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Dornröschenschlaf endet in der Kulturnacht

Mit Henker, Abtrittmann und Pilgergeschichten erwacht der Bautzener Schülerturm am Sonnabend zum Leben.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Wunderbare Kühle strömt aus den über zwei Meter dicken Mauern des Bautzener Schülerturms. Nur eine kleine Lampe erhellt den Raum oberhalb des Tors. Andreas Thronicker zupft die Bettdecke zurecht. Auf den ersten Blick wirkt das hölzerne Gestell mit der einfachen Strohmatratze nur wenig einladend. Der 55-Jährige schmunzelt. „Das hier wäre früher schon die Luxusvariante für Pilger gewesen. Dort unter der Treppe findet sich die Schlafgelegenheit für die Ärmeren“, sagt er und zeigt auf einen weiteren Stapel grob gestopfter Strohsäcke. Am Fuße der einstigen Verteidigungsfeste zweigt heute der Sächsische Jakobsweg ab. Über 300 Kilometer führt er bis ins fränkische Hof.

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Mit der wunderbaren Kühle, Geschichten um den Heiligen Jakob und Bautzen wird der Weiße Turm am Sonnabend zur Langen Nacht der Kultur zum Leben erweckt. Denn normalerweise führt das Bauwerk mit seinem markanten, spitzen Helm ein Schattendasein gegenüber seinen anderen hohen Gesellen aus Stein in der Stadt. Nicht einmal sein genaues Baujahr ist zu bestimmen. Das Schülertor wird bereits 1235 erbaut. Andreas Thronicker überlegt kurz. „Reichenturm und Wendischer Turm entstanden 1492, der Nicolaiturm ist auf das Jahr 1522 datiert. Dazwischen entstand dieser hier“, sagt er und klettert auf einer schmalen Treppe über die Dächer der sommerheißen Stadt. Von oben wirken Gärten und Häuser klitzeklein. Früher nahmen Soldaten von hier oben den Feind ins Visier. Das weiß der Lauentürmer, doch wie der Turm zum Namen kam, darüber kann er nur Mutmaßungen anstellen. Beim Bautzener Chronisten Felix Wilhelm findet sich 1935 im Aufsatz über die „Bedeutung der Gassen- und Straßennamen im alten und neuen Bautzen“ ein Hinweis. Der Heimatforscher Richard Needon (1861-1931) vermutete, dass in der einstigen Schülergasse die erste mittelalterliche Schule in Bautzen stand. Die Chorknaben erhielten in den beiden Eckhäusern Schülerstraße/Fleischergasse 30 Unterricht.

Die Zeiten danach erhellen sich ein wenig. Im Mittelalter ist der Schülerturm an der Via Regia ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die alte „Hohe Straße“ führt unter den wachsamen Augen der Soldaten an dieser Stelle in die Stadt. Allerdings müssen sie erst über die hölzerne Brücke des Schulgrabens. Danach bezahlen die Reisenden mit Pferd und Wagen ihre Zollgebühren. Für Durchreisende kostet es weniger als für diejenigen, die in der Stadt handeln wollen. In der Kornstraße zum Beispiel verkaufen die Bauern ihr Getreide.

Andreas Thronicker geht wieder hinunter und nach draußen. Auf der Schülerstraße kommt ein Auto. Er blickt Richtung Ortenburg. „Der zweite Zugang zur Via Regia befand sich im Nicolaitor. Dort kamen aber nur Fußgänger oder Leute mit dem Schiebock durch“, sagt er und flüchtet sich wieder in die Kühle. Zur Kulturnacht holt sich der Mann mit dem Faible für herausragende Bauwerke Unterstützung von Freunden. So bringt Falknerin Manja Nürnberger unter anderem ihre gefiederten Freunde mit. Auch das Budissiner Marktgesinde macht hier mit Henker und Abtrittmann halt. Jener ging einst mit Eimern durch die Bautzener Gassen. „Notdürftige“ erledigten im Schutz seines Mantels ihre kleinen und großen Geschäfte.

Mit diesen „seltsamen Gewerken“ wollen Andreas Thronicker und seine Freunde den Schülerturm aus der Vergessenheit holen. Mitte des 19. Jahrhunderts verlieren die Zölle ihre Bedeutung und damit auch der Turm mit dem spitzen Helm. Stattdessen dient er als Waffen- und Munitionslager. Später ziehen Vögel in die wunderbare Spitzenkonstruktion aus Holzbalken ein. Auch diese lässt sich noch bewundern. Doch jetzt ist genug verraten. Der Stadtführer verschließt die schwere Turmtür. Zur Langen Nacht der Kultur am Sonnabend öffnet sie sich wieder ab 18 Uhr.