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Drei Zentner Sprengstoff im Aussichtsturm

In den Dörfern rund um den 394 Meter hohen Klosterberg waren in den ersten Maitagen des Schicksalsjahres 1945, in dem der von Deutschland angezettelte Krieg mit voller Härte auch die Lausitz heimsuchte, nur wenige Einwohner zurückgeblieben.

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Von Karl-Heinz Reichelt

In den Dörfern rund um den 394 Meter hohen Klosterberg waren in den ersten Maitagen des Schicksalsjahres 1945, in dem der von Deutschland angezettelte Krieg mit voller Härte auch die Lausitz heimsuchte, nur wenige Einwohner zurückgeblieben. Sie hatten irgendwo im nahen Oberland, in der Sebnitzer und der Bad Schandauer Gegend Unterschlupf vor den nun erneut herankommenden russischen und polnischen Armeen gesucht.

Die abziehende deutsche Wehrmacht verfügte aber auch jetzt noch über Sprengkommandos, die ihr schreckliches Werk bis zum bitteren Ende verrichteten. In Demitz-Thumitz hatten sie zunächst am 21. April „befehlsgemäß“ zwei Bogen des Eisenbahnviadukts herausgesprengt, was angesichts des Kriegsgeschehens strategisch gesehen völlig sinnlos war. Noch sinnloser, ja geradezu barbarisch, war die Tat eines solchen Kommandos auf dem Klosterberg, dem Hausberg der Demitz-Thumitzer und Schmöllner Einwohner.

13 Wehrmachtsoldaten unter Führung eines Leutnants waren hier noch am 6. Mai angerückt und verstauten eine Menge Teufelszeug, Teller- und Kastenminen, Sprenggranaten und eine Kiste Sprengstoff – insgesamt mit einem Gewicht von dreieinhalb Zentner – vor den Augen des entsetzten Bergwirts Fritz Rößler im Inneren des 22 Meter hohen Aussichtsturmes. Nachts mussten die Rößlers dann ihre schöne Wohnung in der Bergbaude verlassen. Sie liefen den Wanderweg an der alten Kreuzbuche vorbei, bis auf die große Wiese in der Nähe des Kanzelbruches, dort, wo die Belegschaft der Fa. Sparmann und Co. dereinst ihre Betriebsfeste beging.

Es dauerte nicht sehr lange bis ein furchtbarer Detonationsknall ertönte und flackernder Feuerschein aufleuchtete – die Familie Rößler ahnte Schlimmes. Im Morgengrauen des folgenden Tages sah sie voller Entsetzen, dass von der damals, vor rund 40 Jahren von Vater Gottlob Rößler erbauten großen massiven Bergbaude, mit Gaststuben, Fremdenzimmern, Tanzpavillon, Kolonnaden, der eigenen Wohnung und dem Aussichtsturm nur Trümmerhaufen und Ruinen übrig geblieben waren. Ein grauenhafter Anblick, eine Zerstörungstat, die durch nichts zu rechtfertigen war!

Hatte die Sprengung an der Eisenbahnbrücke ein paar Tage zuvor, nach späteren Berechnungen der Reichsbahn, einen Schaden von 18 Prozent am Gesamtbauwerk verursacht, so hatten jene „Spezialisten“ der deutschen Wehrmacht auf dem Klosterberg, wenige Stunden vor Kriegsende, noch einmal ganze Arbeit geleistet. Glatte 100 Prozent, totale Vernichtung.

Fritz Rößler, der unermüdliche Bergwirt, verzagte dennoch nicht lange. Nach einem kurzen Aufenthalt in Steinigtwolmsdorf kehrte er mit seiner Familie auf den Klosterberg zurück. Schon bald nach Kriegsschluss erwarb er gut erhaltene Baracken des ehemaligen Arbeitsdienstes und errichtete daraus auf dem Berg einen für die damalige Zeit recht einladenden Holzbau, in dem er tatsächlich schon im September 1945, trotz der unsäglich schweren Versorgungslage, wieder Gäste empfing. Über 50 Jahre war Fritz Rößler unermüdlicher Bergwirt auf dem Klosterberg, bis er schließlich 1971 aus gesundheitlichen Gründen die Türen seiner beliebten Bergbaude endgültig schließen musste.

Die Nacht vom 6. zum 7. Mai 1945, in der seine attraktive Bergbaude so brutal vernichtet wurde,hatte er nie vergessen. Irgendwie konnte er die Adresse jenes Leutnants, der den Krieg wohlbehalten überlebt hatte, ermitteln, jenes Offiziers, der damals „befehlsgemäß“ die ganze Bergbaude in die Luft gejagt hatte. Damit auch der dieses Ereignis nicht vergessen sollte, übersandte Fritz Rößler ihm jedes Jahr Anfang Mai eine schöne Ansichtskarte seiner einst so schönen stolzen Baude. Einen Dank für diesen Service erhielt er indes nicht.