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Hat Dresden ein Problem mit moderner Architektur?

Der Wiederaufbau der zerstörten Stadt war von Anfang an umstritten. Und ist es heute immer noch. Ein Streitgespräch unter Experten.

Schwerpunkte Ostmoderne? Brunnen auf der Prager Straße und das Interhotel Newa um 1970.
Schwerpunkte Ostmoderne? Brunnen auf der Prager Straße und das Interhotel Newa um 1970. © Bildarchiv Sächsische Zeitung Dresden

Hier diskutieren Martin Neubacher vom Netzwerk Ostmodern und Torsten Kulke von der Gesellschaft Historischer Neumarkt über den Städtebau in Dresden.

Herr Neubacher, Herr Kulke, die Dresdner halten ihre Stadt für etwas Besonderes und mischen sich gern in die Diskussion um die bauliche Entwicklung ein. Nehmen Sie beide das auch so wahr?

Torsten Kulke: Die Dresdner haben eine besondere Beziehung zu ihrer Stadt. Die spiegelt sich auch in einem Mitspracherecht bei städtebaulichen Fragen wider. Das geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Beim Bau der Frauenkirche hatten die Stände zum Beispiel viel zu sagen.

Martin Neubacher: Ich sehe das ähnlich. Ich kenne keine andere Stadt, in der die Bewohner Debatten zum Stadtbild mit so viel Pathos und Leidenschaft führen.

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Vereinfacht gesagt, gibt es beim Wiederaufbau nach der Zerstörung 1945 zwei große Phasen: die Bebauung nach dem Krieg und die nach 1990. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden, oder finden Sie, dass viel verschenkt wurde?

Kulke: Viele Chancen sind verschenkt worden. Das hat seine Gründe in einer Ideologisierung in der Stadtplanung der späten 1940er- bis 1960er-Jahre. Stadtbaurat Herbert Conert hatte schon im November 1945 ein Konzept vorgelegt, das vorsah, die Stadtstruktur mit den vorhandenen Straßen und Plätzen zu bewahren. Dazu ist es jedoch nach seinem Tod nicht mehr gekommen. Viele Ruinen sind beseitigt worden, obwohl die Häuser wieder aufbaufähig gewesen wären.

Neubacher: Aber die vielfältigen Zerstörungen boten auch die Möglichkeit, Neues entstehen zu lassen. Man hatte in der Frühphase der DDR den Anspruch, auch mit Architektur in einen Wettstreit mit der BRD zu treten und ein neues Deutschland zu präsentieren. Die Bebauung am Altmarkt belegt das: Sehr aufwendig sollten Arbeiterpaläste nach sowjetischem Vorbild entstehen – schöner als im Westen. Anknüpfen an die Tradition hieß für Dresden, sich am Barock zu orientieren und tunlichst nicht an der internationalen Moderne.

War das nicht ein Widerspruch: Einerseits wurde viel abgerissen, andererseits wurde der Zwinger gerettet?

Kulke: Der Zwinger stand auf Messers Schneide. Wenn da nicht die russischen Kulturoffiziere, wie bei der Hofkirche auch, gesagt hätten, das bleibt, wäre er abgerissen worden. Nur durch das Eingreifen der Landesregierung wurde er letztlich gerettet. Erhalten blieben landeseigene Denkmäler, während die städtischen durch die Stadtverwaltung nahezu völlig abgeräumt wurden. Ich sehe das sehr kritisch. Den Umgang mit dem eigenen Kulturgut hat die DDR am Anfang völlig negiert.

Warum hat Dresden den Weg der Arbeiterpaläste nicht fortgesetzt?

Kulke: Die Bauten der 50er-Jahre wurden dem Staat viel zu teuer. Notgedrungen hat man sich deshalb der internationalen Moderne zugewandt und dabei Beispiele aus Westdeutschland aufgegriffen. Die Stadt hat sogar Rat bei dem berühmten Architekten Rudolf Hillebrecht aus Hannover gesucht: Heraus kam dann so was wie der Generalbebauungsplan von 1967. Da packt mich echt das Grauen: Den Albertplatz zum Beispiel sollte eine Hochstraße überqueren.

Die ist nie gebaut worden.

Kulke: Auch das war eine Kostenfrage. Man hat nur eine einzige Hochstraße an der Budapester Straße umgesetzt.

1969 war für die Dresdner Stadtgeschichte ein bedeutendes Jahr: Der Kulturpalast, die Prager Straße und der Fernsehturm sowie Teile von Robotron wurden übergeben. Wie bewerten Sie diese Bauprojekte?

Neubacher: Der Kulturpalast ist international von höchstem Renommee. Er zeigt auch, dass sich die Bauzeichen in der DDR geändert haben, weg von der nationalen Tradition hin zur Moderne. Das bedeutete auch intern einige Verrenkungen. In den 60er-Jahren setzte sich die Tendenz zu einer industrialisierten Bauweise immer mehr durch. Der Wiederaufbau dauerte in Dresden extrem lange. Da galt es, Lücken im Stadtgefüge mit Neubauten zu füllen, so hat man auch das Hightech-Unternehmen Robotron mit einer qualitätsvollen, zeittypischen Gestaltung in der Innenstadt angesiedelt. Die Prager Straße wurde von vielen, auch im Westen, als beispielhafte Stadtplanung der 60er-Jahre empfunden. Das galt übrigens bis in die Nachwendezeit.

Blick auf die weite Prager Straße. Sie gilt als Beispiel der Moderne.
Blick auf die weite Prager Straße. Sie gilt als Beispiel der Moderne. © Foto: Sammlung Holger Naumann

Hätte es eine Alternative zum Wiederaufbau á la DDR gegeben?

Kulke: Ja. Wenn man die Alteigentümer zur Eigeninitiative ermuntert hätte und ihnen, wie die Akten belegen, nicht den Wiederaufbau verboten hätte. Dresden war eine der fünf Aufbaustädte, die im besonderen Fokus von Berlin und der SED-Parteiführung standen. Hier sollte das neue sozialistische Menschenbild und damit verbunden das Neue Bauen gezeigt werden.

Neubacher: Die Verluste an bauhistorischer Substanz in den 50er-Jahren sind extrem tragisch. Denkmalpfleger waren gewissermaßen Oppositionelle. Zugleich stellte der Wiederaufbau in den Seevorstädten in Zeilenbauweise eine konsequente Absage an den Historismus mit der Blockrandbebauung, also mit geschlossenen Straßenzügen, dar. Begründet wurde dies auch mit dem Zivilschutz. Durch die großen Abstände wurde ein Übergreifen von Bränden verhindert. Das war eine Reaktion auf die schlimmen Zerstörungen im Februar 1945. Es ist also nicht so einfach.

Was änderte sich, nachdem später Erich Honecker an die Macht kam?

Kulke: Honecker hat das Programm der Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgelobt, das bis 1990 das Wohnungsproblem lösen sollte. Aber das war nie zu schaffen, weil es nicht gelungen ist, gleichzeitig den Altbau zu erhalten.

Neubacher: Schon ab Mitte der 50er-Jahre gab es die Tendenz, auf industrielle Bauweise zu setzen, um günstig möglichst viel Baumasse zu realisieren. In den 70er-Jahren, also mit der Honecker-Ära, betrifft das vor allem den Wohnungsbau. Die historische Bausubstanz verfiel und man widmete sich vorrangig dem Neubau, gern an den Stadträndern. Aber zugleich setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Aufwand für die Erschließung am Stadtrand ziemlich teuer ist. Als Alternative wurden innenstadtnahe Areale mit einer angepassten Bebauung versehen. Ein Beispiel dafür ist der Neustädter Markt oder der Nudelturm am Albertplatz. Da hat das Wohnungsbaukombinat viel Planungsaufwand verwendet, um den „Baukasten“ vielseitiger zu machen.

Am Neustädter Markt gab es zu DDR-Zeiten schöne Brunnenanlagen.
Am Neustädter Markt gab es zu DDR-Zeiten schöne Brunnenanlagen. © Foto: SZ-Archiv

Warum wurden Altbauten in der DDR nicht saniert?

Kulke: Weil man sich darauf konzentriert hat, mit möglichst wenigen Mitteln das Maximum an Wohnraum herauszuholen. Das konnte man nur mit Plattenbauten. Wir sollten nicht vergessen, dass in der Äußeren Neustadt schon die Sprenglöcher gesetzt waren, weil man weder Mittel noch Personal hatte, um die Altbauten dort zu sanieren. Hätte es die DDR länger gegeben, hätten wir am Neumarkt Plattenbauten ähnlich wie am Albertplatz, dazwischen 15 Leitbauten, also Rekonstruktionen.

Ein Großteil der Altbauten war doch in Privathand, warum haben die Eigentümer nicht gehandelt?

Kulke: Das ist eine Systemfrage. Eigentum war in der DDR nichts wert. Mit den zentral vorgegebenen niedrigen Mieten konnten die Eigentümer nicht viel anfangen. Hinzu kamen fehlende Handwerker und fehlendes Baumaterial. Die Ausnahme bildeten ein paar Sanierungsmaßnahmen wie in der Hauptstraße (damals Straße der Befreiung), wo Altbauten in Ordnung gebracht wurden. Vorn hui und hinten pfui, da fiel alles zusammen. In ihrer Not haben viele Eigentümer versucht, ihre Häuser an die Kommunale Wohnungsverwaltung zu übergeben, um aus dem Dilemma herauszukommen. Ruinen schaffen ohne Waffen.

Neubacher: Das ist mir zu kurz gegriffen. Gründerzeitbauten verfielen auch im Westen in umfangreichem Maß, weil sie dort auch nichts galten. Man schlug Bauornamentik ab, entfernte im Inneren Stuck und legte Stadtautobahnen durch Gründerzeit-Areale wie in Bonn, Köln, Hannover. Aber zweifellos war es nicht so drastisch wie in der DDR. In der Bundesrepublik bildeten sich Einwohnerinitiativen, die sich gegen Abbruchpläne wandten.

Waren DDR-Bauten nur schlicht und billig?

Kulke: Ja, bis auf die Repräsentationsbauten. Unter dem Strich musste es zweckmäßig und preiswert sein.

Neubacher: Die hoch industrialisierte Bauweise seit Mitte der 1970er-Jahre hatte zur Folge, dass man massenhaft Wohnraum baute – mit einer gewissen Monotonie. Das wurde schon zu DDR-Zeiten in Architekturzeitschriften thematisiert. Aber durch einen vorgeschriebenen Prozentsatz für Kunst am Bau sind Brunnen, Plastiken und Formsteinwände, wie man sie nur noch selten sieht, entstanden. Erst jetzt, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, macht man diese Kunst am Bau zum Gegenstand der Forschung. Ostmoderne Bauten wurden in Denkmallisten eingetragen.

Böse Zungen sprechen von einer zweiten Zerstörung durch die DDR.

Neubacher: Das klingt griffig, und wir beklagen in der Tat den Verlust von Bausubstanz. Trotzdem halte ich die Bezeichnung „zweite Zerstörung“ für übertrieben.

Kulke: Das sehe ich anders. Aus ideologischen Gründen sind ganze, sogar intakte, Häuserzeilen verschwunden. Ein Beispiel ist der Sachsenplatz.

Hätte man das verhindern können?

Kulke: Nicht unter den politischen Bedingungen. Hinzu kommt, dass Dresden immer so einen Ruf als ehemalige Residenz hatte. Das wollte man den Dresdnern schlicht austreiben.

Torsten Kulke (l.) ist mit den Bauten am Neumarkt zufrieden. Er wünscht sich eine Stadtgestaltung auf der Grundlage alter Strukturen. Martin Neubacher gehört zum Netzwerk Ostmodern und bedauert, wenn Bauten aus DDR-Zeiten abgerissen werden.
Torsten Kulke (l.) ist mit den Bauten am Neumarkt zufrieden. Er wünscht sich eine Stadtgestaltung auf der Grundlage alter Strukturen. Martin Neubacher gehört zum Netzwerk Ostmodern und bedauert, wenn Bauten aus DDR-Zeiten abgerissen werden. © Foto: Marion Doering

Sind Sie mit dem zufrieden, was in Dresden seit 1990 entstanden ist?

Neubacher: Teils, teils. Mir als Architekturhistoriker blutet das Herz, wie viel Nachkriegsbausubstanz, selbst qualitätsvolle, weggekommen ist. Das betrifft die durchgängige Gestaltung der Prager Straße, das Centrum-Warenhaus, die Webergasse etc.. Auch Kunst und Gestaltungen im öffentlichen Raum sind verloren gegangen. Häuser wurden nicht qualitätsvoll saniert. Mit Blick auf die Zukunft sollte uns der Umgang mit der Prager Straße eine Lehre sein und sich am Neustädter Markt nicht wiederholen. Dort ist die bauliche Struktur aus den 70er-Jahren, die Brunnen, wenn auch in schlechtem Zustand, noch vorhanden.

Kulke: Auf der Hauptstraße hat sich einiges getan. Die Plattenbauten sind gut saniert. Doch städtebaulich handelt es sich am Neustädter Markt um einen Raum, der einfach wegläuft. Wir müssen uns unbedingt über die Fernverkehrsstraße, die Große Meißner Straße und die Köpckestraße, unterhalten. Sie müssen schmaler werden, um wieder eine Urbanität zu erreichen.

So eine breite Verkehrsschneise ist doch in Dresden keine Ausnahme.

Kulke: Das ist ja das Bedauernswerte. Wir sprechen zwar nicht mehr offiziell von der autogerechten Stadt, verfolgen aber dennoch diese alten Pläne.

Streit gibt es auch um den Postplatz. Ist er ein Platz verpasster Gelegenheiten?

Kulke: Ich sehe ihn nicht allein als Problem. Auch der Straßburger Platz ist ähnlich schlecht. Dort haben wir die Hochhäuser abgerissen, aber keinen qualitätvollen Städtebau geschaffen. Wir brauchen keine 100 Meter langen ungegliederten Fassaden und großformatige Baukörper, wie sie an beiden Plätzen entstanden sind. Am Postplatz haben wir außerdem das geplante Wasserband aus Kostengründen ad acta gelegt. Wenn wir so weitermachen, werden wir nie zu einer urbanen Stadt kommen.

Neubacher: Ich finde den Postplatz auch problematisch, es gibt Kritikpunkte. Aber ich mag nicht in das übliche Schimpfen einstimmen. Man muss dem Platz Zeit geben und sehen, wie er angenommen wird. Ich bedauere jedoch den Abriss des Fernmeldeamts. Das war ein ganz spannender Bau aus DDR-Zeiten.

Kulke: Der Investor hat das gut geprüft und keine andere Möglichkeit gesehen. Wenn das so ist, muss man auch über den Abriss nachdenken dürfen.

Neubacher: Lange Zeit galten Gebäude aus DDR-Zeiten als wertlos, wie selbst der Kulturpalast. Das ändert sich jetzt gerade.

Über die Qualität vieler Neubauten am Postplatz streiten die Dresdner leidenschaftlich.
Über die Qualität vieler Neubauten am Postplatz streiten die Dresdner leidenschaftlich. © Jürgen-M. Schulter

Hat die Stadt einen Kniefall vor den Investoren gemacht?

Kulke: Wir haben den Leuten zu wenig gesagt, wie es anders geht. Für den höheren Planungsaufwand hätten wir vielleicht drei, vier Mitarbeiter in der Stadtplanung mehr benötigt. Es geht mir dabei nicht nur um verschiedene Handschriften, sondern um reelle Teilungen der Parzellen. Das hätte der Stadt am Ende wesentlich mehr gebracht. An der Wallstraße haben wir beispielsweise großflächige lange Gebäude mit der gleichen Fassade gesetzt. Warum parzellieren wir nicht stärker? Damit würden wir mehr Vielfalt erhalten. Wenn wir zudem die Grundstücke an internationale Fonds vergeben, fließt die gesamte Miete ab und bleibt nicht in der Stadt. Einheimische kommen nicht zum Zuge, weil die Parzellen zu groß sind.

Hat Dresden genug moderne Architektur, oder ist es eine Stadt, die hauptsächlich vom Barock geprägt ist?

Kulke: Das ist eine Frage, die mich aufregt. Dresden ist eine Gründerzeit-Stadt, eine klassizistische Stadt.

Neubacher: Und eine ostmoderne Stadt.

Kulke. Ja, auch wenn mir das nicht gefällt. Der Neumarkt macht nur ein Prozent der gesamten Stadtfläche aus. Da können wir nicht davon reden, in den letzten 20, 30 Jahren barock gebaut zu haben. Das ist ein Irrglaube. Was ist denn überhaupt modern? Ich finde, auch das, was am Neumarkt entstanden ist. Es entspricht dem Zeitgeist, an bestimmten Stellen eine Rekonstruktion durchzuführen.

Herr Neubacher, teilen Sie das?

Neubacher: In bestimmten Teilen schon. Ich finde, dass Dresden wirklich eine Stadt der Ostmoderne ist. Ich verstehe den Neumarkt auch als Reaktion auf im Moment nicht so kreative Investorenarchitektur. Statt von Rekonstruktionen spreche ich lieber von rekonstruierenden Neubauten.

Woher kommt die Sehnsucht nach Nachbauten historischer Gebäude?

Neubacher: Viele fremdeln mit den Gebäuden der Nachkriegsmoderne. Allerdings kam jüngst bei einer Befragung der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden heraus, dass viele Dresdner gern modern wohnen.

Kulke: Das eine schließt das andere nicht aus. Mit den Neumarktbauten werden große Fragen wie Heimat, Identität und Geborgenheit verbunden. Viele können sich mit dem, was in den letzten 20, 30 Jahren entstanden ist, nicht identifizieren, beispielsweise mit dem Postplatz oder dem Straßburger Platz.

Am Dresdner Neumarkt sind rund um die Frauenkirche über 60 Rekonstruktionen entstanden.
Am Dresdner Neumarkt sind rund um die Frauenkirche über 60 Rekonstruktionen entstanden. © Sven Ellger

Ist das wirklich so?

Neubacher: Ich teile diese Ansicht nur bedingt. Ich finde es problematisch, wenn die rekonstruierten Nachbauten beispielsweise mit dem Kulturpalast aufeinanderprallen. Da knirscht es ungemein.

Kulke: Warum? Das ist ein städtebaulicher Bruch, den die Architekten gern wollen. An den Schnittkanten sieht man sowohl 1960er als auch 2010er -ahre Bebauung.

Neubacher: Mir gefällt es nicht, wenn man beispielsweise am Neustädter Markt an den historischen Grundriss anknüpft und gleichzeitig die Bebauung aus den 70er-Jahren negiert.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Wiederaufbau des Narrenhäusels?

Kulke: Ich gehöre zu den absoluten Befürwortern.

Neubacher: Ich bin auch dafür, dass das Narrenhäusel entsteht, der Investor hat genug gelitten. Aber ich sehe darin ein Problem wie bei vielen rekonstruierenden Neubauten: Soll das Haus wie in den 1930er-Jahren aussehen oder die barocke Fassung erhalten?

Eine andere Frage ist unlängst mit der Diskussion um das neue Verwaltungsrathaus wieder aufgekommen: Ist in Dresden Platz für Hochhäuser?

Neubacher: Prinzipiell hat unser Netzwerk Ostmodern nichts gegen Hochhäuser, zumindest, wenn die Denkmalpflege zustimmt. Ich finde Abrisswünsche für Hochhäuser nicht richtig und trete dafür ein, bestehende Bauten zu nutzen, das ist nachhaltig. Dazu gehört das Hochhaus am Pirnaischen Platz.

Kulke: Aber auf keinen Fall mit einer Aufstockung. Ich bin eher für den Abriss von störenden Hochhäusern wie dem am Terrassenufer.

Neubacher: Ich finde es brutal, bestehende Häuser abreißen zu wollen, nur weil sie die Sicht stören.

Kulke: Die Kraft des Elbraums zu erhalten, ist für mich wichtiger. Wir haben immer versucht, Sichtachsen zu schützen. In der Innenstadt kann man deshalb keine Hochhäuser errichten. Das wäre maximal am Stadtrand möglich.

Was sind die drei größten architektonischen Herausforderungen, vor denen Dresden steht?

Neubacher: Bestehende Häuser nutzen und anpassen. Sie können attraktive Orte werden, wie zum Beispiel die Robotron-Kantine. Dazu Freiräume und Wohnraum schaffen, die auch in der Innenstadt eine soziale Teilhabe möglich machen.

Kulke: An die Stelle der Robotron-Kantine sollte übrigens eine Grünfläche. Bei einer Investitionssumme von zwölf Millionen Euro plus X bin ich mir noch nicht sicher, ob der Erhalt das letzte Wort sein kann. Zu Ihrer Frage: Wir sollten Freiflächen und Baulücken ausnutzen. Ich bevorzuge die Blockrand- vor der Zeilenbebauung. Wichtig sind mir soziale Fragen und eine gute Durchmischung. Ich sehe im Moment keine extreme Wohnungsnot in Dresden.

Haben die Dresdner genug Mitspracherecht?

Neubacher: Man hört oft, dass sich viele zu wenig gefragt fühlen. Beim städtebaulichen Ideenwettbewerb am Königsufer hat ihnen das Stadtplanungsamt gute Möglichkeiten zur Teilnahme angeboten.

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Kulke: Der große Aufwand war angemessen, schließlich reden wir über den drittwichtigsten Platz in dieser Stadt. Da müssen wir dem Bürgermeister auch mal Lob aussprechen.

Gespräch: Bettina Klemm und Dietrich Nixdorf

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