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Einsatz im Elendsviertel - eine Ärztin erzählt

Theresa Meißner hat in Nairobi Kranke behandelt. Gegen Corona haben die Menschen im Slum keine Chance, sagt sie. Dort fehlt es an allem.

Wenn Dr. Theresa Meißner ihren kleinen Patienten ein Lächeln entlocken konnte, war das ein riesiger Erfolg.
Wenn Dr. Theresa Meißner ihren kleinen Patienten ein Lächeln entlocken konnte, war das ein riesiger Erfolg. © privat

Kenia/Dresden. Sechstausend Kilometer von hier ist das Glück spitz und gebogen wie ein Halbmond. Es besteht aus glänzendem Metall und heißt Sindano. Das ist Suaheli und bedeutet Nadel. Wie glücklich eine Lieferung machen kann, die zur elementaren Wundversorgung zählt, hat Dr. Theresa Meißner in Kenia erlebt. 

Sechs Wochen lang war die Chirurgin in der Hauptstadt des afrikanischen Landes im Einsatz. Genauer gesagt, in dessen Elendsviertel Mathare. Rund 600.000 Menschen leben dort auf einer Fläche von rund zweieinhalb Quadratkilometern in mehreren Slums. Vielleicht sind es auch mehr Siedler. Genau weiß das niemand. Zum Vergleich: Die 550.000 Dresdner haben rund 330 Quadratkilometer Platz. 

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Während es hier in Deutschland anlässlich der Coronapandemie gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit die Zahl der Intensivbetten von 28.000 auf 40.000 zu erhöhen, haben die Menschen dort kaum Zugang zu Ärzten. Würden Mediziner wie Theresa Meißner und ihre Kollegen nicht vor Ort praktizieren, bliebe den sozial schwachen Bewohnern nur eine  Versorgung durch Krankenschwestern. "Einige von ihnen haben so etwas wie ein komprimiertes, praxisorientiertes Medizinstudium absolviert", erklärt Theresa Meißner. Die Clinical Officers, wie sie heißen, können auf viel Erfahrung zurückgreifen. Einen Arzt ersetzen sie jedoch nicht, wenn es um mehr als die Versorgung chronisch Kranker geht.

Die Ambulanz, in der auch die Dresdnerin tätig war, unterhält die deutsche Organisation German Doctors. Rund ums Jahr sind dort vier- bis sechsköpfige, wechselnde Ärzteteams für Tausende Menschen da. Zwischen zwei- und dreihundert Patienten kommen jeden Tag zu ihnen. Zum sogenannten Medical Center gehört auch eine Apotheke, ein Labor und eine Großküche, die für unterernährte Kinder und Erwachsene Mahlzeiten kocht.

Dr. Theresa und die gute Seele ihres Sprechzimmers - die Dolmetscherin und qualifizierte Krankenschwester Rose - waren sechs Wochen lang ein starkes Team.
Dr. Theresa und die gute Seele ihres Sprechzimmers - die Dolmetscherin und qualifizierte Krankenschwester Rose - waren sechs Wochen lang ein starkes Team. © privat

Der Wunsch, in einem Entwicklungsland mit dem zu helfen, was sie studiert hat und kann, nämlich Menschen von Leiden zu befreien, die ihnen Krankheiten und Unfälle zufügen, ging Theresa Meißner schon lange im Kopf herum. Im Ruhrgebiet, wo sie aufgewachsen ist, hat sie studiert und zunächst gearbeitet - bis die Liebe und eine attraktive Stelle an der Uniklinik Carl Gustav Carus sie schließlich nach Dresden brachten. Das war 2015. Seitdem arbeitet Theresa Meißner an der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums.

"Ich habe mich bei verschiedenen Organisationen informiert und bin auf German Doctors getroffen", erzählt die 33-Jährige. Sie erfuhr, dass jeder Mediziner willkommen ist, der sechs Wochen lang in Indien, Bangladesh, Sierra Leone, auf den Philippinen oder in Kenia tätig sein will. Der Wille allein genügt jedoch nicht. 

Vor dem Medical Health Centre in Nairobis Elendsviertel Mathare warten die Menschen oft stundenlang darauf, den entsprechenden Ärzten zugewiesen zu werden. Jeden Tag kommen mehrere Hundert.
Vor dem Medical Health Centre in Nairobis Elendsviertel Mathare warten die Menschen oft stundenlang darauf, den entsprechenden Ärzten zugewiesen zu werden. Jeden Tag kommen mehrere Hundert. © German Doctors/PR

Denn die Ärzte arbeiten ehrenamtlich in den Ambulanzen und müssen ihren eigentlichen Job in Deutschland ruhen lassen können. "Mein Arbeitgeber hat mich sehr unterstützt", erzählt Theresa Meißner. Sie sparte, um ihren Einsatz zu finanzieren, und startete im Februar diesen Jahres ihre Arbeit in Nairobi. Zusammen mit einer Kinderärztin und zwei Internisten löste sie das vorhergehende German-Doctors-Team ab und bezog ihren kleinen, spartanischen Behandlungsraum.

"Die kenianischen Patienten kommen mit Verletzungen zu uns, die sehen wir daheim nur selten", sagt sie. Viele schwere Verbrennungen sind dabei, weil die Frauen und älteren Kinder in ihren Wellblechhütten Essen auf Gaskochern zubereiten. Die fallen in der Enge um oder es entzünden sich Stoffe, die an den Wänden der Behausungen hängen.  Schnittwunden hat Dr. Meißner ebenfalls viele gesehen. Sie rühren von Unfällen im Haushalt, beim Bauen, aber auch von gewaltsamen Übergriffen her. "Auf den Straßen arbeiten zum Beispiel Messerschleifer, die ihren Schleifstein bedienen, indem sie eine Art aufgebocktes Fahrrad treten", hat sie beobachtet. "Wunden, die dabei entstehen können, gibt's bei uns nicht. Arbeitsschutz ist im Slum quasi nicht vorhanden." Doch auch für Leiden, wie sie hierzulande jeder kennt, war sie zuständig, nur, dass Rückenschmerzen von der schweren körperlichen Arbeit ab früher Kindheit herrühren. Nicht vom dauernden Sitzen im Bürostuhl. 

"Die Angst der Kinder war das Schlimmste"

Sehr häufig musste Theresa Meißner Kinder mit Knochenbrüchen behandeln. Zwar hatte die Medizinerin in Vorbereitung auf ihre Zeit in Nairobi ein halbes Jahr in der Unfallchirurgie gearbeitet. Dass so viele Kinder in ihre Sprechstunde kommen würden, damit hatte sie als "Erwachsenen"-Chirurgin allerdings nicht gerechnet. "Zum Glück habe ich großartige Kollegen in Dresden, die ich rund um die Uhr per Whatsapp um Rat fragen konnte", erzählt sie. Trotz Zeitverschiebung antwortete der Kinderchirurg prompt. Die Standleitung half jedoch wenig, wenn es um die Angst der Kinder ging. Mit ihr musste die Ärztin zurechtkommen, in dem Moment, in dem sie den Kleinen in die weit aufgerissenen Augen sah.

"Die Kinder haben teilweise nie zuvor einen Weißen gesehen", erklärt sie, "Auf der Straße mag das interessant und lustig sein. Aber im Krankenhaus sind sie starr vor Panik und verstehen nicht, was dieses fremde Wesen mit ihnen macht." Wenn Theresa an all das Leid und Elend, das sie in Mathare miterlebt hat, zurückdenkt, schmerzt sie das am meisten: diese abgrundtiefe Angst der Kinder, deren Sprache sie nicht spricht, denen sie nicht gut zureden, ihnen nicht erklären kann, was sie tut.

Schon Erwachsenen gegenüber stieß sie damit an sprachliche Grenzen. Zum Beispiel, wenn sie einem Patienten erklären musste, weshalb sie ihn nicht operiert. "Wir hatten zwar einen OP-Raum, aber dort hätte ich nichts steril halten können. Ich habe nur kleinere Wunden operiert, die sowieso infektiös sind, wie Abszesse zum Beispiel", sagt Theresa Meißner. Akute Fälle überwies sie deshalb in ein Krankenhaus. Dort jedoch müssen die Patienten jede Leistung bezahlen. Die Behandlung in der Ambulanz kostet nur etwa einen Euro Gebühr. Die Ärmsten der Armen zahlen nichts. Mitgliedschaft in einer Krankenkasse leistet sich fast keiner der Slumbewohner.

Für die Mädchen in Schuluniform ist der Anblick eines Weißen interessant und lustig. Auf einen weißen Mediziner zu treffen, flößt den meisten Kindern indes große Furcht ein.
Für die Mädchen in Schuluniform ist der Anblick eines Weißen interessant und lustig. Auf einen weißen Mediziner zu treffen, flößt den meisten Kindern indes große Furcht ein. © German Doctors/PR

Dabei wäre das so wichtig. Denn Gesundheit ist unerschwinglich, außer im Gesundheitszentrum der deutschen Ärzte, wo chronisch Kranke ihre Medikamente bekommen und Ehrenamtliche mit wenig viel helfen. Dass diese Hilfe konstant und verlässlich ist, das lässt Dr. Theresa Meißner froh, stolz und beruhigt auf ihre Zeit in Nairobi zurückblicken: "Was wir dort tun, nützt dauerhaft", sagt sie. Ihren Platz im kleinen Sprechzimmer nimmt eine neue Kollegin oder ein neuer Kollege aus Deutschland ein. Normalerweise.

Am Ende März ist Theresa Meißner zurück nach Dresden geflogen - zwei Wochen, bevor sie eigentlich den Heimweg antreten wollte. Gerade noch konnte sie ihren Einsatz regulär beenden. Dann beorderte die Organisation und das Auswärtige Amt alle Ärzte nach Hause, zum Schutz vor Corona. Vorübergehend müssen die lokalen Kollegen mit Unterstützung auf Distanz zurechtkommen. 

Auch in Nairobi steigt die Zahl der Infizierten. "Wenn in Mathare die Pandemie ausbricht, haben die Menschen keine Chance", sagt Theresa Meißner. Zu eng hausen sie in ihren Hütten, Hygiene gibt es faktisch nicht. Genaue Zahlen lassen sich ihrer Meinung nach nicht erheben. "Dafür bräuchte man Tests, doch die können sich wiederum nur die finanziell gut gestellten Menschen leisten."

Theresa Meißner hat geholfen, weil sie es konnte. Sie würde es wieder tun. Gerade arbeitet sie an einem Vortrag über ihre Erfahrungen als Ärztin an einem der ärmsten Orte der Welt. Sie will Kollegen motivieren, Ähnliches zu tun. Hoffentlich bald, nach Corona.​

Die Arbeit des Vereins German Doctors finanziert sich über Spenden und ehrenamtliches Engagement. Hier erfahren Sie, wie sie die Einsätze der Ärzteteams unterstützen können.

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