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Architektur: "So etwas nicht mehr bieten lassen"

Die Dresdner Architektin Susanne Krause kritisiert einen Neubau an der Friedrichstraße. Was ihr nicht gefällt und was sie für die Zukunft fordert.

An der Ecke von Friedrich- und Weißeritzstraße entsteht ein Komplex mit mehr als 120 Wohnungen. Im Erdgeschoss soll ein Supermarkt und ein Café einziehen.
An der Ecke von Friedrich- und Weißeritzstraße entsteht ein Komplex mit mehr als 120 Wohnungen. Im Erdgeschoss soll ein Supermarkt und ein Café einziehen. © Sven Ellger

Dresden. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Das weiß auch Susanne Krause, Friedrichstädterin und Architektin mit viel Herzblut für ihr Wohnviertel. Als Grünen-Stadträtin sitzt die zweifache Mutter im Bauausschuss. Angesichts des Neubaus, der an der Ecke von Friedrich- und Weißeritzstraße gerade hochgezogen wird, sagt sie aber ganz entschieden: "So etwas will ich mir in Zukunft nicht mehr bieten lassen!" 

Gemeint ist das Ergebnis, das nun - so findet Susanne Krause - so gar nichts mehr mit der Visualisierung zu tun hat, die Investor Heinrich Nenninger für das Gebäude einst hat erstellen lassen. Zur Gestaltung der Fassade ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viel zu sagen, am Gebäude wurde kürzlich erst Richtfest gefeiert, noch ist es ein Rohbau. "Aber schon jetzt sehe ich Abweichungen", sagt Architektin Krause. Etwa im Erdgeschoss. Dort verspricht die Visualisierung ein Café mit ebenerdiger Terrasse davor. 

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Der Entwurf zeigt im Erdgeschoss ein ebenerdiges Café an der Weißeritzstraße. Das wird es so nicht geben, denn das Erdgeschoss ist viel niedriger als der Gehweg davor.
Der Entwurf zeigt im Erdgeschoss ein ebenerdiges Café an der Weißeritzstraße. Das wird es so nicht geben, denn das Erdgeschoss ist viel niedriger als der Gehweg davor. © Visualisierung: Stellwerk Architekten

Die Terrasse wird es so nicht geben, denn das Erdgeschoss liegt deutlich unter der Höhe von Gehweg und Straße davor. Das ist vor Ort gut zu erkennen. Das zeige, dass Visualisierungen oft geschönt und nicht mehr als Schaubilder sind, sagt Susanne Krause. Sie verweist auch darauf, dass die Oberleitungen der Straßenbahn auf der Visualisierung fehlen. "Alles für den besseren optischen Eindruck." 

Deshalb fordert sie, dass der Bauausschuss bei einem Neubauprojekt noch mehr in Planungen einbezogen wird und nicht nur diese "Schaubilder" vorgelegt bekommt. Den  Stadträten sollten auch Einblicke in die konkreteren Pläne ermöglicht werden, die dann bei der Umsetzung genutzt werden. "Dort kann man genauer sehen, wie einzelne Details gestaltet sind." Und ob und wo die Ausführung von der Visualisierung abweicht.

Susanne Krause hat sich gegen ein geplantes Einkaufszentrum an der Friedrichstraße stark gemacht. Was dort nun stattdessen gebaut wird, enttäuscht sie aber auch.
Susanne Krause hat sich gegen ein geplantes Einkaufszentrum an der Friedrichstraße stark gemacht. Was dort nun stattdessen gebaut wird, enttäuscht sie aber auch. © Sven Ellger

Das hätte sich Susanne Krause auch für den Neubau in der Friedrichstadt gewünscht. Mit einem Bebauungsplan beispielsweise hätten Stadt und Bauausschuss etwas mehr Einfluss gehabt. Für dieses Gebiet wurde aber keiner aufgestellt, was dem Investor große Freiheiten für seine Bauprojekte lässt. "Bauherren müssen sich bewusst machen, dass sie eine große Verantwortung haben."

Dabei kann sie sich gut daran erinnern, wie erleichtert auch sie 2017 zunächst war, als Investor Heinrich Nenninger die Pläne für den Wohnkomplex mit Läden im Erdgeschoss präsentierte. Dem war 2015 nämlich eine Petition vorausgegangen, weil auf dem Grundstück eigentlich ein großes Einkaufszentrum gebaut werden sollte. Das konnten die Friedrichstädter und auch andere Dresdner mit ihrem Protest und 1.500 Unterschriften verhindern - Nenninger plante schließlich um. 

Auch Susanne Krause hatte sich damals in der Bürgerinitiative gegen das große Einkaufszentrum stark gemacht, dessen Entwurf sie als langen, geschlossen Klotz im Stile der 1990er-Jahre empfand. "Da war der neue Entwurf schon um Welten besser." Der Eckkomplex ist in acht Gebäudeteile untergliedert, was ihm die Wuchtigkeit nehmen soll. Nun ist Susanne Krause dennoch enttäuscht über das, was da an der Friedrichstraße gebaut wird. "Ich hoffe, dass wenigstens die Bäume gepflanzt werden, die auf der Visualisierung zu sehen sind." 

Auch andere Gebäude weichen vom Entwurf ab

Auch an anderen Stelle in Dresden gibt es Beispiele, wie sehr der Architektenentwurf vom fertigen Gebäude abweichen kann. Etwa die "Goldfassade" an der Bautzner Straße: Die Gestaltung des Einkaufszentrums an der Kreuzung zur Rothenburger Straße wurde als trist kritisiert, vor allem der erwartete helle Goldton, den die Visualisierung versprach, fehlt bei der Umsetzung. 

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Ähnlich empfanden viele Dresdner auch beim neuen Einkaufszentrum "SP 1", das dann plötzlich gar nicht so aussah wie das Gebäude auf dem Entwurf. Vor allem die graue Fassade und die davorgehängten Lochbleche, die sich gegenüber der Gläsernen Manufaktur entlang der Stübelallee erstrecken, wurden von Stadträten kritisiert, die das Bauprojekt 2013 ja selbst genehmigt hatten. Anhand der Visualisierung. 

Der Entwurf zum Parkhaus in der Bautzner Straße 33 machte Hoffnung auf einen Farbtupfer in der Neustadt.
Der Entwurf zum Parkhaus in der Bautzner Straße 33 machte Hoffnung auf einen Farbtupfer in der Neustadt. © Visualisierung: Florana KG
Was aus dem Entwurf gemacht wurde, ist eher trist, vom hellen Goldton der Visualisierung keine Spur. 
Was aus dem Entwurf gemacht wurde, ist eher trist, vom hellen Goldton der Visualisierung keine Spur.  © Archiv: Ronald Bonß

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