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Dresden

"Es müssen mehr Dresdner auf die Straße"

Joachim Klose ist Moderator der AG 13. Februar. Warum die Menschenkette wichtig ist und wie eine Art Kettenbrief Dresdens Problem mit den Neonazis lösen könnte.

Dr. Joachim Klose ist Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung und Moderator der AG 13. Februar.
Dr. Joachim Klose ist Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung und Moderator der AG 13. Februar. © Sven Ellger

Am 13. Februar jährt sich der Tag der Bombardierung Dresdens zum 75. Mal. Das Gedenken daran hat sich weiterentwickelt, sagt Joachim Klose. Der Moderator der AG 13. Februar sieht aber weiteren Bedarf und hat einen Ansatz, wie der Missbrauch des Datums durch Neonazis verhindert werden kann.

Gerade wegen des besonderen Jahrestages werden die Rechtsextremen alles daran setzen, einen Fackelmarsch durch Dresden zu machen. Dafür haben sie bereits sechs mögliche Termine bei der Stadt angemeldet. Der Protest dagegen formiert sich. Dieser hat aber laut Klose ein Problem.

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Die Gruppe "Dresden Nazifrei" hat in der Vergangenheit den Zug der Neonazis mehrfach blockiert, es kam zu Gewalt und auch in diesem Jahr wird aufgerufen, mit "zivilem Ungehorsam" - damit sind Blockaden gemeint - den Aufmarsch zu verhindern. "Dem können und wollen sich viele Bürger nicht anschließen", meint Klose. Deshalb müssen aus seiner Sicht Mittel und Wege gefunden werden, Demonstrationen zu organisieren, die ausschließlich friedlich angelegt sind.

"Wir haben in Dresden eine stark provozierende Rechtsextreme und eine starke Mitte der Gesellschaft, die dies ablehnt", ist sich Klose sicher. "Letztere muss sichtbarer werden. Es müssen mehr Dresdner auf der Straße gegen die Rechtsextremen demonstrieren. Sonst wird diese Mitte in Mithaftung für die Rechtsextreme genommen."

Dresden ist nicht nur Landeshauptstadt, sondern wird auch wegen Pegida, den AfD-Wahlergebnissen, rechten Netzwerken und eben den Aufmärschen der Neonazis häufig von außen als rechte Hochburg gesehen. Das sei nicht so, meint Klose. "Es wird dann schnell von 'sächsischen Verhältnissen' geredet. Aber die Gesellschaft lässt sich nicht so leicht vor den Karren spannen." Deshalb seien viele nicht bereit, sich linken Demonstrationen anzuschließen.

"Dennoch braucht es aktive Anteile, sonst denken die Neonazis, sie werden gelassen", sagt Klose. Auch der Versammlungsbehörde der Stadt will der Landesbeauftragte der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung keinen Vorwurf machen. Ihr wird vorgehalten, nicht genug gegen rechte Demos zu tun, Gegner sogar zu behindern. "Die machen Dienst nach bestem Wissen und Gewissen", meint Klose. "Sie wollen juristisch alles richtig machen." Es sei zwar Spielraum vorhanden, aber nur ein geringer.

Die wesentliche Frage für Joachim Klose lautet: Fühlen wir uns verantwortlich? "Ich glaube, in dieser Stadt ist nahezu jeder gegen Neonazis. Niemand möchte diese Provokation von Rechtsextremen. Wenn die Bürgergesellschaft deutlicher sagen würde: Schluss! Dann würde sich auch die Fabel vom braunen Dresden verlieren."  

Um das zu erreichen, müssten aber viel mehr Menschen aktiv werden. Bisher ist es immer ein Katz-und-Maus-Spiel: Die Neonazis melden Versammlungen rund um den 13. Februar an, die Gegner ebenfalls – Klose seit einigen Jahren selbst, für die AG 13. Februar und eben "Nazifrei" und weitere eher linke Organisationen und Personen. Irgendwann steht fest, wann und wohin die Neonazis kommen. Dann werden alle anderen Versammlungen angesagt und es wird versucht, schnell für den Tag zu mobilisieren.

Das sei aufwändig und führe dazu, dass oft nicht viele Gegendemonstranten kommen. Klose stand auch schon mal mit 50 Personen bei seiner Versammlung. Im besten Fall wurden es auch nur 200. "Wir brauchen ein reaktives Netzwerk", ist Kloses Ansatz. Er denkt an christliche Gemeinden, Sportvereine, Chöre, Kleingärtner und viele mehr. Sie sollten sich vernetzen. "Da können sich auch wie in der vergangenen Woche Bauern anschließen und mit Traktoren in die Stadt kommen." 

Genug Potential sieht Klose in Dresden, um aktiv etwas gegen Rechtsextreme zu tun. "Sie müssen nur schnell informiert werden." Deshalb bietet er an, dass sich Interessierte wie Chefs von Sportvereinen, Gartensparten, Chorleiter und so weiter bei der AG 13. Februar melden. "Per Mail würden wir dann mitteilen, wann und wo die Demonstration stattfindet. Das wäre eine Art Kettenbrief, der genauso wichtig werden kann wie die Menschenkette."

Mit der Menschenkette am 13. Februar wurde laut Klose bereits etwas geschafft. Die Rechtsextremen versuchen es nicht mal mehr, an dem Tag durch Dresden zu marschieren. "Damit ist eine Menge erreicht", so Klose. "Und dazu gehören auch die Gegendemonstrationen und der Mahngang Täterspuren." Bei der Kette gehe es um den Schutz der Stadt und eine Selbstvergewisserung der Gesellschaft, dass sie gegen Rechtsextremismus steht. "Die Kette schließt die Rechtsextremen aus. Es geht dabei auch immer um die Deutung von Erinnerung." Dass der 13. Februar weiterhin ein Tag der Erinnerung bleibt, hält Klose für wichtig. Auch für die nachfolgenden Generationen.

Das Gedenken verändere sich und wurde bewusst verändert. Alleine dadurch, dass die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof nicht mehr der protokollarische Hauptakt ist, sondern dezentral, parallel an vielen Orten gedacht wird. Außerdem sei es ein Zeitraum, der am 27. Januar mit dem Tag, als das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, beginnt. Dazu gehöre auch der 8. Mai, der derzeit diskutiert wird, als Tag der Befreiung Deutschlands und auch Dresdens von der Naziherrschaft.    

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Klose ist sich sicher: "Wenn mehr Bürger aufstehen, Zivilcourage zeigen, kann man etwas verändern." Damit meint er nach dem 13. Februar dann auch den Tag, an dem ein rechter Aufmarsch geplant ist. Wenn es dann eine große, friedliche Gegendemonstration gibt, könnte man die Neonazis beeindrucken. "Wenn jemand nicht willkommen ist, dann geht er. Und man würde auch die Medien beeindrucken, es würde nicht mehr über den Aufmarsch berichtet, sondern viel mehr über die Gegendemonstration der Dresdner." Dennoch bleibe die Menschenkette als Ritual wichtig, auch wenn die Neonazis irgendwann gar nicht mehr kommen sollten.    

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