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Die "Gräfin" übergibt ihre Tanzschule

25 Jahre hat Dorit Graf den Riesaern das Tanzen beigebracht. Mitte des Jahres zieht sie sich zurück und überlässt das ihren Nachfolgern.

Dorit Graf steht in ihrem Tanzsaal in der Puschkin-Tor-Passage. Riesas Tanzlehrerin hört bald auf.
Dorit Graf steht in ihrem Tanzsaal in der Puschkin-Tor-Passage. Riesas Tanzlehrerin hört bald auf. © Sebastian Schultz

Riesa. Endlich darf in Sachsen wieder getanzt werden. Seit letzter Woche hat der Freistaat den hiesigen Tanzschulen erlaubt, Jugendlichen, die nicht zu einer Familie gehören, wieder Unterricht zu geben. Kaum jemand freut sich mehr darüber als Dorit Graf. Denn etwa die Hälfte ihrer Tanzschüler sind Jugendliche. Und es ist ihr letztes Jahr als Riesaer Tanzlehrerin. Ein Abschiedsjahr, das sie sich ganz anders vorgestellt hatte. 

Wegen der Corona-Pandemie musste schon der Riesaer Orchesterball am 21. März abgesagt werden. Dorit Graf hatte extra dafür mit 36 jungen Leuten einen Eröffnungstanz einstudiert und Kostüme schneidern lassen. "Das wird nächstes Jahr nachgeholt", sagt sie optimistisch. Doch die Absagen gingen weiter.

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In der Karwoche war sie zum Internationalen Tanzlehrer-Kongress nach Düsseldorf eingeladen worden. Dort wollte sie der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband offiziell in den Ruhestand verabschieden. Denn sie ist, obwohl man es ihr nicht ansieht, tatsächlich Anfang März 65 Jahre alt geworden. 

Dorit Graf muss nur ganz wenig an der Tanzhaltung von Anika Weinhold und Florian Futschik korrigieren. Die beiden Abiturienten des Werner-Heisenberg-Gymnasiums trainieren schon lange bei ihr.
Dorit Graf muss nur ganz wenig an der Tanzhaltung von Anika Weinhold und Florian Futschik korrigieren. Die beiden Abiturienten des Werner-Heisenberg-Gymnasiums trainieren schon lange bei ihr. © Sebastian Schultz

Auch die jährliche Reise mit ihrem Tanzclub, zu der sich 60 Paare aus ihrer Tanzschule angemeldet hatten und die diesmal nach Griechenland gehen sollte, musste wegen Corona abgesagt werden. Und als sei es noch nicht genug, fiel bei der ersten Erwachsenen-Tanzstunde nach der Corona-Zwangspause am 18. Mai auch noch in ganz Riesa der Strom aus.    

Wegen der Pandemie ist Dorit Grafs Terminbuch jetzt viel voller, als sie es ursprünglich geplant hatte. "Ich wollte meine letzte Saison eigentlich gemütlich ausklingen lassen, bevor ich im August die Tanzschule übergebe", sagt sie. Die großen Kurse sollten alle um diese Zeit so gut wie erledigt sein. Nur ein paar wenige wollte sie noch selbst bestreiten. Doch daran ist nicht zu denken. Ständig klingelt das Telefon, müssen Termine neu vereinbart werden.

Auch der Tanzsaal sieht anders aus als sonst. Mit Wimpelketten, die an Stuhllehnen befestigt sind, ist die Tanzfläche in sechs gleichgroße Bereiche eingeteilt. Vor Corona konnten hier bis zu 15 Paare gleichzeitig im Kreis tanzen. Jetzt also nur sechs. Auch das ist eine Herausforderung für Dorit Graf und ihre Nachfolger.

Das sind Jenny Müller und Jonatan Rodriguez-Pérez. "Wie man den Leuten das Tanzen beibringt, lernen sie bei mir", sagt die anerkannte Ausbilderin. Beide machen ihre praktische Ausbildung in der Riesaer Tanzschule. Eine Woche pro Monat muss das deutsch-spanische Liebespaar zur Theorie in die Nähe von Frankfurt am Main. Am 1. Juli ist Prüfung in Paderborn.

Ihr ganz privater Glücksgriff

So heißt es für Dorit Graf und ihren Ehemann Andreas Böhme, noch einmal eine flotte Sohle aufs Parkett legen und zeigen, wie es gemacht wird. Sie nennt ihn ihren "Glücksgriff". In allererster Linie natürlich für sich ganz privat, in zweiter Linie aber auch für die Tanzschule. "Er ist gewohnt, stets in der zweiten Schicht und am Wochenende zu arbeiten." Der ehemalige Hotel- und Betriebswirt ist der perfekte Barkeeper, sowohl in den Pausen, als auch bei den Tanzabenden, die die zehnfache DDR-Meisterin zum Abschluss eines jeden Tanzkurses anbietet. 

Die vielen DDR-Meistertitel im Standard, Latein und Allround gewann sie mit ihrem ersten Ehemann Rainer Graf. Siebenmal hintereinander triumphierten sie beim Dresdner Zwingerpokal, der inoffiziellen Osteuropa-Meisterschaft. Die beiden kristallen Wanderpokale teilten sie sich nach ihrer Scheidung 1985 auf. Einer davon steht in der Glasvitrine im Empfangsraum der Riesaer Tanzschule. "Der Pokal mit dem Zwingertor ist mein wichtigster Pokal", sagt sie noch immer. 

Eine tolle Zeit in Dresden

Nach der Trennung startete die alleinerziehende Mutter - ihre Tochter war damals erst vier Jahre - neu durch und wurde bei den Dresdner Musikfestspielen Chefin des Gästebüros. Dort lernte sie internationale Interpreten und Ensembles von Weltrang kennen, wie zum Beispiel das London Symphony Orchestra oder die Schweizer Flamenco-Tänzerin Nina Corti, die nur zwei Jahre älter ist als sie. "Das war eine tolle Zeit", erinnert sich Dorit Graf. 

Zehn Jahre dauerte dieser Lebensabschnitt. Dann zog es sie in ihre Geburtsstadt Riesa zurück, wo sie am ersten November-Wochenende 1995 in der damals erst neu gebauten Puschkin-Tor-Passage ihre Tanzschule eröffnete. 

Im zweiten Obergeschoss der Puschkin-Tor-Passage befindet sich die Tanzschule Riesa von Dorit Graf.
Im zweiten Obergeschoss der Puschkin-Tor-Passage befindet sich die Tanzschule Riesa von Dorit Graf. © Sebastian Schultz

Schnell bekam das der damalige Kulturbürgermeister Wolfram Köhler mit und fragte nach, ob sie nicht Kontakte hätte, eine internationale Tanzmeisterschaft nach Riesa zu holen. Dorit Graf rief daraufhin Michael Wendt, den heutigen Präsidenten der Internationalen Tanz-Organisation (IDO), an. Sie hatte ihn Anfang der 80er Jahre während ihrer Zeit als Tanzlehrerin in Ungarn kennengelernt.  

Wendt brachte 1997 die Europameisterschaften im Showdance an die Elbe. Später auch die Weltmeisterschaften in der gleichen Disziplin und die WM im Stepptanz. Die "Gräfin" - so wird sie ehrfurchtsvoll von ihren Tanzpaaren genannt - freut sich jedes Jahr darauf. "Durch die Tanzwochen herrscht in Riesa eine tolle Atmosphäre", sagt Dorit Graf und ist stolz darauf, ihren Anteil daran zu haben. 

Auch aus diesem Grund erhielt sie im Februar 2005 den Riesaer Riesen in der Kategorie Sport. Er steht auf der Glasvitrine mit den vielen Pokalen. Er wird bleiben, genauso wie die vielen schönen Erinnerungen an die letzten 25 Jahre, in denen sie Tausenden erwachsenen Paaren und Jugendlichen von Oschatz bis Großenhain das Tanzen beigebracht hat. Auch an die Auftritte bei der Tanzmeile und der Sommerbühne in Riesa wird sie sich noch lange erinnern, wie auch an das Training mit jungen Riesaer Paaren für den Semperopernball in Dresden oder den gemeinsamen Cha-Cha-Cha mit dem früheren "Let's Dance"-Juror Michael Hull im August 2007 vorm Riesaer Rathaus. Eines freut sie aber ganz besonders: "Viele Paare sind unserer Tanzschule treu geblieben und kommen immer wieder."

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