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Fahrradclub: "Wir brauchen Alltagsrouten in Dresden"

Edwin Seifert ist der neue Dresdner ADFC-Geschäftsführer. Welche Prioritäten sein Verein setzt und wo die Stadt seiner Meinung nach Geld verschenkt.

Edwin Seifert fährt seit 1992, als sein Studium in Dresden begann, immer mit dem Rad in der Stadt.
Edwin Seifert fährt seit 1992, als sein Studium in Dresden begann, immer mit dem Rad in der Stadt. © Sven Ellger

Dresden. Mit diesem rasanten Mitgliederanstieg hatten wohl selbst die Enthusiasten beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) nicht gerechnet. "Wir sind in den vergangenen anderthalb Jahren um 1.000 gewachsen", sagt Edwin Seifert. Die aktuelle Mitgliederzahl ist so auf 4.128 gestiegen. Davon hat auch Seifert profitiert, der seit Juni dieses Jahres als Geschäftsführer arbeitet und den Vorstand um Nils Larsen entlasten soll, der ehrenamtlich tätig ist. Vorher gab es diese Position nicht, für die auch Spenden gesammelt wurden. "Für uns zeigen die wachsenden Mitgliederzahlen deutlich, dass viel mehr Leute als früher Rad fahren und das Thema in der Breite angekommen ist", sagt Seifert. 

Wie hoch ist der Anteil der Radfahrer am Dresdner Gesamtverkehr?

Die aktuellsten Zahlen dazu stammen aus dem Jahr 2018. Die TU Dresden erhebt im Fünf-Jahres-Rhythmus repräsentative Daten. Danach liegt der Anteil der Radfahrer am Dresdner Gesamtverkehr inzwischen bei 18,4 Prozent. Im Jahr 2013 waren es nur 11,7 Prozent. Zudem zeigt sich die Zunahme des Radverkehrs deutlich an den Dauerzählstellen, die die Stadt beispielsweise an der Waldschlößchenbrücke eingerichtet hat, und deren Daten im Themenstadtplan abrufbar sind. 

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Auch die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass unter anderem aus Sicherheitsgründen mehr Menschen aufs Rad umgestiegen sind, sagt Seifert. Ein Großteil davon sei vorher mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen. "Dass sich viele Dresdner ein neues Rad, vorzugsweise E-Bikes gekauft haben, merken wir deutlich bei unseren Codierungs-Aktionen. Vor allem ältere Menschen haben dafür viel Geld ausgegeben und wollen es mit der Codierung schützen." 

Wächst die Anzahl der Radwege in der Stadt proportional mit den steigenden Radfahrerzahlen?

Das ist nicht so. Zwar sind im Radverkehrskonzept von 2017 fast 450 Projekte verankert, mit denen bis 2025 Dresdens Radwege neu gebaut, ausgebessert, oder Lücken geschlossen werden sollen. Aber erst rund zehn Prozent davon sind umgesetzt, während von der Zeit bereits über 38 Prozent verstrichen sind. "Wenn die Verwaltung so weitermacht, sind wir erst 2047 damit fertig", sagt Seifert. Zu sehen ist das auf der Internetkarte Radwatch-Dresden.de vom Verein. Dort können alle Projekte und ihr Umsetzungsstand abgerufen werden.

Eigentlich könnten rund 25 Prozent der Maßnahmen mit relativ wenig Aufwand schnell erledigt werden, sagt Seifert. Denn es sind Markierungs- oder Beschilderungsprojekte, wo aus Sicherheitsgründen beispielsweise Tempo 30 angeordnet werden sollte. "Aber die Straßenverkehrsbehörde Dresden will immer erst die örtliche Gefahrenlage nachgewiesen wissen. In anderen Kommunen hat man da eine andere Herangehensweise, weil es eine Ermessensentscheidung ist", sagt der Geschäftsführer. 

Wo sieht der ADFC den größten Handlungsbedarf an Verbindungen in der Stadt?

Die Liste ist lang, weil es viele Gefahrenstellen in Dresden gibt, sagt Edwin Seifert. Eine davon ist die nördliche Königsbrücker Straße, vom Industriegebiet bis zur Fabricestraße. Dort fehlten Radwege, sie seien aber angesichts steigender Radfahrerzahlen von der Innenstadt zu den großen Arbeitgebern im Norden wichtig. Der ADFC sei dazu mit dem Straßen- und Tiefbauamt im Gespräch, das bereits mehrere Ideen dafür habe. "Platz für einen Radstreifen wäre da, weil die Fahrspuren überbreit sind. Es geht es jetzt darum, Lösungen für die Abbiegespuren zu finden", sagt Seifert. Auch ein Einbahnstraßensystem von Fabrice- und Provianthofstraße ist im Gespräch. "Ich gehe davon aus, dass es bis 2022 dort eine konkrete Lösung gibt."

Ende September sollen auch die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zum Radschnellweg von Langebrück über Klotzsche ins Stadtzentrum vorliegen, die die Stadt beauftragt hat. "Doch ehe das am Ende gebaut werden kann, wird wohl noch viel Zeit vergehen, weil hier auch Grundstücke der Deutschen Bahn betroffen sind", sagt Seifert.

Ein weiteres wichtiges Thema sind für den ADFC sogenannte Alltagsrouten. Das sind durchgehende Strecken, über die man ohne Lücken ins Stadtzentrum kommt. Davon gibt es aus Sicht des ADFC noch zu wenige. "Die Verwaltung baut zwar an vielen Stellen über das ganze Stadtgebiet verteilt, aber richtige Ketten von Wegen entstehen dabei meist nicht." Damit dies funktioniert, sollten auch Einbahnstraßen wie ein Teilstück der Wormser Straße für den Radverkehr freigegeben werden, sagt Seifert. "Wir brauchen Alltagsrouten ohne Lücken."

Ein dringender  Punkt sei auch die Plauen-Route von Coschütz in die Innenstadt. Knackpunkt darin ist die enge Chemnitzer Straße, für die Alternativen gesucht werden. Das könnte eine Radwegeführung über die Zwickauer oder die Hohe Straße sein. Für die Zwickauer Strecke müsste eine Brücke über die Gleise der Deutschen Bahn gebaut werden. Bei der Hohen Straße müssten Parkplätze wegfallen, was die Anwohner im reinen Wohngebiet sicher nicht erfreuen wird. "Aber der Süden braucht eine bessere Anbindung", sagt Seifert. 

Nicht zuletzt nennt er auch die Bautzner Straße und Landstraße, an denen dringend etwas getan werden müsse. "Zum Beispiel bauen die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) jetzt an der Wilhelminenstraße, aber Radwege spielen dabei gar keine Rolle. Da sollten wir uns besser absprechen. Wir haben deshalb ein Gespräch mit den DVB vereinbart."  

Ist die Stadtverwaltung ein konstruktiver Partner des Vereins?

Der ADFC sei sehr glücklich, dass die Stadt mehrere Radwegeplaner neu eingestellt hat, sagt Seifert. Was jedoch im Geschäftsbereich des Verkehrsbürgermeisters fehle, sei jemand, der die Projekte bündelt, damit eben Alltagsrouten entstehen und kein Flickenteppich über die Stadt verteilt. "Generell wäre es für uns als Verein wichtig, frühzeitig in Planungen einbezogen zu werden, und nicht erst dann, wenn diese schon fast fertig sind", so der Geschäftsführer.

Außerdem nutze die Stadt in zu geringem Umfang die Fördermittel des Landes. Der Radwegebau wird zu 90 Prozent gefördert. "Natürlich muss die Stadt die Straßenbaukosten dann in höherem Umfang tragen, aber da wäre aus unserer Sicht viel mehr möglich", sagt Seifert. Aus Sicht des ADFC fehle in der Dresdner Verwaltung die Bereitschaft, auch mal eine Schlechterstellung des Autoverkehrs hinzunehmen, wenn der Radverkehr dadurch besser würde. "Wir wissen auch, dass die Zahl der Autos in Dresden gestiegen ist. Doch die Leute fahren damit innerstädtisch wenige als vorher", sagt Seifert. Sein Verein setzt große Hoffnungen in die neue Leiterin des Straßen- und Tiefbauamtes und den neuen Bau- und Verkehrsbürgermeister.

In den nächsten Monaten werde der neue Doppelhaushalt verhandelt. "Auch wenn die Corona-Pandemie die Aufstellung des Haushalts nicht leicht macht, so ist gerade jetzt die Zeit, dem Radverkehr mit Investitionen einen entscheidenden Schub zu geben“, sagt Edwin Seifert.

Update, 19. August, 11.30 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes haben wir fälschlicherweise berichtet, dass die Dürerstraße eine Einbahnstraße ist. Gemeint war ein Teilstück der Wormser Straße. Das haben wir korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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