundverbot aus dem Rathaus?

Die zeltende Truppe und der Eigentümer der Fläche, der sich auf seinem benachbarten Wochenendgrundstück befunden habe, seien aber darauf hingewiesen worden, die Nachtruhe und insbesondere auch die Regeln einzuhalten, die für das Abbrennen eines Lagerfeuers gelten. Die Feuerwehr aus Kurort Hartha wurde später von einem Einwohner zum Ort des Geschehens gerufen, konnte aber „keine Unregelmäßigkeiten“ feststellen, so Jakob. Die Anwohner haben dennoch genug gesehen: Bereits mehr als 90 Unterschriften von Spechtshausenern sammelten sie in den vergangenen Tagen, verfassten dazu ein Schreiben, das sie der Tharandter Rathausspitze übergaben.

Eigentlich wollten die entrüsteten Einwohner ihre niedergeschriebene Stellungnahme auch am Donnerstag vor dem versammelten Stadtrat vortragen. Doch dazu kam es nicht, obwohl zahlreiche Einwohner ins Rathaus gingen. Öffentlich stand aber das Thema nicht auf der Tagesordnung. Wie die SZ erfuhr, wollte es die Rathausspitze auch besser nicht in der Öffentlichkeit sehen. Bürgermeister Silvio Ziesemer (parteilos) nahm stattdessen das Wort vorweg und erklärte knapp, die Stadt sei aufgrund der Ereignisse in Spechtshausen mit zuständigen Behörden und Institutionen in Kontakt. Man wolle sich jetzt ein Bild der Lage verschaffen und dann mit den Einwohnern ins Gespräch kommen.

Dieser Umgang mit dem Thema ausgerechnet im Stadtrat, entrüstet viele Betroffene, auch Silke Körner. Von einem Mundverbot ist sogar die Rede. Um die rechtsextreme Bewegung einzudämmen, könne gar nicht genug öffentlicher Rummel betrieben werden, sagt dagegen die Tharandterin. Die Spechtshausener hätten zu Pfingsten und darüber hinaus viel Mut bewiesen. Darauf könnten sie stolz sein. Die Stadt dürfe sie jetzt nicht zum Schweigen verdammen, so Körner.

Verbotsverfahren im Gespräch

Ins Gespräch gebracht hat sich auch der Eigentümer der Wiese, auf dem die Sturmvögel ihr Zeltlager aufschlugen. Das Grundstück gehört Jürgen Matthes. Der Pohrsdorfer, Jahrgang 1946, kandidierte erst Ende Mai für die Alternative für Deutschland (AfD) zur Stadtratswahl. Neben zwei weiteren Kandidaten aus Kurort Hartha ist er von den Wählern mit 323 Stimmen in den neuen Stadtrat gewählt worden und kann damit für die nächsten fünf Jahre in der Lokalpolitik der Forststadt mitmischen.

Matthes selbst versteht die Aufregung um das temporäre Zeltlager auf seinem Grundstück nicht. Er sei eben gefragt worden, ob es einen Platz gebe, auf dem es möglich sei, deutsche Lieder zu singen und deutsche Tänze zu tanzen, sagt er auf SZ-Nachfrage. Da er dies selbst gern tue, habe er sein Grundstück in Spechtshausen zur Verfügung gestellt. In die rechtsextreme Ecke will er sich nicht drängen lassen. „Wenn man von Heimatliebe singt, ist man doch nicht gleich ein Nazi“, rechtfertigt sich Matthes.

Im Kulturbüro Sachsen sieht man das anders. Den Sturmvögeln sei ganz klar eine Verherrlichung der NS-Ideologie zuzuschreiben, erklärt Fachreferent Michael Nattke. Ziel der Organisation sei es, vor allem Kinder und Jugendliche spielerisch an rechtsextremes Gedankengut heranzuführen. Bisher sei ein solches Zeltlager, wie dieses zu Pfingsten in Spechtshausen, noch nicht in der Region vorgekommen. Es aber durchaus verbreitet, so wie deren Teilnehmer aus ganz Deutschland kommen. Am besten wehre man sich dagegen lautstark und öffentlich – so wie in Spechtshausen geschehen. „Kein Ort kann sich aussuchen, ob sich Neonazis niederlassen.

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Aber man kann selbst entscheiden, wie man damit umgeht“, sagt Nattke. Die Sturmvögel sind als Organisation zwar von den Innenministern nicht verboten. Man wolle die Vorfälle in Spechtshausen aber zum Anlass nehmen, dies nochmals prüfen zu lassen, sagt Michael Nattke. Unabhängig davon dürfte der Konflikt Tharandt erhalten bleiben. Nach Informationen der SZ soll es innerhalb der Organisation der Sturmvögel bereits Ambitionen zu einer Gruppe Tharandt geben.

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