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Dresden 13. Februar

Warum Dresdner so stolz auf ihre Stadt sind

Dresden hat immer wieder Aufbau und Apokalypse erlebt. Verluste gehören zur Stadthistorie. Die Dresdner reagieren darauf sensibler als andere.

Feuerwerk über der Semperoper.
Feuerwerk über der Semperoper. © André Wirsig

Als am Morgen des 25. November 2019 Diebe in das Grüne Gewölbe einbrachen, griffen sie nicht nur nach den Schätzen, sondern verletzten etwas, das sie offenbar nicht kannten: das Dresdner Selbstverständnis. Dazu gehört die Auffassung, dass die Stadt schön ist und jeder Angriff darauf vereitelt werden muss. „Hier wurde die Schönheit erfunden. Nichts als Fluss und Wiesen – in zartesten Farben und märchenhaftem Licht.“ So schrieb es der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann Mitte des 18. Jahrhunderts. So ein Zitat ist unbezahlbar.

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Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint

Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Der größte Verlust an Leben und Schönheit für die Stadt war ohne Zweifel ihre Zerstörung am 13. Februar 1945. Diese Katastrophe entfaltete eine besondere Wirkung, weil es um eine über Jahrhunderte gewachsene Heimat ging, welche über Nacht vernichtet wurde. Die Schönheit verwandelte sich in Hässlichkeit. Der amerikanische Soldat Kurt Vonnegut war Anfang 1945 in deutsche Gefangenschaft nach Dresden geraten. Nach der Bombennacht schrieb er: „Danach war der Himmel schwarz von Rauch. Die Sonne war wie ein zorniger Stecknadelkopf. Dresden war jetzt wie der Mond, nichts als Mineralien.“

Die Dresdner gehen davon aus, dass man die Geschichte überall kennt und zeigen dem Besucher heute stolz ihre wiederaufgebaute Stadt. Sie „fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem“. Das stellte der italienische Schriftsteller Umberto Eco nach einem Dresden-Besuch 1996 in einem Essay über die „Grundzüge einer Stadtpsychologie“ fest. Die Elbtalbewohner lassen keinen Zweifel am Zustand ihres Zuhauses zu. Schon die Lage ist grandios, auch wenn das nicht das Verdienst von Menschen ist, sondern schlicht ein Glücksumstand.

Schwaden aus Nebel öffnen wie ein Vorhang an manchen Morgen das Elbtal. An den Hängen des Flusses träumen steinerne Diven auf dem „Hirsch“ unverdrossen von gestern, die Menschen von dem, was kommen mag. Ihre Anlageobjekte zäunen sie zukunftsträchtig ein. Putten und Faune beklettern die wein- und efeuumrankten Villen, die hier „Abendstern“ und „Alpenrose“, „Frohsinn“ oder „Friedenseckchen“ heißen. Dazwischen drängt sich neue Glasfassadenarchitektur mit Weitblick, aber ohne Namen. Zeit tötet Schönheit, aber nicht hier, hier nicht bitteschön! Das bleibt gefälligst gefällig.

In einer romantischen Landschaft erster Klasse gelegen, prägen trotz aller Veränderungen nach wie vor der Fluss mit dem Saum umlaufender Randhöhen voller Wälder, die Täler und Berge diese Gegend. Die Macht der Landschaft ist langfristig stärker als politische Mehrheitsbeschlüsse einer Legislaturperiode. Alle Stadtregierungen unterliegen den Zwängen dieser Geographie, auch wenn sie das manchmal nicht glauben wollen. Ja, Dresden ist schön – wegen der Landschaft. Aber nicht nur.

Schon Johann Gottfried Herder beschrieb 1802 den zweiten Aspekt der Dresdner Schönheit: „Vor Allem aber sind die Kunst- und Alterthumssammlungen, die er [d. i. Friedrich August I. von Sachsen] mit ansehnlichen Kosten stiftete, Tropheen seiner Regierung. Was ein Friedrich August im Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August [III. von Sachsen] am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein Deutsches Florenz geworden.“ Wieder ein unbezahlbares Zitat. Es braucht heute Herder als Autoritätsargument, weil er schon Anfang des 19. Jahrhunderts von Dresdens Schönheit schrieb. Das ist weder eine Erfindung von NS-, noch von SED-Propaganda, sondern eine Jahrhunderte währende Prägung. Die Schönheit addiert sich aus Landschaft, Kunst und Architektur.

"Hier wurde die Schönheit erfunden": Blick über den Theaterplatz in Richtung Kathedrale und Schloss.
"Hier wurde die Schönheit erfunden": Blick über den Theaterplatz in Richtung Kathedrale und Schloss. © Ronald Bonß

Dampfer schaufeln das Flusswasser beiseite, schippern vorbei am Zentrum mit einer Silhouette aus Frauenkirche und barocken Restbeständen. Die Schatzsammlungen des Wettiner-Adels häufen sich im Zwinger und im Residenzschloss. Es stellt sich dem Weltvergleich, weil hier Raffaels Sixtinische Madonna mit ihren heiteren Engeln größer ausgestellt wird, als da Vincis Mona Lisa, die vor lauter fotografierenden Touristen keiner mehr sieht. Elbflorenz präsentiert alles repräsentativ, von Canaletto bis Gerhard Richter, gebürtiger Dresdner, teuerster Maler der Gegenwart. Auf die Bildende Kunst bilden sich der Hiesschn was ein. Und erst recht auf die Theater und die Musik, Semperoper, Musikfestspiele, weltgewandte Sänger, die Jazztage, Staatskapelle und Philharmonie, das Dixielandfestival, deutschlandweit die meisten Schriftsteller pro Buchhandlung und die meisten Klavierstimmer pro Haushalt. Zeit klingt nach, aber hier mit ewig schwingendem Resonanzboden. Das bleibt gefälligst.

Der Satiriker Jan Böhmermann lästerte kurz nach dem Einbruch in das Grüne Gewölbe: „Da muss man rhetorisch aufrüsten, damit den Menschen klar ist, was da passiert ist. Der Dresdner Broschen-Genozid. Das ist wie der Feuersturm im Februar 1945. Nur von innen. Millionen Sachsen sind gestorben, innerlich.“ Nun klebt Böhmermann mit seinem Lachverstand an jedem Gag über Sachsen wie Winnie Puh am Honigtopf und Satire ist nicht ernst zu nehmen. Doch sind Verzweiflung und vor allem Unverständnis groß in diesen Fall, weil die Schönheit erneut verletzt wurde.

Allein, dass es jemand wagen konnte, die Schatzkammer zu plündern, welche erst 2006 im Schloss wieder eröffnete, ist eine Infamie. Und das mit der Bombennacht des 13. Februar zu vergleichen kann nur einer, der den Tabubruch nötig hat, um sein Aufmerksamkeitsdefizit zu kompensieren. Dass es aber überhaupt möglich war, mit krimineller Energie in das Museum einzudringen, verletzt mehr als den Stolz der Dresdner. Es stellt sich die Frage, welcher Hochmut in der Führungsriege der Staatlichen Kunstsammlungen herrscht, dass sie nicht fähig war, die schönen Schätze zu schützen, und warum die Chefs nachträglich auch noch rumstammeln, als hätte einer nur Liebesperlen aus dem Küchenschrank geklaut.

Die Kostbarkeiten im Grünen Gewölbe sind das Erbe der Wettiner. Der Schatz gehörte nach der Revolution von 1918 den Bürgern und wurde nach 1945 zu einer Art volkseigenem Eigentum, bewahrt wie ein Familienschatz. Als der zu DDR-Zeiten noch im Albertinum ausgestellt war, bewachten ihn zwei Volkspolizisten mit Pistolen im Halfter. Jedenfalls erzählen das alte Dresdner. Nach 1990 eingestuft als „sächsischer Louvre“, musste jeder davon ausgehen, dass die Juwelen gesichert sind wie die bundesdeutschen Goldreserven. Es bleibt ein Witz der Geschichte, dass es mit den Möglichkeiten des Jahres 2019 nicht möglich gewesen sein soll, die Kunstwerke zu behüten. Das schmerzt und reißt Narben auf.

„Dresden war jetzt wie der Mond, nichts als Mineralien.“ (Kurt Vonnegut nach dem 13. Februar 1945)

Denn zur Geschichte der Stadtschönheit gehört der Verlust, genauso wie der Umgang mit demselben. Seit Jahrhunderten stehen sich Aufbau und Apokalypse, Wonne und Grauen und deren Interpretationen scheinbar unversöhnlich gegenüber. Kurzer Blick zurück: Im 30-jährigen Krieg wütete um 1632 die Pest in der Stadt. Ihr und der Hungersnot jener Zeit fiel ein großer Teil der Bevölkerung zum Opfer. Wirtschaft und Handel lagen darnieder. Es folgte erneuter Aufbau. Die Kurfürsten polierten das Ansehen mit Pomp wieder auf. Während des Siebenjährigen Krieges vernichtete 1760 die Artillerie Friedrichs II. von Preußen das Schloss genauso wie die Kreuzkirche und mehrere hundert Wohnhäuser. Chronisten schrieben damals von der Stadt auf „dem höchsten Gipfel ihrer Vollendung“. Bis zum Ende des Krieges 1763 war die Bevölkerungszahl Dresdens um ein Drittel auf 44.000 Einwohner gesunken, ein Teil der Stadt kaputt. Es folgten erneut Aufbau und 1813 der nächste Krieg. Es wechselten Revolten mit den Auswirkungen des Deutsch-Französischen Krieges, das industrielle Wachstum mit dem Einbruch der Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Ein andauernder historischer Jojo-Effekt.

Es folgte nach der hässlichen Zerstörung von 1945 der Wiederaufbau mit sozialistischen Mitteln. Neue Identität entstand, obwohl die Sehnsucht nach dem schönen alten Dresden immer blieb. Dann der weitere Aufbau nach 1990. Und erneut Verlust. Inzwischen sind mehr als 70 Gebäude und Gebäudekomplexe, die in den 1960er- bis 1980er-Jahren erbaut wurden, wieder abgerissen. Deshalb gibt es einen typischen Dresdner Reflex: die Suche nach dem Schönen, dem Vertrauten, dem einen Nenner, auf den sich alle einigen können und der verteidigt wird.

Hoch über der Elbe im Süden tummeln sich tausende Studierende aus allen Kontinenten, ein Stadtteil mit exzellenten Instituten der Technischen Universität. Visionen von Ingenieuren gehören zu Dresden, Gewinn bringender Forschergeist von der Erfindung des ersten europäischen Porzellans, der Kleinbildkamera über die Idee zum Bau der Fernsehröhre bis zur Solarfolie oder Lösungen zur Heilung von Parkinson und Leukämie. Die Zeit baut sich digitale Netzwerke. Das bleibt.

Links und rechts des Flusses das Daheeme der Dresdner mit ihrer unaussprechlich feinen Mundart. Großes Herz und täglich frische Semmeln und Eierschecke, Stollen zur Weihnachtszeit und immer spielt Dynamo Dresden. Auf dem Mannschaftsbus des Fußballvereins steht in goldenen Lettern auf Schwarz „Legende aus Elbflorenz“. Das klingt wie erste Liga und das wird auch wieder – irgendwann. Die Dresdner babeln derweil über die Gottlosen und die Welt. Von Zeit zu Zeit schwimmen sie gegen den Strom. Das, nu freilich, das bleibt!

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