merken
PLUS Zittau

Dreiländerpakt für eine bessere Bahn

Zittaus OB Thomas Zenker und Amtskollegen aus Tschechien und Polen treffen sich zu einem historischen Akt. Der soll ein ganz modernes Problem lösen.

Zittaus OB Thomas Zenker (3.v.r.) und Martin Puta, Hauptmann der Region Liberec (4.v.r.) gehörten zu den Unterzeichnern des Bahn-Memorandums.
Zittaus OB Thomas Zenker (3.v.r.) und Martin Puta, Hauptmann der Region Liberec (4.v.r.) gehörten zu den Unterzeichnern des Bahn-Memorandums. © Rafael Sampedro

Im vorletzten Jahrhundert war es noch ohne weiteres möglich, innerhalb weniger Jahre wichtige Infrastruktur fertigzustellen - zum Beispiel die Eisenbahnstrecke von Zittau nach Liberec (Reichenberg). Von 1855 bis 1859 baute der Oberingenieur Gustav Heinrich Rachel die Trasse. Am Wochenende feierten Zittau und Hradek das 160-jährige Bestehen der Strecke mit einem Bahnhofsfest. Aber heute, in der Zeit von Hochgeschwindigkeitszügen, hat die Strecke einen erheblichen Schönheitsfehler. Und den wollen Politiker aus dem Dreiländereck nun endgültig beseitigt sehen.

"Wir können nicht diese 160 Jahre feiern, ohne dieses Problem anzusprechen", sagte Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm). Dieses Problem ist ein 2,7 Kilometer langer Gleisabschnitt zwischen Zittau und Hradek (Grottau). Auf dieser Länge verläuft die Strecke ohne einen Zughalt über polnisches Staatsgebiet. Die Strecke ist auf diesem Abschnitt mittlerweile so heruntergekommen, dass Züge nur mit maximal 40 Stundenkilometern darüber rumpeln dürfen. Und die polnische Staatsbahn macht bisher keine Anstalten, an diesem Umstand etwas zu ändern. Weil sie dort keinen Bahnhof hat, ist sie schlicht nicht an einer Investition interessiert. "Die deutsche und die tschechische Seite haben Polen sogar schon angeboten, diese Kosten zu übernehmen. Für uns ist das eine wichtige Transitstrecke", sagt Thomas Zenker. Doch auch das hat Polen abgelehnt.

Anzeige
Haben Demokraten Feindbilder?
Haben Demokraten Feindbilder?

Professor Armin Nassehi der LMU München spricht in einer kostenfreien Online Diskussion am 9. März über die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Das "Nullknoten"-Problem

Und jetzt nach dem Umbau und der technischen Modernisierung des Bahnhofs Zittau wird die Rumpelstrecke zum doppelten Ärgernis. Sie vereitelt es nämlich, Liberec als größte Stadt der Region wirksam mit dem Schienenverkehr auf deutscher Seite zu vernetzen. Mit dem Umbau des Zittauer Bahnhofs wurde hier ein sogenannter "Nullknoten" realisiert. Dieses System bedeutet, dass an wichtigen Bahnknotenpunkten Züge aus allen Richtungen wenige Minuten vor der vollen Stunde ankommen und wenige Minuten nach der vollen Stunde in alle Richtungen weiterfahren. In der Schweiz ist dieses System schon seit Jahren erfolgreich geübte Praxis. Das schafft beste und schnelle Umsteigeverbindungen für Bahnreisende. Und kein Mensch muss sich an diesen Knotenpunkten mehr irgendwelche Abfahrtszeiten merken, weil er weiß, dass in den Minuten nach der vollen Stunde in jede Richtung ein Zug fährt. Doch wegen des maroden Teilstücks kann man Züge von und nach Liberec jetzt nicht an diesen praktischen Nullknoten anbinden.

Historischer Pakt auf freier Strecke

In dieser Situation nun entschlossen sich Thomas Zenker und Amtskollegen aus Tschechien und Polen zu einem historischen Akt. Anlässlich des Bahnjubiläums bestieg Zenker mit sechs anderen Politikern in Hradek einen Sonderzug in Richtung Zittau. An Bord waren der Hauptmann der Region Liberec Martin Puta, Thomas Gampe als 1. Beigeordneter des Landkreises Görlitz, der Zgorzelecer Landrat Artur Bielinski, der Liberecer Oberbürgermeister Jaroslav Zamecnik, Piotr Blasiak als Bürgermeister von Bogatynia und Pavel Farski, Technischer Bürgermeister von Hradek. Außerdem waren Zvon-Geschäftsführer Hans-Jürgen Pfeiffer und Pavel Blazek als Chef des tschechischen Verkehrsverbundes Korid dabei. Auf der Fahrt nach Zittau hielt der Zug auf freier Strecke an einem Bahnübergang im polnischen Porajow an. Dort unterzeichneten die neun ein Memorandum, in dem sie die Ertüchtigung des Streckenabschnitts forderten. "Es kann nicht sein, dass 15 Jahre nach dem Beitritt zur EU die Gleise hier so schlecht sind", sagte Hauptmann Martin Puta. "Die Fortsetzung bestehender Inaktivität der Infrastrukturbesitzer und die Unfähigkeit des Staates, die Situation wirksam zu lösen, ist aus der Sicht der lokalen und regionalen Selbstverwaltung auf allen drei Seiten der Grenze, 15 Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union, inakzeptabel und zweifelt in den Augen der Bürger und der Fahrgäste grundsätzlich die Funktionsfähigkeit der europäischen Zusammenarbeit an" heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Die Verbindung sei mit 850 täglichen Fahrgästen eine der erfolgreichsten Bahnstrecken der Region. "Wir bitten die polnische Zentralregierung, auf das Angebot der sächsischen und der tschechischen Seite einzugehen", erklärte Martin Puta als Ziel des Memorandums.

Die Mitwirkung der polnischen Kommunalpolitiker an dem Dreiländerpakt zeigt: Entgegen der polnischen Zentralregierung ist man in der Region durchaus an einer vernünftigen Bahnstrecke interessiert. "Wir erwarten, dass hier in Porajow endlich eine Bahnstation entsteht", sagte eine Vertreterin des Ortes bei der Unterzeichnung, "auch die polnischen Menschen hier würden diese Verbindung gerne nutzen." Die Forderung nach einer Haltestelle in Porajow wurde auch in das Memorandum aufgenommen. "Wenn die Strecke für eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern ertüchtigt würde, könnte man die Züge von und nach Liberec trotz eines zusätzlichen Halts in Porajow an den Nullknoten in Zittau anbinden", erklärte Zvon-Geschäftsführer Hans-Jürgen Pfeiffer.

Bahnstrecke als Druckmittel?

"Das Memorandum geht jetzt an die Verkehrsministerien von Deutschland, Tschechien und Polen", erklärte Thomas Zenker. Er freut sich, dass auch polnische Kommunalpolitiker dem Pakt beigetreten sind. "Die Bahnstrecke könnte auch ein Unterpfand in den Verhandlungen um einen deutsch-polnischen Radweg sein", sagte Zenker. Will heißen: Wenn Polen sich nicht auf eine Sanierung der Bahnstrecke einlässt, hätte das womöglich Auswirkungen auf Bau und Finanzierung jenes Radweges.

Thomas Zenker bei der Unterzeichnung des Memorandums.
Thomas Zenker bei der Unterzeichnung des Memorandums. © Rafael Sampedro
Die Politiker-Delegation beim Halt auf freier Strecke in Porajow.
Die Politiker-Delegation beim Halt auf freier Strecke in Porajow. © Rafael Sampedro
Zwischen Hradek und Liberec verkehrt anlässlich des Bahnjubiläums ein historischer Dampfzug.
Zwischen Hradek und Liberec verkehrt anlässlich des Bahnjubiläums ein historischer Dampfzug. © Rafael Sampedro

Mehr lokale Nachrichten aus Zittau und dem Gebirge lesen Sie hier

Mehr lokale Nachrichten aus Löbau und dem Oberland lesen Sie hier

Mehr zum Thema Zittau