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Drei Steine für drei Leben

Die Familie Schuncke schützte einst eine jüdische Familie vor den Nazis - mit einem ungewöhnlichen Gemälde. Drei Stolpersteine in Blasewitz erinnern jetzt daran.

© Robert Michael

Von Tobias Wolf

Die Klarinette hat Mühe, gegen die Geräuschkulisse im Dresdner Villenviertel Blasewitz anzukämpfen. Zum Wind gesellen sich rhythmische Hammerschläge, die einen Meißel in den Boden treiben, um ein Loch in den Fußweg zu schlagen. Es soll eine Wunde schließen, die mit der Erinnerung an die jüdische Familie Hepner verknüpft ist, die im ehemaligen Fliederhof an der Goetheallee Zuflucht fand. Richard, Johanna und Peter steht auf den goldglänzenden Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig. Fast erstarrt beobachtet Michael Schuncke die Szenerie. Er ist Pate der Stolpersteine. Als Junge lernte er die Familie 1938 kennen, die ins Obergeschoss der Villa seiner Großeltern Wilhelm und Wilhelmine Schuncke eingezogen war. Eine Träne rollt über die Wange des 85-Jährigen.

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Michael Schuncke möchte, dass die Stolpersteine eine Mahnung bleiben mögen - vor allem für die junge Generation.
Michael Schuncke möchte, dass die Stolpersteine eine Mahnung bleiben mögen - vor allem für die junge Generation. © Robert Michael
Einst Künstlertreff, wurde die Villa Fliederhof im Dritten Reich zum Schutzraum. Auch der russische Komponist Sergej Rachmaninow fand darin Unterschlupf.
Einst Künstlertreff, wurde die Villa Fliederhof im Dritten Reich zum Schutzraum. Auch der russische Komponist Sergej Rachmaninow fand darin Unterschlupf. © Repro: T. Wolf

Es ist Ende 1938. Der Schrecken der Pogromnacht vom 9. November hat den jüdischen Deutschen endgültig klargemacht, welches Schicksal ihnen droht. Wer keine Wohnung mehr als Rückzugsraum hat, ist vogelfrei und den Gewaltorgien der braunen Truppen schutzlos ausgeliefert. Ihre Wohnung in der Dresdner Südvorstadt musste Familie Hepner aufgeben. Vater Richard gilt im Nazi-Jargon als Volljude, Sohn Peter als Halbjude. Mutter Johanna ist Christin. Richard Hepner war in der „Kristallnacht“ das erste Mal kurzzeitig inhaftiert worden. Die Nachkommen der Musikerdynastie Schuncke sind die letzte Hoffnung. Bedrohten Unterschlupf zu gewähren, ist Familientradition. In den 1920er-Jahren lebte der russische Komponist Sergej Rachmaninow bei ihnen, der nach der Oktoberrevolution verfolgt wurde.

Die Wohnung ist offiziell von Johanna Hepners Mutter angemietet, die Familie als Untermieter gemeldet. Der junge Michael Schuncke kommt immer in den Ferien aus Baden-Baden, wo er mit der Mutter seit der Trennung der Eltern lebt. Hepners Sohn Peter wird sein wichtigster Freund in Dresden. „Meine Großmama erzählte mir von einer neuen Errungenschaft, als ich wieder da war“, erinnert sich Schuncke. Und, dass er bald Schlimmes erlebe. Regelmäßig kommen zwei Gestapo-Mitarbeiter vorbei, um Druck auszuüben, die jüdische Familie vor die Tür zu setzen. Ein unangenehmer Moment, bei dem künftig die „Errungenschaft“ helfen soll: ein Stilleben mit Blumen, 1,80 Meter hoch, einen knappen Meter breit. Gut sichtbar hängt es im Aufgang der Villa. Auf der Rückseite ist ein riesiges Hitler-Gemälde angebracht. In Windeseile kann das Bild umgedreht werden.

Dann sind die Männer in ihren abgewetzten Ledermänteln wieder da. Die Hausangestellte meldet telefonisch nach oben: „Die Herren sind da.“ Die eigentlich schlichte Wilhelmine Schuncke ist es als Industriellen-Gattin gewohnt, zu repräsentieren und lässt die NS-Schergen jedes Mal 15 Minuten warten, bevor sie geräuschvoll die Treppen hinab rauscht. Ein Trick, um die Gestapo-Leute zu verunsichern. Den Enkel schickt sie nach oben. Michael Schuncke verfolgt die Szenerie durch die geschnitzte Treppenverkleidung. Und hört den Satz: „Wir kommen wegen ihren Juden.“ Wilhelmine Schuncke gibt sich unbeeindruckt. „Meine Juden, wie Sie das nennen, bleiben hier im Haus“, antwortet die 80-Jährige. Ihre blauen Augen blitzten dabei, erinnert sich der Enkel. Und an die Verächtlichkeit, mit der die Großmutter den Gestapo-Leuten begegnet. „Sie sagte zu ihnen: In welchem Haus in Dresden gibt es so ein kostbares Bild des Führers?“ Ergebnislos ziehen die Geheimpolizisten wieder ab. Mitte 1943 nehmen sie Richard Hepner mit. Noch einmal kommt er frei, bevor ihn die SS im Oktober 1944 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Zu Weihnachten ist die Stimmung gedrückt.

Von Richard Hepner fehlt jede Spur. Bis Ende Mai, als ein abgemagerter Mann mit Kopfverband und Krücken im Fliederhof auftaucht. Die Hausangestellte erkannte ihn sofort, sagt Michael Schuncke mit brechender Stimme. Die Vorstellung, dass „Vater Hepner“ im KZ fast alle Knochen gebrochen wurden, tut bis heute weh. Keiner rechnete mehr mit einer Rückkehr.

Zur Großmutter habe Hepner gesagt: „Dass ich noch lebe, verdanke ich Ihnen und der SS-Bürokratie.“ Alle KZ-Häftlinge erhielten Laufnummern. Anhand seiner Zahl ging Hepner davon aus, dass er im Juni sterben würde. Die Alliierten befreien das Lager am 12. Mai. Die Hausgemeinschaft pflegt ihn gesund. Bis zu seinem Tod 1950 engagiert sich Richard Hepner in der Jüdischen Gemeinde Dresden. Seine Witwe zieht mit dem Sohn in den Westen, später in die USA. „Sie haben uns gebeten, ihnen nicht böse zu sein, aber nach diesem Leid wollten sie alle Brücken hinter sich abbrechen“, sagt Michael Schuncke. Eine Postkarte aus dem Westen sei das letzte Zeichen gewesen. Mit den Stolpersteinen will er nun selbst ein Zeichen setzen. Stellvertretend für viele Opfer des NS-Regimes eine Mahnung sein. An die Jungen, wie er sagt.