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"Dann kann ich den Laden zumachen"

Eine autofreie Neustadt ist für Jörg Stübing ein Horrorszenario. Vor dem geplanten Test im Sommer will der Dresdner Buchhändler Antworten.

Jörg Stübing hält wenig von der Verdrängung aller Autos aus der Neustadt.
Jörg Stübing hält wenig von der Verdrängung aller Autos aus der Neustadt. © Mario Doering

Schon der Onlinehandel hätte den guten alten Buchladen töten können. Als dann noch die E-Books aufkamen, hatte Jörg Stübing schon ein bisschen Muffensausen. Und doch gibt es seinen guten alten Buchladen auf der Louisenstraße in der Neustadt auch heute noch. Mehr noch: In den vergangenen Jahren wurde "Büchers Best" gleich mehrfach mit dem Deutschen Buchhandlungspreis geehrt. 

Jörg Stübing ist stolz auf sein Geschäft. Bei ihm ziehen die Kunden nicht einfach nur Bücher aus den Regalen. Bei ihm wird Literatur noch gelebt. Es gibt Lesungen, Musikabende und eine stets hochmotivierte Beratung. 

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Ein besonderer Service des 55-jährigen ist es, dass er innerhalb weniger Stunden praktisch jedes Buch in seinen Laden holen kann, so, wie man das mit den Pillen aus der Apotheke kennt. Zwei bis drei Mal am Tag kommen seine Lieferungen. Mit großen Autos. Und das könnte womöglich bald ein Problem werden.

Schon seit Jahren gibt es Bestrebungen, alle, oder wenigstens die meisten Autos aus der Neustadt zu verbannen. Im diesem Sommer nun wird es ernst: Vom 30. August bis 6. September soll die Äußere Neustadt testweise für den motorisierten Verkehr gesperrt werden. "Woche des guten Lebens" nennt sich das Projekt, das von der Umweltorganisation Bund getragen wird. 

Entwickelt wurde die Idee ab 2017 im Rahmen des Städtewettbewerbes "Zukunftsstadt 2030". Nach den bisherigen Planungen soll es zwischen Bischofsweg und Bautzner Straße nur für Krankenwagen und Polizei Ausnahmen geben. Was aber ist mit dem Lieferverkehr, von dem viele Gewerbetreibende abhängig sind?

Bislang kann sich Jörg Stübing nicht vorstellen, wie eine autofreie Neustadt jemals funktionieren solle. "Dann kann ich den Laden zumachen", sagt er. Er fürchtet sich weniger vor ausbleibender Kundschaft. "Die meckern sowieso über fehlende Parkplätze", sagt er. Der Großteil komme jedoch zu Fuß.

Viel schlimmer sei, dass seine Lieferungen künftig in Straßensperren steckenbleiben könnten. "Die werden ganz sicher nicht mit dem Handwagen ankommen", sagt er. Man habe in der Neustadt nicht über Jahre hinweg eine komplexe Infrastruktur aufgebaut,  um jetzt auf diese Weise ausgebremst zu werden.

Warum müsse es immer gleich radikale Lösungen geben, fragt Stübing? Und warum soll überhaupt die Neustadt als Testobjekt dienen? Dass hier schon jetzt vergleichsweise wenig Verkehr durchfließe und der doch auch noch verzichtbar sei, halte er für ein absurdes Argument.

Nicht nur geschäftlich, sondern auch privat kann sich Stübing nicht mit dem Gedanken an eine autofreie Neustadt anfreunden. "Wir haben zwei Kinder und ein großes Auto. Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll." Die individuelle Mobilität liege ihm zu sehr am Herzen, als dass er künftig nur noch auf Straßenbahn und Bus setzen wolle. Notfalls würde er privat ja sogar am Rande der Neustadt parken, "wenn mir jemand mal die Parkplätze dort zeigen würde".

Kritik dieser Art hat Sindy Berndt in den letzten Wochen schon häufiger gehört. Sie ist beim Bund Dresden mit dem Projekt "Woche des guten Lebens" betraut und versteht die Händler. "Wir wollen nichts über irgendwelche Köpfe hinweg entscheiden und möglichst jeden mitnehmen", betont sie. Schon am 5. Februar gebe es den nächsten Infoabend, zu dem alle eingeladen seien. 

Dort sollen dann alle Fragen offen auf den Tisch kommen und möglichst viele Ängste beseitigt werden. "Auch das Thema Lieferverkehr werden wir besprechen", sagt Sindy Berndt. "Reichen vielleicht zwei Stunden am Tag? Das können wir gerade noch nicht einschätzen." Letztlich liege es aber auch an den Händlern, möglicherweise ihre Lager vorher aufzufüllen.

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Jörg Stübing bleibt skeptisch. "Vielleicht wären kleinere Schritte die bessere Idee", sagt er. "Mal ein autofreier Tag und die Gewerbetreibenden ausnehmen." Gut gedachte Dinge seien eben nicht immer auch praktisch umsetzbar. "Siehe Sozialismus."

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