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Die antiken Schätze des Kurfürsten

In der nun wiedereröffneten Sempergalerie finden sich neben den Gemälden Alter Meister auch über 400 Werke der Skulpturensammlung.

Die Schätze der Dresdner Skulpturensammlung zieren teilweise erstmals die Sempergalerie.
Die Schätze der Dresdner Skulpturensammlung zieren teilweise erstmals die Sempergalerie. © David Brandt / SKD

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Als Ende Februar die Sempergalerie am Zwinger nach sieben Jahren umfassender Sanierung in voller Schönheit wiedereröffnet wurde, ahnte kaum jemand, dass sich die Tore schon kurz darauf abermals schließen würden. Die Gründe kennen wir, und nun, da das öffentliche kulturelle Leben Schritt für Schritt wieder erwacht, genießen wir die Neueröffnung der Alten Meister vielleicht noch intensiver.

Das Besondere in dem von Gottfried Semper entworfenen Museum, das 1855 eingeweiht wurde, besteht neuerdings darin, dass hier nicht nur 700 Gemälde Alter Meister wie Raffael und Rembrandt, Giorgione und Cranach zu sehen sind, sondern auch mehr als 400 Werke der Skulpturensammlung. Bei den Feierlichkeiten im Februar lag der Fokus vor allem auf Berühmtheiten wie der Sixtinischen Madonna oder der Schlummernden Venus. Hier wollen wir nun den Blick stärker auf jene Werke richten, die zum Teil erstmals hier stehen und von nicht minderem künstlerischen Rang sind: Marmorskulpturen und Bronzeplastiken aus der Antike, der Renaissance und dem Barock.

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Wundervolle Schattenspiele

Die Antikenhalle im östlichen Hochparterre barg anfangs die Sammlung von insgesamt 833 Gipsabgüssen antiker Statuen. Sie sind eine Art Second-Hand-Kunst, wertvoll für die anschauliche Vermittlung der antiken Ästhetik, aber eben keine Originale. Diese Abgüsse, die der Maler Raphael Mengs aus Rom nach Dresden gebracht hatte, wechselten 1891 ins Albertinum, und der frei gewordene Bereich beherbergte danach vor allem Prunkstücke der Rüstkammer. 

Nun aber wird die Halle, die dank der Bogenfenster zum Theaterplatz und zum Zwingerhof wundervolle Licht- und Schattenspiele erlaubt, erstmals ihrem Namen ganz und gar gerecht. Hier stehen jetzt antike Statuen, Torsi, Büsten und Köpfe, die rund 2.000 Jahre alt sind und eine hochkarätige Sammlung repräsentieren, die sich auf Augenhöhe mit vergleichbaren Museen in Neapel, Rom oder London befindet. Diese Kollektion geht fast ausschließlich auf August den Starken zurück. Der kaufte 1728 über den Baron Leplat in Rom bei den Kardinälen Albani und Chigi für 54.000 Scudi romani sage und schreibe 196 Marmorskulpturen von letztlich unermesslichem künstlerischen Wert. Zum Vergleich: Sein Sohn, anders als der „starke“ Vater eher an Gemälden interessiert, ließ sich allein Raffaels Sixtina 25.000 Scudi kosten.

Rembrandts "Ganymed in den Fängen des Adlers" von 1635 hängt neben Henrick de Keysers "Weinendem Kind" von 1615.
Rembrandts "Ganymed in den Fängen des Adlers" von 1635 hängt neben Henrick de Keysers "Weinendem Kind" von 1615. © David Brandt / SKD

Ganz gleich, von wo aus man die Antikenhalle betritt – schon auf den ersten Blick offenbart sich die außerordentliche Schönheit der Präsentation. Zentral postiert ist das „Symplegma“. Dieser Fachausdruck meint „Verflechtung“: Ein feminines Wesen, das sich bei genauerer Betrachtung als Zwitter oder „Hermaphrodit“ entpuppt, erwehrt sich des Übergriffs eines geilen Lustmolchs.

Verknotete Täter und Opfer

Der Silen, oft auch als Satyr bezeichnet, hat noch nicht gemerkt, dass er es mit keiner Nymphe zu tun hat. Falls er dachte, leichtes Spiel zu haben, wird ihm der Irrtum nun schmerzlich bewusst. Die Beine von Täter und vermeintlichem Opfer haben sich verknotet, beide werden stürzen, doch der Silen bekommt nicht, was er wollte. Ringsum geht es gemessener zu. Rechter Hand steht die stolze Athena, zur Linken Göttervater Zeus, beides zwei Meter hohe Marmorkopien griechischer Bronzestatuen von unvergleichlicher Noblesse. Im Hintergrund ragen drei Frauenfiguren auf, die Gruppe wird dominiert von der „Großen Herkulanerin“, die nach dem bei Pompeji gelegenen Fundort Herculaneum so heißt. 

Von besonderer Anmut ist der auch „Dresdner Knabe“ genannte junge Athlet, der im Original vom Griechen Polyklet geschaffen wurde. Wie bei vielen Figuren hier handelt es sich um eine römische Kopie nach dem Urkunstwerk. Der Knabe ist in göttlicher Gesellschaft: Da finden sich Aphrodite alias Venus, Apollo, Hermes und Artemis, aber auch Musen, Philosophen und Imperatoren – Porträtbüsten etwa von Mark Aurel und Caracalla. Bemerkenswert ist der Kopf des Kaisers Maxentius, der einer reichen preußischen Schenkung entstammt. König Friedrich Wilhelm I. hatte August dem Starken in den 1720ern 50 antike Skulpturen zukommen lassen. Sein Sohn Friedrich II. war bekanntlich anders drauf und hat sich mit seinen Truppen später in Dresden wenig kultiviert aufgeführt.

Präsente vom Medici-Fürst

Bildwerke der Renaissance und des Barock gelangten oft schon zu Lebzeiten der Künstler als Geschenke oder Erwerbungen an den Hof der Wettiner. Einige dieser Stücke gehörten zu den frühesten Objekten in der um 1560 unter Kurfürst „Vater August“ begründeten „Kunst-Cammer“, die den Grundstock der Sammlungen bildete. Von hohem Rang sind Präsente der toskanischen Großherzöge Cosimo I. und Francesco I. aus Florenz. Cosimo schickte noch vor 1574 kleine Alabasterkopien von Michelangelos berühmten „Tageszeiten“ nach Dresden. Nach dem Vorbild der vier Grabfiguren aus der Medici-Kapelle hatte der aus Südflandern stammende Jean de Boulogne, auch als Giambologna bekannt, diese Miniaturen geschaffen, die im Detail erotisch aufgeladen und sehr raffiniert wirken. Die kann man zusammen mit anderen Werken der Epoche im ersten Stock in einem Gang bewundern, der sein Licht vom Zwingerhof her erhält.

Als Augusts Sohn Christian 1587 Sachsens Kurfürst wurde, sandte ihm der Medici-Fürst Francesco I. mehrere Bronzen, alle ebenfalls von Giambologna, und der Bildhauer packte als persönliches Geschenk eine Figur drauf – den Mars. Der ist nach einer Odyssee nun wieder in Dresden zu sehen und steht im Zentrum einer Kabinettschau. Einige Bronzen französischer Künstler kamen zu Zeiten Augusts des Starken ebenfalls durch Baron Leplat nach Dresden.

Barocke Amazonen

Reizvolle Sichtbeziehungen sind durch Kombination von Skulpturen und Plastiken mit Gemälden entstanden. So korrespondiert Adriano Fiorentinos 1498 geschaffene Büste von Kurfürst Friedrich dem Weisen mit Cranachs Katharinen-Altar: Friedrich hatte Lucas Cranach den Älteren als Hofmaler nach Wittenberg geholt. Es gibt weitere feine Interaktionen: Vor dem Gemälde „Satyr und Tigerin“ von Rubens steht ein dem Satyr ganz ähnlicher kleiner Silen aus Marmor, der im 3. Jahrhundert in Rom entstanden sein dürfte.Und im Obergeschoss der Galerie, gleich an der Treppe, finden sich die barocken „Amazonen“, vier weibliche Marmorbüsten von Gianmaria Morlaiter, direkt vor Giambattista Tiepolos bewegtem Seestück „Der Triumph der Amphitrite“ mit nicht minder prächtigen Damen – beide Künstler waren Venezianer und dürften einander gut gekannt haben.

Wer also nicht nur auf die berühmten Gemälde aus ist, sondern sich auch auf die Werke der Skulpturensammlung einlässt, wird bemerken, dass die Malerei der Renaissance vom Schönheitsideal der Antike stark beeinflusst wurde und Raffael, Giorgione oder Parmigianino Statuen der Venus und der Athena gut gekannt haben. Auch im Barock war das inhaltliche und dekorative Zusammenspiel der Genres und Gattungen allgegenwärtig. Dieses Miteinander ist in der Sempergalerie jetzt so augenfällig wie nie zuvor.

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