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Drama auf der Görlitzer Bahnhofstraße

Wieder droht der Abriss eines Gründerzeithauses. Diesmal aber ist eine Erbin vor Ort. Sie will das Schlimmste verhindern.

© Nikolai Schmidt

Von Ingo Kramer

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Görlitz. Eveline Menzel hat es schwarz auf weiß von der Bauaufsicht. Bis zum 28. Februar sollen sie und die andere Eigentümerin der Bahnhofstraße 54 mit der Sicherung ihres einsturzgefährdeten Hauses beginnen. Tun sie das nicht, droht die Stadt damit, am 1. März mit dem Komplettabriss des Gebäudes zu beginnen. „Dazu darf es nicht kommen“, sagt die 68-Jährige, die in Görlitz in einer günstigen Mietwohnung lebt. Sie mag ihre Stadt, freut sich über jedes sanierte Gebäude und fände es ganz schrecklich, wenn in der derzeit noch geschlossenen Häuserzeile zwischen Schiller- und Blockhausstraße demnächst eine Lücke klaffen würde. Und doch wäre es auch ihre Schuld.

Schaut man genau auf die Fenster im zweiten Stock der Bahnhofstraße 54, erkennt man eine durchgebrochene Decke.
Schaut man genau auf die Fenster im zweiten Stock der Bahnhofstraße 54, erkennt man eine durchgebrochene Decke. © Nikolai Schmidt
Innen sieht es ungefähr so aus wie auf dem rechten Foto, das aber in einem anderen baufälligen Haus in Görlitz entstanden ist.
Innen sieht es ungefähr so aus wie auf dem rechten Foto, das aber in einem anderen baufälligen Haus in Görlitz entstanden ist. © Pawel Sosnowski

Die Geschichte von Eveline Menzel ist die einer verwitweten Frau, die zu einem Viertel Eigentümerin eines Hauses ist, das einst ihrer Oma gehörte. Die anderen drei Viertel gehören ihrer 75-jährigen Cousine in Bad Kösen bei Naumburg. Die beiden Frauen haben kein besonders gutes Verhältnis. „Ich habe keinen Schlüssel zu dem Haus und war schon seit der Wende nicht mehr drin“, sagt Eveline Menzel. Da es zu drei Vierteln der Cousine gehört, mache diese die Hausverwaltung. Dass das Haus völlig verfallen ist, die Decken durchgebrochen sind, hat die Görlitzerin nicht mitbekommen – auch nicht, als es die Stadt im Mai vorigen Jahres bemerkt und ihr seither mehrere Briefe geschickt hat. „Ich habe gleich im Mai zurückgerufen und gesagt, dass mir das Haus nur zu einem Viertel gehört und ich keinen Schlüssel habe“, sagt Eveline Menzel. Damit war für sie die Sache erst einmal erledigt, auf die weiteren Schreiben hat sie nicht reagiert. Erst, als sie jetzt einen Brief der Stadt mit Innenaufnahmen der von Dach bis Keller durchgebrochenen Decken erhalten hat, ist ihr das Drama wirklich bewusst geworden. Seither ist die frühere Jugendamtsmitarbeiterin mit den Nerven am Ende, muss immer wieder weinen, wenn sie die Geschichte erzählt: „Ich würde meinen Anteil gern verschenken, wenn sich jemand findet, der das Haus erhält.“ Vom Sohn ihrer Cousine hat sie erfahren, dass diese bereit wäre, ihre Anteile ebenfalls zu verschenken.

Hartmut Wilke, der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung, kannte die Geschichte der beiden Frauen bisher nicht. „Sie müssen sich aber den Vorwurf gefallen lassen, auf viele Schreiben nicht reagiert zu haben“, sagt er. Er bestätigt den Anruf von Eveline Menzel im Mai. Auch der Sohn der Cousine habe sich einmal gemeldet und um Zeitaufschub gebeten: „Das ist aber fast ein Dreivierteljahr her, und seitdem ist nichts passiert.“ Aus Sicht des von der Stadt beauftragten Statikers gibt es vier Varianten: den Komplettabriss für 98 000 Euro, eine Notsicherung für 29 000 Euro, bei der aber anschließend jedes Jahr weitere Sicherungskosten anfallen, eine Sicherung für 130 000 Euro, bei der aber das Dach abgetragen wird, und eine Sicherung für 140 000 Euro, bei der auch das Dach stehen bleibt. „Wir dürfen als Ersatzvornahme nur die preisgünstigste Variante wählen und den Eigentümern in Rechnung stellen“, sagt Wilke. Da Variante zwei mit hohen Folgekosten verbunden ist, sei Variante eins die Günstigste: Der Komplettabriss.

Görlitzer Sorgenkinder

Drei Gebäude sind seit vorigem Jahr in die Öffentlichkeit gerückt: Die Landeskronstraße 34 wurde nach einem Teileinsturz abgerissen, die Bismarckstraße 29 wird derzeit gesichert – und was aus der Bahnhofstraße 54 wird, muss sich jetzt klären.

Kommwohnen hat vier einsturzgefährdete Häuser im Bestand: Die Brautwiesenstraße 17 wird derzeit saniert, in der Waggonbau-Furnierhalle an der Hilgerstraße soll das Zentrum für Jugend und Soziokultur entstehen, die Leipziger Straße 20a wird zumindest gesichert, die Leipziger Straße 19 aber steht noch ungesichert da.

In der Innenstadt gibt es darüber hinaus drei einsturzgefährdete Häuser in Privatbesitz: Bei der Sohrstraße 9 an der Ecke zur Emmerichstraße läuft die Sicherung, bei der Landeskronstraße 22/Ecke Brautwiesenplatz gibt es seit Kurzem einen neuen Eigentümer, am Otto-Buchwitz-Platz 4 passiert bisher noch nichts.

Weitere vier Häuser stehen nicht im Stadtzentrum: Auch die Jauernicker Straße 39, die Lutherstraße 25, ein Haus an der Biesnitzer Straße und ein kleines Fachwerkhaus in Deutsch Ossig sind in einem miesen Zustand.

Diese Liste verändert sich ständig. Insgesamt beobachten die beiden städtischen Baukontrolleure derzeit 60 Häuser sehr regelmäßig.

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Da helfe auch die vom Stadtrat beschlossene Stadtumbau-Matrix nicht. Die kommt immer dann zum Einsatz, wenn ein Eigentümer auf die Stadt zukommt mit der Frage, welche Varianten für sein Haus möglich sind. „Das ist bei diesem Haus zu spät“, sagt Wilke. Hier sei ein akutes Handeln nötig. Trotzdem wird die Stadt nicht, wie in dem Schreiben angedroht, am heutigen 1. März mit dem Abriss beginnen. „Wir setzen alles daran, dass das Haus stehen bleibt“, sagt er. Für das Stadtbild sei es wichtig. Andererseits kann er nichts versprechen: „Der Zustand ist wirklich dramatisch.“ Wilke sieht jetzt zwei Wege. Einerseits prüft die Stadt seit dieser Woche die aktuelle Entwicklung der Baukosten. Die können immer mal steigen oder sinken. Sollte sich jetzt herausstellen, dass die Abrisskosten gestiegen und gleichzeitig die Sicherungskosten gesunken sind, dann könnte letztlich die Sicherung doch preiswerter sein als der Abriss. „Mitte März werden wir konkrete Angebote vorliegen haben“, so der Amtsleiter. Bis dahin werde die Stadt nicht mit dem Abriss beginnen.

Der zweite Weg: Eveline Menzel will heute Vormittag zum Gespräch zu Wilke kommen. Dort wird er noch einmal alles schildern. „Und ich werde ihr einen Weg anbieten“, sagt Wilke: „Wenn die Eigentümer jetzt die Kosten für die aktuell vorhandene Absperrung übernehmen, dann zeigen sie, dass sie Verantwortung übernehmen.“ Damit könnten sie Zeit gewinnen. Zeit, um zum Beispiel einen neuen Eigentümer zu finden. Das wird aber nur gelingen, wenn beide Eigentümer mitspielen, also auch die Cousine. Eveline Menzel jedenfalls ist jetzt bewusst, wie es um das Haus wirklich steht. Sie ist zum Verzicht bereit: „Wenn es doch nur stehen bleibt.“