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Achtung, Kleingartenkontrolle!

Den ganzen Sommer über werden Dresdner Parzellen überprüft. Mit Augenmaß statt mit Maßband. Ein Rundgang.

Freundlich aber bestimmt: Beate Köbnik vom Stadtverband „Dresdner Gartenfreunde“ erklärt Vereinschef Erik Schütze, was in seiner Anlage zu tun ist.
Freundlich aber bestimmt: Beate Köbnik vom Stadtverband „Dresdner Gartenfreunde“ erklärt Vereinschef Erik Schütze, was in seiner Anlage zu tun ist. © Sven Ellger

Ein typischer Fehler. Mitten auf einer sowieso schon geringen Beetfläche steht ein Apfelbaum. „Damit kann diese Fläche nur als Obstanbau gewertet werden“, sagt Beate Köbnik und zückt den Stift. Neben die Gartennummer notiert sie auf ihrer Liste: „Anbaufläche erweitern“.

Die 54-Jährige will niemanden ärgern, niemandem sein Gartenglück nehmen, doch sie ist an diesem sonnigen Nachmittag mit einem klaren Auftrag zur Kleingartensparte „Alte Elbe“ in Seidnitz gekommen. Sie muss hier Parzelle für Parzelle überprüfen, ob sich die Kleingärtner an die für alle geltenden Regeln halten. „Wir haben kein Maßband dabei“, betont sie, „aber wir wollen überall eine kleingärtnerische Nutzung erkennen“. Heißt: Mindestens ein Drittel der Gartenfläche sollte für Obst und Gemüse reserviert sein. Sonst droht eine Mahnung. Gleiches gilt für das Gedeihenlassen von Pflanzen, die im Kleingarten nichts zu suchen haben. Zum Beispiel Nadelgehölze aller Art oder Waldbäume.

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Beate Köbnik arbeitet für den Stadtverband „Dresdner Gartenfreunde“ und ist gerade im Dauereinsatz. An manchen Tagen kontrolliert sie mit einer Kollegin aus dem Vorstand drei Anlagen, manchmal vier. Trotz dieses beachtlichen Pensums reicht das nur für Stichproben. Von den mehr als 360 Sparten in Dresden werden jedes Jahr etwa 50 unter die Lupe genommen.

Akkurat, aber kein Muss: Hier wird
offenbar viel gegossen.
Akkurat, aber kein Muss: Hier wird offenbar viel gegossen. © Symbolbild/Archiv/Sven Ellger

Der Verein „Alte Elbe“ gehört zu den offenen Anlagen, die von Frühjahr bis Herbst für jedermann begehbar sind. 126 Gärten gibt es hier. Chef der Sparte ist seit zwei Jahren Erik Schütze. Für den 28-Jährigen ist es heute die erste Begehung mit dem Stadtverband. Er wird später das zweifelhafte Vergnügen haben, die Pächter über die festgestellten Mängel zu informieren, eine Frist zu setzen und letztlich auch zu überprüfen, ob und was sich tut.

Auf geht‘s zur Gartenkontrolle! Gleich in der ersten Parzelle auf der linken Seite fällt den Experten ein ungepflegter Kirschbaum ins Auge, die dringend verschnitten werden müsste. Erik Schütze wird das mal ansprechen. Grund zur Mahnung ist das allerdings noch nicht.

Fünf Schritte weiter. Der nächste Garten. Beate Köbnik verweilt stumm, lässt den Anblick drei, vier Sekunden auf sich wirken, und geht dann weiter. Bei etwa 100 Gärten in der Stunde muss der erste Eindruck entscheiden. „Das lernt man mit den Jahren“, sagt sie. In die Gärten reingehen darf sie übrigens nicht. Dort, wo zwei Meter hohe Hecken den Blick versperren, wird eine Nachkontrolle veranlasst.

Die Parzelle von Dieter Köhler ist vorbildlich. Sei 30 Jahren gärtnert er hier.
Die Parzelle von Dieter Köhler ist vorbildlich. Sei 30 Jahren gärtnert er hier. © Sven Ellger

In den nächsten Gärten ist der Gemüseanbau weitgehend akzeptabel. Probleme gibt es dagegen mit bestimmten Pflanzenarten. Zuckerhutfichten und Schilf müssen beim nächsten Pächterwechsel raus. Solange haben sie Bestandsschutz. Auch die Goldrute ist nicht gern gesehen. Die Zierweiden sollen sofort weichen, gibt sie zu Protokoll. „Wenn ich das jetzt weiß, achte ich künftig darauf“, sagt Vereinschef Schütze, dessen eigene Parzelle als leuchtenden Vorbild taugt, mal abgesehen von einem etwas hoch geratenen Säulenapfel.

Wenige Meter weiter wächst eine gewaltige Zypresse in einen Kirschbaum hinein. Das bringt keine Pluspunkte. Den meisten Gärten sieht man aber an, wie viel Zeit und Liebe ihre Pächter in sie investieren. Da wachsen die Tomaten in Reihe und Glied, was sie keineswegs müssen. Der Kürbis wuchert und trägt schon pralle Früchte und Unkraut ist kaum zu sehen.

In einer Parzelle hängen gleich fünf imposante Melonen an einer Pflanze. Die Pächterin sitzt daneben in einem Gartenstuhl und lächelt stolz. „Da bin ich bissel neidisch, das geb ich zu“, sagt Beate Köbnik, und schon ist wieder weg.

Hier wurde die Anliegerpflicht missachtet: Rosen wachsen durch den Zaun.
Hier wurde die Anliegerpflicht missachtet: Rosen wachsen durch den Zaun. © Sven Ellger

Einige der Gärten, in denen offensichtlich noch viel zu tun ist, wurden erst vor wenigen Wochen an neue Pächter übergeben, wie Schütze betont. Der Generationswechsel ist in vollem Gange. Aber natürlich gibt es auch in der „Alten Elbe“ die drei, vier schwierigen Nachbarn, wie wohl in jeder Sparte. Einige der Gärten gleichen eher einem Dschungel, andere einem Müllsammelplatz. Einer ist sogar komplett mit Split zugeschüttet. Abmahnungen, Kündigungen, Streit, Rechtsanwälte. Auch das gehört zum Kosmos Kleingartensparte dazu. Für Beate Köbnik gibt es hier viel zu notieren. Ob das in jedem Einzelfall etwas bringt, steht auf einem anderen Blatt.

„Wieso hat der zwei Lauben?“, fragt sie einige Minuten später unvermittelt. Eine Frage wie eine Aufforderung. Nur eine zusammenhängende Dachfläche ist erlaubt. Der Schuppen muss also weg.

Dennoch zieht die Expertin nach mehr als anderthalb Stunden Rundgang ein äußerst positives Fazit: „Diese offene Anlage gefällt mit sehr gut“, sagt sie. „Was wir gefunden haben, sind ganz normale Sachen, nichts Gravierendes.“ Das hört Erik Schütze natürlich gern. Einem gemütlichen Spätsommer in der „Alten Elbe“ steht damit kaum mehr etwas im Wege. Höchstens die eine oder andere Konifere.

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