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Dresden

Verschandelt das Zelt den Dresdner Zwinger?

Die große Kuppel im Innenhof ist ein Publikumsmagnet. Einen ehemaligen Architekten stört sie dennoch gewaltig.  

Für Architekt Christian Helm zerstört die Kuppel nicht nur die Komposition des Zwingers, sondern blockiert auch die wichtigsten Laufwege.
Für Architekt Christian Helm zerstört die Kuppel nicht nur die Komposition des Zwingers, sondern blockiert auch die wichtigsten Laufwege. © René Meinig

Seit fast einem Monat können sich die Besucher des Zwingers auf eine Zeitreise begeben. In der großen Filmkuppel mitten im Innenhof lässt sich die größte Hochzeit des 18. Jahrhunderts virtuell nacherleben. Die wochenlange Feier des Kurprinzen Friedrich August und der Habsburger Königstochter Maria Josepha wird mit einer audiovisuellen 270-Grad-Projektion nacherzählt. 

Die Entstehungsgeschichte ist auf eine neue Art und Weise zu erleben, wird von den Besuchern sehr gut angenommen, berichtet das Schlösserland Sachsen. Mittlerweile kommen täglich fast 1 000 zahlende Besucher, mehr als die Hälfte aus Dresden oder dem Umland.

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Christian Helms hingegen stört dieser Eventcharakter und die dahinter stehende Kommerzialisierung. Der 73-jährige Rentner hat fast sein ganzes Leben als Architekt für die Staatlichen Kunstsammlungen gearbeitet, auch im Zwinger. Nach so vielen Jahren hat er nicht nur eine emotionale Beziehung zu dem barocken Bauwerk, sondern auch ein Auge für eine ästhetische Bauweise entwickelt.

Für ihn sollte der Zwingerinnenhof eine Oase sein, um aus der Stadt mit all ihren grellen Werbeplakate und lauten Kiosken entfliehen zu können. Dass es nun auch hier bunte Werbetafeln gibt, damit habe sich Helms fast schon abgefunden – auch wenn sie so gar nicht zur zurückhaltenden Sandsteinfassade passen würden. „Das war schon zu DDR-Zeiten nicht anders. Da klebten sogar mal Bockwurstpappen an den Balustraden“, berichtet er.

Anders sieht es mit der riesigen Kuppel aus, die mitten auf die wichtigsten Wege gesetzt wurde. Damit möchte sich der Dresdner nicht abfinden. „Das ist eine visuelle Belästigung. Der Zwinger ist nicht nur baulich, sondern auch ästhetisch ein empfindliches Gebäude“, erklärt Helms. „Gerade der Innenhof ist als Ensemble aus den Galerien, den Brunnen, der Architektur und den Pavillons konzipiert. Wenn dann so ein Klopper direkt in die Mitte gesetzt wird, dann ist das eine erhebliche Störung.“ 

Diese Komposition sei nun von keiner Stelle im Hof mehr ungestört und vor allem nicht mehr vollständig wahrzunehmen. „Bei so einer fein abgestimmten Hofgestaltung schlägt einem die Kuppel wie eine Faust ins Gesicht“, sagt der Zwingerfachmann.

Zuerst dachte er, dies sei nur die überzogenen Empfindlichkeit eines alten Mannes. Doch dem war nicht so. Bei einem seiner Spaziergänge durch den Zwinger wird er von einem jungen Studentenpärchen angesprochen. „Die konnten überhaupt nicht verstehen, warum hier nun so eine Blase aufgestellt worden ist. Da habe ich gemerkt, dass es auch die normalen Besucher stört“, erzählt der Architekt.

Auch viele Besucher empfinden die Kuppel als Störung, zeigt eine Umfrage der SZ.
Auch viele Besucher empfinden die Kuppel als Störung, zeigt eine Umfrage der SZ. © René Meinig

Eigentlich sollten die zum Leben erweckten Hochzeitsbilder ohnehin nicht im Zwingerinnenhof gezeigt werden. Für die eingefärbten und animierten Zeichnungen und Kupferstriche, war ein Platz innerhalb des Zwingers reserviert. 

Doch die Bauarbeiten in der Bogengalerie L, zwischen dem Französischen und dem Wallpavillon, verzögerten sich. Um trotzdem pünktlich zum Jubiläum den achtminütigen Film zeigen zu können, wurde die Filmkuppel im Hof aufgebaut.

Für die Veranstalter ist es allerdings alles andere als eine Notlösung: „Die meisten Dresdner werden es wissen: Bei der Hochzeit 1719 stand genau an diesem Platz die Chaoskugel. Von dort begann das Jupiterfest“, erläutert Schlösserland-Geschäftsführer Christian Striefler.. „Das Besondere an der 3-D-Visualisierung ist, dass der Besucher genau an der Stelle, wo er tatsächlich steht, das Jupiterfest in großer Authentizität erlebt.“

Das sagen Besucher zur Kuppel:

"Gleich beim Reinlaufen ist mir aufgefallen, dass die Kuppel die Blickachse zerstört, mit dem Rest der Architektur harmonisiert es auch nicht. Die passt hier einfach nicht rein."

Stefan, der gerade als Lehrer in China arbeitet, war schon beim ersten Betreten des Zwingers irritiert.

Was ist das denn für ein Ding? Zu den restlichen Gebäuden passt es ja gar nicht. Aber ich kann die Überlegungen schon verstehen: Wo soll man es denn sonst hinstellen?

Inge Meyer aus Thüringen hatte den Innenhof anders in Erinnerung. Das letzte Mal war sie auf Klassenfahrt in Dresden.

Das wirkt schon sehr befremdlich, alles andere ist ja in einem ganz anderen Stil gehalten. Am Rand stehend, wäre es vielleicht etwas anders gewesen. Aber so sticht es sofort ins Auge.

Karsten Piepenhagen kommt aus Vorpommern. Für ihn passt die Kuppel nicht ins Gesamtbild.

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Über solche Argumente kann der Architekt nur mit dem Kopf schütteln. Für ihn sei die Rechtfertigung abwegig und zu weit hergeholt. Allerdings sieht Helms auch das Bemühen der Bauverantwortlichen des Freistaats, den Zwinger fachgerecht zu restaurieren. „Entscheidend ist, dass in den letzten Jahren sehr viel gemacht worden ist.“

Wenn die beige Halbkugel in einem Jahr wieder abgebaut wird und die Werbeplakate verschwunden sind, werde der Zwinger vielleicht wieder zu der Oase, die sich Helms schon so lange wünscht. Mit den Orangenbäumchen im Hof sei auf jeden Fall schon mal der richtige Schritt gemacht worden.

Bei aller Kritik, die Kuppel wird nur eine Übergangslösung bleiben. Im September 2020 eröffnet die Show in der bis dahin restaurierten Bogengalerie L, die sich mit einer umfangreichen Erlebnisausstellung mit der Entwicklung des Zwingers bis in die Gegenwart beschäftigen wird.

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